Gesundheit : Der Wurm, der aus Bengalen kam

An Nord- und Ostsee richten Schiffsbohrwürmer große Schäden an. Edelhölzer bieten Schutz

Ralf Nestler

Dumpf hallen die Schläge des Rammbärs über den Strand von Hohe Düne in Rostock. Wenn das tonnenschwere Gewicht nach unten saust, verschwindet ein Holzpfahl tiefer im Sand – eine neue Buhne entsteht. In Mecklenburg-Vorpommern gibt es über 1000 dieser Pfahlreihen, die senkrecht zum Ufer stehen und küstenparallele Erosion verhindern sollen. Etwa die Hälfte von ihnen musste in den letzten zehn Jahren erneuert werden, sagt Hans-Joachim Meier, Leiter des Umwelt-Amtes in Rostock. Diagnose: „Teredo Navalis“. Der Schiffsbohrwurm hat die Stämme so stark zerfressen, dass einige von ihnen abgebrochen sind.

Seit 1993 ist „Teredo“ in der Ostsee. Noch immer gibt es kein Verfahren, heimische Hölzer vor seiner Gefräßigkeit zu schützen. Mecklenburg-Vorpommern hat bereits 20 Millionen Euro für neue Buhnen ausgegeben, die der Schiffsbohrwurm kaputt gebohrt hatte. Das Hamburger Bundesamt für Seeschifffahrt schätzt den Schaden durch Teredo in der gesamten Ostsee gar auf 50 Millionen Euro.

„Seinen Ursprung hat der Schiffsbohrwurm im Golf von Bengalen“, sagt Jens Gercken, Institut für Angewandte Ökologie in Broderstorf bei Rostock. Dort, wo das Wasser warm ist und einen Salzgehalt von 3,5 Prozent hat, gibt es fast 100 Arten des Bohrwurmes. Die Spezies „Teredo Navalis“ dagegen kommt selbst mit einem Prozent Salz im Wasser aus und kann in der westlichen Ostsee überleben.

Bereits in den 1930er und 1950er Jahren wurde der Holzbohrer vor der Mecklenburgischen Küste nachgewiesen. Aber nach spätestens drei Jahren war er wieder verschwunden. Vermutlich konnten die Larven in dem kalten und salzarmen Meer nicht überleben. Das ist heute anders. Selbst strenge Winter machen dem Bohrwurm wenig aus. Offensichtlich bleibt der Schädling nun für immer.

„Bisher ist Teredo bis zur Südspitze Schwedens, bei Bornholm und an der Ostküste Rügens nachgewiesen worden“, sagt Biologe Gercken. Wenn sich das Tier an noch geringere Salzgehalte anpasst, könnten in einigen Jahren auch große Teile des Baltikums befallen sein.

Wie das Tier in die Ostsee kam, ist strittig. Viele Experten nennen den Januar 1993, als bei anhaltendem Westwind viel Salzwasser in die Ostsee gedrückt wurde – und mit ihm Teredo. Auch Ballastwasser wird als Ursache nicht ausgeschlossen. Entladene Schiffe, die in anderen Teilen der Welt Wasser aufnehmen, um manövrierbar zu bleiben, saugen unzählige Larven in ihre Bäuche und werden so zur reinsten Artenschleuder.

Das Rostocker Amt für Umwelt testete nun eine Schutzlösung für heimische Kiefernstämme. Diese hielt zwar Teredo fern, behinderte aber auch die Vermehrung der Miesmuscheln. Materialien wie Stahl oder Kunststoff kommen nicht in Frage, da sich 1974 beide damaligen deutschen Staaten verpflichtet haben, weitgehend natürliche Baustoffe im Küstenschutz zu nutzen. Seit 1997 werden nun tropische Hölzer sowie Eukalyptus verwendet. Sie tragen das FSC-Siegel, das für umwelt- und sozialverträgliche Forstwirtschaft steht. Für Amtsleiter Meier ein Kompromiss: „Diese Hölzer sind das einzige Material, das natürlich und zugleich resistent gegen Bohrwürmer ist.“

In der Nordsee lebt Teredo bereits seit Ende des 17. Jahrhunderts. Die wenigen Holzbauten dort werden wieder häufiger vom Schiffsbohrwurm angefressen als noch vor wenigen Jahren. In Cuxhaven wurde beobachtet, dass die Schäden durch Teredo wieder zunehmen, seit weniger Schadstoffe mit der Elbe in die Nordsee schwimmen.

„Weltweit stellt man fest, dass mit steigender Wasserqualität der Befall wieder zunimmt“, sagt Gerd Liebezeit, vom Forschungszentrum Terramare in Wilhelmshaven. Dort wird zurzeit ein neues Verfahren gegen den Bohrwurm getestet: Ein zehn Zentimeter breites Gewebe aus Mineralfasern wird um die Hölzer gewickelt. Das dichtmaschige Gewebe soll verhindern, dass Teredo-Larven oder erwachsene Würmer das Holz anbohren.

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