Gesundheit : Der Weg zur Professur: Totgesagte quälen länger

Anja Kühne

Wenn Gerd Krüger über seine Bewerbung um eine Professur spricht, klingt er wie ein verschuldeter Spieler, der die Roulettekugel beschwören will: "Diesmal müsste es was werden", sagt er. Dabei denkt er an die Berufungskommission, eine "Löwengrube", in der ihm noch "einige hungrige Exemplare das Handwerk legen wollen". Hätten sie Erfolg, wäre wohl Krügers letzte Chance auf einen Lehrstuhl vertan. Denn zwar ist es ihm wegen seiner besonderen Leistungen in Forschung und Lehre in den vergangenen Jahren mehrmals gelungen, unter die ersten drei von jeweils 60 bis 80 Bewerbern um eine Stelle zu kommen. Aber in seinem kleinen geisteswissenschaftlichen Fach wird in absehbarer Zeit keine weitere Professur vakant. Krüger, der im nächsten Jahr 50 wird, bliebe auf immer ein arbeitsloser Privatdozent, der, wie bisher, vom Gehalt seiner Frau leben müsste. In der Wirtschaft fängt man in diesem Alter keine Karriere mehr an, schon gar nicht als frustrierter Spezialist.

Über die Situation des wissenschaftlichen Nachwuchses in Deutschland fällt Krüger nichts Gutes ein: "Die Unis leben von den sich selbst ausbeutenden Wissenschaftlern." Viele Habilitanden mit Assistentenstelle forschen bis in die Nacht und am Wochenende, nehmen Prüfungen ab, stemmen einen Großteil der Lehre, organisieren Tagungen, lesen die Manuskripte ihres Professors und sitzen in den Gremien. "Arbeiten, arbeiten, arbeiten", sagt Krüger. Eine einsame Zeit, denn für soziale Kontakte kann sich einer kaum freimachen, der um sein Leben forscht. Doch am Ende haben sich die meisten umsonst gemüht: Statt vom Ruf auf einen Lehrstuhl erlöst zu werden, stürzen sie ins Nichts. Verkrachte Existenzen.

"Die Weichen früher stellen"

Krüger und viele seiner Leidensgenossen sehen den entscheidenden Grund für die Misere im Habilitationsverfahren, dem größten Zeitfresser auf dem Weg zur Professur. Bis zu acht Jahren arbeiten viele an dem Werk, mit dem sie schließlich dutzende von Mitwerbern ausstechen müssen. Im Durchschnitt erlangt der deutsche Nachwuchs mit 41 Jahren die Lehrbefugnis (venia legendi). Weitere Jahre vergehen, bis der Sprung auf einen Lehrstuhl gelingt. "Die Weichen müssen früher gestellt werden", sagt Michaela Holdenried, die sich an der Berliner FU in Germanistik habilitiert, "und der Nachwuchs muss aus seiner ewig währenden Kindheit entlassen werden." Selbst wenn viele Habilitanden ein gutes Verhältnis zu ihren Betreuern haben, fühlen sie sich doch zu abhängig von deren Anträgen um Stellen und Stipendien.

Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) will mit diesem langen Elend nun radikal Schluss machen: "Das Habilitationsrecht muss abgeschafft werden", heißt es in ihrem Reformkonzept. Zukünftige Nachwuchswissenschaftler sollen bereits in jüngeren Jahren erfahren, ob eine Unikarriere ihnen realistische Perspektiven bietet. In ihrem produktivsten Alter sollen sie außerdem nicht länger auf einen Professor angewiesen sein, sondern selbstständig arbeiten können. Bulmahn will, dass der promovierte Nachwuchs sich in Zukunft in der Regel als "Juniorprofessor" zum Lebenszeit-Professor weiterqualifiziert.

Kann die deutsche Wissenschaft ohne die Habilitation auskommen? Ja, meint eine breite Phalanx, von den Grünen bis zum Wissenschaftsausschuss der CSU, von der GEW bis über die Deutsche Forschungsgemeinschaft zu den Hochschulrektoren. Auch das einflussreichste Expertengremium, der Wissenschaftsrat, wird im November voraussichtlich ein positives Votum abgeben.

