Gesundheit : Der Verlag Walter de Gruyter wird 250 und behauptet sich weiter als Familienbetrieb

Clemens Wergin

"Vermögender Kaufmann, 31 J. alt, verheiratet, Dr. phil. (Germanist), sucht Beziehungen, die zur thätigen Mitinhaberschaft oder Übernahme einer angesehenen Verlagsbuchhandlung oder Verlagsanstalt führen können." So inserierte Walter de Gruyter, der Sohn eines Kohlengroßhändlers, 1894 im Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel. Was wie eine zaghafte Brautwerbung begann, fügte der umsichtige Geschäftsmann 1919 zu einem der angesehensten und machtvollsten Wissenschaftsverlage Deutschlands zusammen: Die Verlage G.J. Göschen, I. Guttentag, Georg Reimer, Karl I. Trübner und Veit & Comp fusionierten zur Vereinigung wissenschaftlicher Verleger Walter de Gruyter & Co. Das war der Abschluss der Beteiligungs- und Übernahmepolitik de Gruyters, der 1897 zunächst den angeschlagenen Reimer-Verlag übernahm und sich dann in wechselseitiger Teilhaberschaft mit renommierten Verlagen verband. Damit legte er den Grundstein des Familienbetriebs, der sich noch immer erfolgreich gegen jede Übernahme von außen wehrt.

"Wir sind wild entschlossen, unabhängig zu bleiben", verkündet Hans-Robert Cram, Urenkel de Gruyters und Vertreter der Familie in der doppelten Unternehmensspitze. "Das ist der Beschluss unserer 37 Familieneigner." Angesichts der zum Jahresende wieder zunehmenden Fusionsgerüchte sieht sich auch Cram "zunehmend allein und bedrängt", andererseits biete das Konzentrationsfieber auch Chancen. "Je größer die Medienkonzerne werden, desto mehr Nischen öffnen sich", sagt Cram, denn bei Verlagsaufkäufen werden meist Bereiche ausgegliedert und verkauft, die nicht ins Konzept des Konzerns passen. So setzt der promovierte Philosoph auf moderate Expansion: "Wir sind dabei, uns umzuhören, welche Programmteile in unser Geschäft passen." Die Stärken des Verlags sieht er bei langfristigen Projekten wie Nachschlagewerken, (Real)-Lexika und Handbüchern. "Manche Reihen benötigen sieben bis zehn Jahre Vorbereitung", sagt Cram, "so langfristig plant kein großer Medienkonzern, da muss nach zwei bis drei Jahren der Break-Even-Point erreicht sein."

Langen Atem hat de Gruyter wahrlich bewiesen. Als Nachfolger des Reimer-Verlages kann man nun mit einer Ausstellung im Vestibül der Staatsbibliothek Unter den Linden das 250-jährige Jubiläum feiern: 1749 erteilte Friedrich der Große der Königlichen Realschule in Berlin das Privileg einer Buchhandlung, um "darin allerhand gute, nützliche und erbauliche Bücher verkaufen und kaufen, auch dergleichen gute und nützliche Bücher selbsten auflegen, drucken (zu) lassen, und verhandeln (zu) können." Doch erst mit Georg Andreas Reimer, der die Buchhandlung 50 Jahre später übernahm, wurde er zu einer der wichtigsten preußischen Verlage. Als der Verleger der deutschen Romantik ist Reimer bekannt, gegen Napoleon hat er gekämpft und national-romantische Autoren wie Fichte und Ernst Moritz Arndt verlegt. Wegen seiner Agitation gegen die nach dem Wiener Kongress einsetzende Restauration wurde er mehrmals von der Zensur gemaßregelt und verlor fast seine Konzession.

Nicht ohne Grund sitzt Hans-Robert Cram an seinem Schreibtisch unter dem kritischen Blick des Revoluzzers, dessen Büste mit den langen Haaren und dem zerwühlten Hemd den genialen Geschäftsmann hinter dem Freigeist kaum erkennen lässt. Doch die Herausforderungen sind heute andere. Denn im internationalen Wissenschaftsgeschäft weht eine steife Brise. 1971 gründete de Gruyter die New Yorker Dependence, 30 Prozent der Produktion de Gruyters wird inzwischen in Englisch veröffentlicht. Zwar ist vor allem in Japan die Nachfrage nach deutschen Werken der Philosophie, der Rechts- und Altertumswissenschaft ungebrochen. Doch in anderen Disziplinen der Geisteswissenschaften geht man denselben Weg wie vorher schon die Naturwissenschaften: Forscher, die wahrgenommen werden wollen, müssen auf Englisch veröffentlichen. So plant der Verlag die 2004 auslaufende Theologische Realenzyklopädie durch eine englische Version zu ersetzen. "Die Wehmut habe ich mir abgewöhnt", sagt Cram. "Ich verlege nur noch Bücher in der Sprache, in der sie auch gelesen werden."

Dabei überwiegen nicht immer wirtschaftliche Überlegungen: Nachdem 1961 bekannt wurde, dass der italienische Kommunist Mazzino Montinari die Erlaubnis erhalten hatte, das Archiv in Weimar für eine Nietzsche-Gesamtausgabe zu sichten, wollte man diese unbedingt zu de Gruyter holen. Ein heikles Unterfangen angesichts der politischen Unwägbarkeiten, musste man das Projekt doch über Jahre vorfinanzieren und konnte nicht sicher sein, ob die DDR-Führung nicht irgendwann den Zugang versperren würde. Sein Großvater habe dann wohl eher "aus dem Bauch heraus entschieden", meint Cram heute. So kam es, dass Montinari die Texte mit Verlagsangestellten am Checkpoint Charlie austauschte und später dann die Druckfahnen am selben Ort in Empfang nahm, um Korrekturen anbringen zu können. Da man Druckerzeugnisse nicht ohne Erlaubnis in die DDR einführen durfte, wurde die Übergabe der Fahnen oft genug von Grenzpolizisten verhindert. Manchmal war höchste Intervention von Nöten, um die Gesamtausgabe nicht zu gefährden. Doch heute hat sich die Investition längst bezahlt gemacht, für das Jubiläum wird eine mit dtv erstellte Paperback-Version zum verbilligten Preis erscheinen.

Bei der jüngsten Umstrukturierung ist das Personal von 150 auf 130 Mitarbeiter verringert worden, im allgemeinen Bürotausch kamen dann auch alte Archivschätze zum Vorschein, die jetzt der Handschriftenabteilung der Staatsbibliothek übergeben werden und teilweise in der Ausstellung zu sehen sind. So Briefwechsel des Verlegers mit Karl Jaspers oder eine Liste von unbezahlten Büchern für Madame de Staël, mit deren Hilfe sie ihr berühmtes Buch "Über Deutschland" schrieb. Evelyn Glowka, die sich um die Firmengeschichte bemühte, war dann auch bei jeder Schranköffnung mit dabei, doch nie fand sich das, was alle sehnsüchtig erhofften: Ein Werk von Kleist, das nachweislich im Hause verloren ging und bis heute nicht wieder aufgetaucht ist.

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