Gesundheit : Der weite Weg zu Mars und Venus

In Berlin entsteht ein Institut für Planetenforschung – eine gemeinsame europäische Neugründung ist nicht in Sicht

Thomas de Padova

„Unser Planetensystem ist ein Opernhaus“, sagt Horst Uwe Keller vom Max- Planck-Institut für Aeronomie in Katlenburg-Lindau. Es zu besuchen und zu erforschen, sei eine Frage der Kultur. Denn die Stellung der Erde und ihre Entwicklung könne nur begreifen, wer auch auf die kosmische Nachbarschaft schaue.

In Europa wird diese Kultur bisher wenig gepflegt. Zwar plant die europäische Weltraumorganisation Esa inzwischen Reisen zum Mars, zur Venus und auch zu Kometen. Aber es gibt in Europa nur wenige Wissenschaftler, die ein tieferes Verständnis von der Planetenentwicklung haben.

Bis heute können sich die europäischen Staaten nicht darauf einigen, gemeinsam ein Planetenforschungs-Institut aufzubauen. In anderen Fachbereichen ist man da viel weiter. Etwa in der ebenso teuren Elementarteilchenphysik. Hier gibt es mit dem „Cern“ bei Genf eine international herausragende Einrichtung, die die Forschung in allen Mitgliedsstaaten beflügelt, vor allem an den Universitäten. In der Planetenforschung dagegen wurschteln bislang alle Ländern vor sich hin.

Nun möchte das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Berlin-Adlershof ein neues Institut für Planetenforschung etablieren. Es soll aus dem bestehenden Institut für Weltraumsensorik und Planetenerkundung hervorgehen. Letzteres wurde erst vor wenigen Jahren gegründet und aus den beiden bis dahin eigenständigen Instituten, einem für Weltraumsensorik und einem für Planetenerkundung, zusammengesetzt.

Mysteriöse Entlassung

Das neue Institut wird um einige Planstellen ärmer sein als das bisherige. Denn die Bundesregierung will künftig die Verkehrsforschung in Deutschland zu Lasten der Luft- und Raumfahrt fördern. Davon wird zwar unter anderem das Verkehrsforschungsinstitut in Adlershof profitieren. „Aber in der Raumfahrt müssen wir bundesweit 100 Stellen abbauen“, sagt Jörg Wehner, Vorstandsassistent für Raumfahrt beim DLR. „Das Raumfahrtbudget im DLR ist gedeckelt.“

In Berlin trifft dies insbesondere die Infrarotastronomie. Sie soll in Adlershof nur noch so lange fortgesetzt werden, bis der Jumbo „Sofia“ in ein paar Jahren mit einem Teleskop an Bord zu seinen Beobachtungsflügen starten kann. Dann soll dieser Sektor aufgegeben werden. Betroffen davon sind etwa 20 Stellen.

„Wir müssen in Zukunft noch stärker Schwerpunkte setzen und uns auf einige wenige Gebiete konzentrieren“, sagt Achim Bachem, der das Berliner Institut für Weltraumsensorik und Planetenerkundung derzeit kommissarisch leitet, nachdem der ehemalige Direktor, Gerhard Neukum, unter mysteriösen Umständen gefeuert wurde. Zu den vorrangigen Themen solle unter anderem die Erkundung des Mars gehören. „Wir wollen in Europa eines der führenden Planetenforschungsinstitute werden.“ Ein ehrgeiziges Unterfangen, angesichts der knappen Mittel.

Unendliche Weiten des Alls

Auch das Max-Planck-Institut (MPI) für Aeronomie in Katlenburg-Lindau bemüht sich um interplanetares Renommee: mit einem neuen Direktor, aber nicht gerade mit viel Rückendeckung seitens der Max-Planck-Gesellschaft. Die nämlich schweift mit ihren astronomischen Programmen und Observatorien inzwischen lieber zu fernen Galaxien, als das zu erforschen, was vor unserer Haustüre passiert. Das MPI für extraterrestrische Physik in Garching zum Beispiel ist schon völlig in die unendlichen Weiten des Alls entrückt. Die Zukunft der angesehenen Abteilungen für Kosmochemie am in Mainz oder der Staubforschung in Heidelberg steht noch in den Sternen.

An den deutschen Universitäten ist die Situation noch bedauerlicher. Mit Ausnahme der Universität Münster hat die Planetenforschung an den Hochschulen bislang kaum internationalen Rang. Am Interesse der jungen Wissenschaftler mangelt es nicht. Aber wegen fehlender Perspektiven räumen auch gute Nachwuchskräfte spätestens nach der Promotion das Feld.

„Wir können uns die Kleinstaaterei nicht länger leisten“, beurteilt Horst Uwe Keller die Lage. „Wir müssen endlich ein europäisches Planetenforschungsinstitut schaffen. Die einzelnen Länder sind nicht groß genug, um konkurrenzfähig zu sein.“ Er plädiert dafür, die Esa zu stärken und die nationalen Raumfahrtprogramme auf Dauer abzuschaffen. „Wir vergeuden sonst eine Menge Geld.“

Wer heute darüber klagt, wie dürftig das Wissen in der europäischen Bevölkerung über unser Planetensystem ist, der kann darin durchaus ein Spiegelbild der Wissenschaft erkennen: Auch vielen Forschern fehlt der Überblick.

So weiß der eine Wissenschaftler vetwas über Krater auf dem Mars, der andere kennt die marsianische Atmosphäre und wieder ein anderer hat sich mit dem Magnetfeld des Roten Planeten beschäftigt. Schon ein einzelnes Universitäts-Institut in den USA, etwa das Planetenforschungsinstitut in Tucson in Arizona, vereint mehr Sachkompetenz auf sich als alle hiesigen zerstückelten Einrichtungen zusammengenommen.

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