Doch ist die Habilitation seit Jahrzehnten unter Beschuss, und geändert hat sich nichts: So unterliefen die konservativen Fakultäten die Mitte der siebziger Jahre eingeführten Assistenzprofessuren, auf denen Nicht-Habilitierte einen Lebenszeit-Lehrstuhl erreichen sollten. Ähnlich hebelten die Berufungskommissionen das Hochschulrahmengesetz aus, nach dem auch die kumulative Habilitation oder eine mit der Habilitation gleichwertige Forschungsleistung zur Professur führen kann. Der Privatdozent Krüger glaubt, dass die Berufungskommissionen wegen des Bewerberansturms - in manchen Fächern 200 Interessenten pro Stelle - nach Kriterien suchen, mit denen sie das Feld "mechanisch eingrenzen" können. Wer keine Habilitation hat, fliegt raus.

Der Widerstand formiert sich

Auch jetzt gibt es wieder kräftigen Gegenwind gegen eine Reform: wie nicht anders zu erwarten, von den Fakultätentagen und dem Hochschulverband, in dem über die Hälfte der deutschen Professoren organisiert ist. "Die jungen Leute sollten nicht zu fest daran glauben, sie müssten keine Habilitation mehr schreiben", kündigt Alfred Kieser, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Fakultätentage bereits selbstbewusst an.

Doch gibt es auch Kritik von unverdächtiger Seite. Sollte die Reform ohne eine kräftige Aufstockung der finanziellen Mittel umgesetzt werden, wird es "ein totgeborenes Kind", sagt der ehemalige DFG-Präsident und Präsident der Alexander von HumboldtStiftung, Wolfgang Frühwald. Und die in Wien lehrende deutsche Romanistin Friederike Hassauer kritisiert, der Entwurf der Bildungsministerin propagiere die Juniorprofessur als Einzelmaßnahme in einem "maroden finanziellen und strukturellen Umfeld". Hassauer haftet keineswegs der Geruch an, eine Anhängerin des traditionellen Hochschulwesens und seiner Riten zu sein. In ihrer Antrittsvorlesung "Homo. Academica." (Passagen Verlag, Wien) entzündete sie 1993 einen Skandal. Damals schmähte sie die Habilitationsverfahren als "maskuline Universitätsreligion", die weniger mit Wissenschaft zu tun hätte als mit "Kräftemessen - zu bestehen bei Strafe des Untergangs". Im Hinblick auf Bulmahns Juniorprofessur wünscht sich die Kuratorin der Volkswagenstiftung und ehemalige Berkeley-Professorin nun lieber, dass es bei der ihrer Ansicht nach in der letzten zehn Jahren "geschlechtsgerechter" gewordenen Habilitation bleibt. Die Situation für den weiblichen Nachwuchs habe sich seitdem gerade in den Geisteswissenschaften verbessert.

Das Geld für die angestrebten 6000 Juniorprofessoren, denen ein eigenes Budget und "eine drittmittelfähige Grundausstattung" zustehen soll, will Edelgard Bulmahn aus den jetzigen 19 000 C1- und C2-Assistentenstellen gewinnen. Das Lehrdeputat der Assistenten sollen die Juniorprofessoren übernehmen, die wissenschaftlichen Dienstleistungen für Fachbereiche und Professuren sollen allein auf den Schultern des wissenschaftlichen Mittelbaus ruhen. Doch der ist an Unis in finanzschwachen Ländern bereits zahlreichen Kürzungsorgien zum Opfer gefallen. Die von Bulmahn eingesetzte Expertenkommission hält eine solche Reform deshalb für unmöglich: Sie könne nur gelingen, wenn die Bundesländer Geld in "nennenswertem Umfang" investierten. Schon deshalb dürfte sich Bulmahn mit ihrer Maximalforderung nicht durchsetzen.

Ein Kompromiss, bei dem die Juniorprofessur nur ein Weg unter anderen zur Lebenszeit-Professur wäre, käme den Kritikern auch aus einem anderen Grund entgegen. Viele befürchten, die nächste Generation von Professoren könnte aus wissenschaftlichen Dünnbrettbohrern bestehen. Juniorprofessoren müssen Examenskandidaten prüfen, Doktoranden betreuen, verantwortlich in die Gremienarbeit einsteigen, Drittmittel einwerben. Sie haben also noch weniger Zeit für die eigentliche Forschungsleistung als die bereits über zu viel Arbeit klagenden Assistenten. Überdies verschweige Bulmahns Konzept, welche wissenschaftlichen Leistungen genau an Stelle der Habilitation treten sollen, kritisiert die Romanistin Friederike Hassauer. In dem Entwurf heißt es eher vage, je nach Tradition des Faches könnten von den Bewerbern Veröffentlichungen in internationalen Fachzeitschriften oder - besonders in den Geisteswissenschaften - das "zweite Buch" verlangt werden, eine Monographie, die wie in den USA aus dem gleichen Gebiet wie die Dissertation kommen darf.

Könnte demnach auch ein Germanist mit zehn veröffentlichten Aufsätzen Professor werden? Frühwald, Hassauer und viele ihrer geisteswissenschaftlichen Kollegen können sich das nicht vorstellen: Zwar sei die Habilitation in den Naturwissenschaften wirklich nur noch eine bloße Formalität. In Fächern aber, die vor allem aus Traditionswissen schöpften, bleibe ein zweites Buch zwingend. "Die deutsche Forschung wird zu zwei Dritteln durch Dissertationen und Habilitationen bestimmt", meint Frühwald. "Ich kann nur davor warnen, die Habilitation abzuschaffen. Sie ist so lebendig wie nie zuvor." In der Schweiz etwa diskutiere man gerade ihre Einführung.

Neidischer Blick in die USA

Die Tradition der Habilitation reicht so weit zurück, dass viele Professoren sich keine andere Qualitätsprüfung mehr vorstellen können. Das Verfahren wurde im 19. Jahrhundert nach den Humboldtschen Reformen eingeführt. Es sollte eine Hürde für die Masse der Doktoren schaffen, die mit den Professoren um das Hörgeld der Studenten konkurrierten. Dieses Problem löste die Habilitation nachhaltig. Schon 1917 beklagte sich Max Weber über das Leben des habilitierten Privatdozenten, der unbesoldet Vorträge halten muss: "Es ist außerordentlich gewagt für einen jungen Gelehrten, der keinerlei Vermögen hat, überhaupt den Bedingungen der akademischen Laufbahn sich auszusetzen."

Unterdessen blicken deutsche Nachwuchswissenschaftler wie der fast 50-jährige Gerd Krüger neidisch auf die USA: Dort tritt dieser Tage etwa die nur 29 Jahre alte Julia Kruse ihre Rhetorik-Professur an der Drexel University in Philadelphia an. Sie glaubt, dass sie sich auf ihrer sechsjährigen Assistant-Professur, dem Pendant zum deutschen Junior-Professor, auch ohne eine dicke Habilitationsschrift gut auf eine Lebenszeit-Professur (Full Professor) vorbereiten kann. "Biedere Fleißarbeiten lässt hier niemand zu", sagt die Deutsche, die an der Florida State University ihren PhD machte. Um die jährlichen Evaluationen durch die Fakultät zu überstehen, muss Kruse ausreichend viele Publikationen in renommierten, von Fachkollegen referierten Zeitschriften vorweisen können.

Ein solches Verfahren könnte auch in Deutschland höherwertige Forschungsleistungen hervorbringen. "Die Habilitation belohnt die Angepassten und verjagt die guten Kreativen, für die es zu ermüdend ist, sich mit einer artigen Fleißarbeit hochzusitzen", sagt die Berliner Literaturwissenschaftlerin Imke Adler. So blieben den Unis "zum Verzweifeln viele" Mittelmäßige. Die Habilitandin glaubt, dass die Juniorprofessuren neue Energien in Wissenschaft und Lehre freisetzen würden: "Ich bin absolut für die Abschaffung der Habilitation."

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