Gesundheit : Der Urknall findet noch heute statt

Den ganzen Kosmos im Blick: In ihrer „Denkschrift Astronomie“ stellten Forscher in Berlin große Zukunftsprojekte vor

Thomas de Padova

In wohl keinem anderen Fachgebiet hat sich unser Erkenntnishorizont in den vergangenen Jahrzehnten so rasch erweitert wie in der Astronomie. „Die Entdeckungen regnen nur so auf uns herunter“, sagt der Astrophysiker Günther Hasinger. Eine davon hält die Forscher derzeit ganz besonders in Atem: die erst vor kurzem bei Satellitenmessungen aus der Finsternis hervorgetretene „Dunkle Energie“. Eine noch unbekannte Materieform treibt alle Objekte im Weltall auseinander. „Die Galaxien fliegen morgen noch schneller auseinander als heute“, sagt Hasinger. „Und alle Materie im Universum reicht nicht aus, um diese Expansion zu stoppen.“ Man könne daher mit einiger Berechtigung sagen: „Der Urknall findet noch heute statt.“

Der Direktor am Max-Planck-Institut für extraterrestrische Physik in Garching stellte am Mittwoch in Berlin mit der „Denkschrift Astronomie“ die Perspektiven seines Fachgebietes für die kommenden Jahre vor. Gemeinsam mit dem Präsidenten der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), Ernst-Ludwig-Winnacker, hob er jene Projekte hervor, die für die deutsche Forschung von größter Bedeutung sind.

Große Teleskope können heutzutage nur noch in internationalen Kooperationen gebaut werden. Zur Erforschung der Dunklen Energie etwa möchte die Max-Planck-Gesellschaft gemeinsam mit der amerikanischen Weltraumbehörde Nasa im Jahre 2007 einen neuen Satelliten ins All schicken. Herzstück des Weltraumteleskops soll eine in Garching entwickelte Röntgenkamera mit einem Spiegelsystem der Firma Carl Zeiss sein.

Dieses Beispiel lässt erkennen, warum die Astronomen trotz finanzieller Nöte in einem „goldenen Zeitalter der Entdeckungen“ leben. Die Forscher entwerfen und bauen ihre Instrumente großenteils selbst und beflügeln damit gleichzeitig industrielle Entwicklungen. Ohne solche Geräte „Marke Eigenbau“ wäre es auch bis heute nicht gelungen, Planeten außerhalb unseres Sonnensystems zu entdecken – ein weiterer großer Durchbruch der vergangenen Jahre.

Die neuen Observatorien sind teuer: Rund sieben Milliarden Euro wird zum Beispiel die Teleskopanlage „Alma“ in Nordchile kosten. Dort sollen in der Wüste, in 5000 Metern Höhe, 64 Einzelteleskope von zwölf Metern Durchmesser aufgestellt werden, um von 2010 an gemeinsam einen Blick in die Frühzeit des Kosmos zu werfen und die Entstehung der Galaxien zu entschlüsseln. Deutsche Forscher könnten dabei – wegen des bisher bescheidenen finanziellen Beitrages – eine geringere Rolle spielen. Aber der Ertrag solcher Großgeräte ist hoch. Das Röntgenobservatorium „Rosat“ etwa, der größte deutsche Forschungssatellit, der jemals gebaut wurde, habe zu über 5000 wissenschaftlichen Publikationen geführt, sagte Hasinger, der sich bei der Vorstellung der Denkschrift einmal mehr als begeisterter Vertreter seines Faches erwies.

„Die Astronomie hat eine unglaubliche Zugkraft, junge Leute in die Forschung zu locken“, sagte Hasinger. An den hiesigen Universitäten sei sie allerdings nur schwach repräsentiert. Von den insgesamt 1303 Physikprofessuren an deutschen Hochschulen sind nur 46 Astronomie-Lehrstühle – ein Anteil von gerade einmal 3,5 Prozent.

Im internationalen Vergleich steht die Astronomie in Deutschland schlecht da. Auch der Nachwuchs bleibt aus, nicht mangels Interesse, sondern wegen fehlender Angebote. Nur sechs Prozent der Doktorarbeiten innerhalb der Physik haben astronomische Themen zum Gegenstand. In anderen europäischen Ländern sind es der Denkschrift zufolge 18 Prozent der Dissertationen.

„Wir brauchen neue Lehrstühle für Astronomie“, sagte Hasinger. Doch wenn es um neue Professuren gehe, habe die Astronomie als Grundlagenforschung oft schlechte Karten. „Die angewandte Forschung hat es da leichter. Aber bei uns misst sich der langfristige Erfolg nicht in Jahren, sondern in Jahrzehnten.“

„Ohne die Universitäten haben wir keine Chance, die Astronomie international an der Spitze zu halten“, sagte DFG-Präsident Winnacker. Aber gerade die Universitäten seien in der gegenwärtigen Diskussion um die Finanzen der große Verlierer. Die Wissenschaft habe sich in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert. „Sie ist interdisziplinärer geworden, und darunter leiden die Universitäten ganz besonders“, sagte Winnacker. Um heute in der Forschung eine international führende Rolle zu spielen, brauche man ein ganzes Team von Experten, „eine kritische Masse von guten Leuten“. In der Astronomie sind die wenigen Lehrstühle aber auch noch auf viele Orte verteilt. Fünf Universitäten mit zehn Lehrstühlen wären für die Zukunft der Astronomie – und auch anderer Fachgebiete – heutzutage sicherlich besser als 30 Universitäten mit einem oder zwei Lehrstühlen.

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