Gesundheit : Der unerwünschte Blick auf den Busen

ANJA KÜHNE

FU-Vortragsreihe zu rechtlichen und psychischen Folgen von sexueller Belästigung an der Uni VON ANJA KÜHNE

Hochschulen sind keine unberührten Inseln in der Gesellschaft.Wenn Dozenten in der Sprechstunde ihre Blicke auf Lippen, Brüste oder unter die Gürtellinien der Studentinnen richten, Herrenwitze in der Vorlesung reißen oder körperliche Nähe beim naturwissenschaftlichen Experiment suchen, dann sind das unspektakuläre Fälle der Verknüpfung von Macht und Sexualität, wie sie auch an jedem anderen Arbeitsplatz vorkommen können. Allerdings wiegt die Verletzung der persönlichen Grenzen an Orten des Lernens, so Edith Püschel von der Zentraleinrichtung Studienberatung und Psychologische Beratung der FU, besonders schwer: "Die betreffenden Dozenten mißbrauchen das Vertrauen der Studentinnen in das Lehrer-Schüler-Verhältnis und nehmen ihnen ihr Recht auf eine sachliche und ermutigende Lernsituation." Edith Püschels Vortrag über die psychischen Folgen von Übergriffen bildete den Auftakt zu einer Reihe, die die Frauenbeauftragte und die AG "Sexuelle Belästigung" der FU in diesem Wintersemester veranstalten.Der Psychologin zufolge bewegen sich die Täter strafrechtlich meist in einer Grauzone, ihre Aktionen sind schwer zu erfassen.Oft ziele die Diskriminierung nicht einmal auf sexuelle Triebbefriedigung: Der joviale Mentor, der seine Elevin "väterlich" in die Wange zwickt, gefällt sich in der Rolle des Charmeurs.Er mag sich nicht bewußt sein, daß er die Abhängige zur Statistin degradiert und daß sie sich nicht mehr als Arbeitspartnerin, sondern "als Mädel" wahrgenommen erlebt.In anderen Fällen verstricken sich die Studentinnen in eine Liaison mit ihrem Professor.Eine Beziehungskrise könnte dann auf der fachlichen Ebene ausgetragen werden. Die Betroffenen, von Edith Püschel als "durchaus selbstbewußt, normal verunsicherbar" charakterisiert, fühlten sich durch den Machtmißbrauch des Lehrers tief gekränkt und beschämt.Nur die Mächtigen selbst werteten die Reaktionen als "Empfindlichkeit" und "Prüderie". Über Disziplinarmaßnahmen entscheidet die oberste Dienstbehörde, die aus Vertretern des Senats und der Universität zusammengesetzte Personalkommission.Zuvor muß jedoch ein Vorschlag des Präsidenten eingegangen sein, den dieser erst auf Empfehlung der Leitung der Personalabteilung ausspricht.Fristen für die Dauer des Vorgangs fehlen, so daß die Vorfälle schon über ein Jahr zurückliegen können, bis das Urteil gefällt ist.Gelegentlich antworten die Beschuldigten mit einer Verleumdungsklage. Edith Püschel rät den Studentinnen auch in Fällen, in denen man nur Gedankenlosigkeit im Umgang mit Abhängigen annehmen könne, zur Konfrontation: "Professoren sind durchaus lernfähig, aber das erfordert Mut".Den Dozenten empfahl sie, ihre Selbstwahrnehmung zu schärfen: "Erotik, Flirt und Liebe dürfen auch zwischen den Statusgruppen einer Universität stattfinden - aber auf Offenheit ausgerichtet".

Am 23.1.und 6.2., jeweils 16 Uhr, wird die Reihe mit den Themen "Rechtliche Möglichkeiten" und "Sexuelle Belästigung als Form des Mobbing" fortgesetzt (Rostlaube, Raum J23/103).

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben