Gesundheit : Der Wunsch, etwas für sich zu tun

Viele Kranke setzen auch auf alternative Verfahren

Rosemarie Stein

An Heilung durch Wundermittel glauben nur wenige. Aber viele Krebspatienten, die nach allen Regeln der wissenschaftlichen Medizin behandelt wurden, tun zusätzlich noch etwas anderes. Sie schlucken zum Beispiel Vitamine und Spurenelemente, halten Diät, trinken spezielle Tees, lassen sich akupunktieren, mit Mistel-, Enzym-, Thymus- oder anderen Tierorganpräparaten behandeln, greifen zu Mitteln der Homöopathie oder der traditionellen chinesischen Medizin.

„Methoden mit unbewiesener Wirksamkeit“ standen auch auf dem Programm des 27. Deutschen Krebskongresses. Die Anwendung alternativer oder „komplementärer“ Verfahren nehme zu, berichtete Walter F. Jungi von der Schweizer Krebsliga. In Deutschland wenden sie etwa 43 Prozent aller Krebspatienten an. Die Gründe seien überall dieselben: Die Kranken möchten einen eigenen Beitrag zu ihrer Therapie leisten, ihre Abwehr und Selbstheilungskräfte stärken und ihre Lebensqualität steigern.

Jungi warnte: „Es findet sich unglaublich viel Unsinn im Internet.“ Aber es gibt auch zuverlässige Quellen. Wie Birgit Hiller vom Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums (Telefon 06221-410121) mitteilte, wird dort viel nach alternativen Methoden gefragt – aber oft im selben Atemzug danach, an einer wissenschaftlichen Studie teilzunehmen.

Häufig müsse man über leere Werbeversprechen aufklären, berichtete Birgit Hiller. Ein Beispiel sei das sojahaltige Nahrungsergänzungsmittel „Haelan“, von dem irrigerweise behauptet wird, es führe zu einer „Zustandsverbesserung bei Krebspatienten“ und im Deutschen Krebsforschungszentrum laufe dazu eine Studie. Der Firmensitz liegt auf der Isle of Man, also, wie oft bei solchen Mitteln, außerhalb des deutschen Rechtsgebiets.

Aus kommerziellen Gründen würden Krebskranken vielerlei Mittel angepriesen, die durch keine Ethikkommission und in keiner wissenschaftlichen Studie geprüft worden seien. Medien propagierten solche zweifelhaften Therapien, andererseits finde man gründliche Recherchen, Analysen und Warnungen vor Scharlatanerie ebenfalls fast nur in den Medien, sagte Birgit Hiller. Sie vermisst klare Stellungnahmen der Fachgesellschaften und Behörden.

In der Schweiz wurden fünf Therapien aus der von der Krankenversicherung finanzierten Grundversorgung herausgenommen, nachdem man ihnen fünf Jahre lang Zeit für hieb- und stichfeste Wirksamkeitsnachweise gelassen hatte, wie Walter Jungi berichtete: Homöopathie, Anthroposophische Medizin, Pflanzenheilkunde, Neuraltherapie und traditionelle chinesische Medizin. „Es gibt noch keine sauberen Studien über unkonventionelle Krebstherapien“, sagte Jungi.

Relativ häufig geprüft wurde die Wirksamkeit der Mistel. Aber auch der Berliner Anthroposoph Matthias Girke (Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe) bezweifelte die Aussagekraft einer positiv ausgegangenen Mistelstudie wegen ihrer methodischen Mängel. Andere von ihm vorgestellte klinische Prüfungen, deren Ergebnisse für einen gewissen Effekt von Mistelpräparaten sprachen, konnten wegen der sehr geringen Zahl von teilweise nur zwölf Patienten nicht recht überzeugen. Aus den Reihen der Krebsspezialisten wurde kritisiert, dass der Lektingehalt der anthroposophischen Mistelpräparate stark schwanke, weshalb die Wirksamkeit kaum zu prüfen sei.

Laut Girke kommt es aber nicht auf das Lektin alleine an, sondern auf alle Inhaltsstoffe. Überdies behandelten die Anthroposophen Krebskranke nicht nur mit Mistel-Präparaten. Zu den herkömmlichen und den anthroposophischen Mitteln kämen noch künstlerische und Gesprächstherapien hinzu.

Die beiden Letzteren böten auch viele jener Krankenhäuser an, die sich allein auf nachweislich wirksame Verfahren stützen, sagte Wolf-Dieter Ludwig (Robert Rössle-Klinik, Berlin-Buch). Der Krebsspezialist erforscht, ob sich das Immunsystem beeinflussen lässt. Denn hinter unkonventionellen Verfahren stehe meist der Wunsch, die Abwehrkraft zu stärken. Seine ernüchternde Antwort: „Wir wissen nicht, wie man das Immunsystem stärkt.“ Die Reaktion des Immunsystems auf Tumorzellen bestehe aus vielen noch nicht völlig aufgeklärten Mechanismen. Es sei schwierig, in dieses Zusammenspiel einzugreifen.

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