Gesundheit : Der zerrissene Faden

Wie Araber und Juden im Bagdad der Spätantike zusammenlebten. Eine Utopie für den Nahen Osten

Giulio Busi

Ein halb zerstörtes Gebäude mitten in der Stadt: Der ehemalige Sitz der Geheimdienste. Überall Trümmer, Spuren eines Brandes, der von den Bomben der Alliierten entfacht wurde, ein unter Wasser stehendes Untergeschoss. Ein ehemaliger Offizier des Geheimdienstes führt ein amerikanisches Kommando durch die Räume und zu den Dokumenten, die wild durcheinander auf dem Fußboden verstreut sind. Die Soldaten suchen ein hebräisches Manuskript, einen Kodex aus dem 7. Jahrhundert, den ein Ex-Offizier behauptet, an einem geheimen Ort des Gebäudes versteckt zu haben.

Wir befinden uns nicht im Berlin des Jahres 1945. Die Angelegenheit spielt sich im heutigen Bagdad ab, das noch immer benommen ist von der blitzschnellen Niederlage Saddam Husseins. Erzählt wurde sie von einem Journalisten der New York Times in einem aufgeregten und verworrenen Bericht, genauso aufgeregt und verwirrt wie diese erste Zeit der neuen irakischen Wirklichkeit. Obwohl sie Stunden durch das stinkende Wasser gewatet sind, konnten die amerikanischen Soldaten die gesuchte uralte Abschrift des Talmud, jener enzyklopädischen Sammlung der jüdischen Gesetze und des jüdischen Wissens nicht finden.

Etwas Jüdisches gab es aber tatsächlich: Satellitenfotos des israelischen Atomreaktors in Dimona, maßstabsgetreue Modelle der Knesset und viele Bücher, darunter die Memoiren Ben Gurions, das Buch über israelische Generäle von Moshe Ben Shaul und auch verschiedene – moderne – Ausgaben des Talmud. Zusammengenommen ein wahres Dokumentationszentrum zu Israel und dem Judentum, aus der Ferne studiert und ausspioniert wie ein unbekannter Planet.

Dass das Judentum im Hauptquartier der Geheimdienste in Bagdad beheimatet war, löst keine Verwunderung aus. Israel war über Jahrzehnte eine wahre Obsession des Saddam-Regimes. Ein militärischer und historischer Feind und ein bevorzugtes Propagandaobjekt. Die ganze jüngere Geschichte des Irak speiste sich aus diesem Antagonismus, in den 30er Jahren war diese Gegnerschaft sogar der Entstehungsgrund einer Unabhängigkeitsbewegung.

Die arabischen Nationalisten lehnten sich zu Beginn gegen die Rolle auf, die die lokalen Juden unter der türkischen Herrschaft und dann in der Zeit der britischen Kolonialherrschaft eingenommen hatten, als sie einen erheblichen Teil des Kultur- und besonders des Wirtschaftslebens kontrollierten. Die antijüdischen Feindseligkeiten hatten einen Höhepunkt während der Aufstände gegen die Briten im Jahr 1941, aber die Situation verschlechterte sich endgültig mit der Ausrufung des israelischen Staates 1948. Eine Welle willkürlicher Verhaftungen führte zur massenhaften Auswanderung der jüdischen Gemeinden des Irak. Anfang der Fünfzigerjahre zogen mehr als hunderttausend Menschen nach Israel um. Die wenigen Juden, die blieben, wurden an den Rand der Gesellschaft gedrängt.

Wie im größten Teil der arabischen Staaten ist die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts auch im Irak von der Entwurzelung jüdischer Gruppen gekennzeichnet, vom Niedergang der jüdischen Kultur, von der Schließung oder Umwandlung der Synagogen und anderer Gemeindeorte, in anderen Worten: von der spürbaren Leere, die von einer Minderheit hinterlassen wurde, die seit Jahrtausenden in dieser Region gelebt hatte.

Es wäre wirklich überraschend, wenn aus dem Herzen dieses Bagdad, wo heute nur noch weniger als 100 Juden übrig sind, ein antiker Kodex des Talmud zum Vorschein käme. Aber es ist wahr, dass der Babylonische Talmud in der Region zwischen Euphrat und Tigris geschrieben wurde. Zu einer Zeit, als das Judentum hier eine Freiheit genoss, die anderswo unmöglich war. Besonders im mesopotamischen Orient fand das jüdische Denken eine Zuflucht, nach dem Ende der politischen Unabhängigkeit im Lande Israel im Jahr 70 n. Chr. Auf dem Gebiet des heutigen Bagdad existierte schon im 3. Jahrhundert v. Chr. eine jüdische Siedlung.

Wie im Falle Roms – wo die Juden sich rühmen können, zu den ältesten Bewohnern der Stadt zu gehören – hat die jüdische Gemeinde jahrhundertelang die Geschichte Bagdads begleitet. Oft wurden die Juden diskriminiert, konnten sich aber stets behaupten. Während des Mittelalters, auf dem Höhepunkt des abbasidischen Kalifats, lebten dort Zehntausende Juden und es gab mindestens neun Akademien für das Talmudstudium. Der Exilarch – der Führer der jüdischen Diaspora – genoss am Hofe des Kalifen dieselben Ehren wie ein Vasallenkönig.

Trotz des Niedergangs des Landes, zunächst wegen der mongolischen Eroberungen, später wegen der Abhängigkeit von persischen und dann osmanischen Regierungen, haben die Juden im Irak eine vitale Rolle als Vermittler im internationalen Handel gespielt – etwa mit Syrien und der Türkei, aber auch mit weit entfernten Gebieten wie Indien oder Jemen.

Das, was nach der erzwungenen Trennung von Islam und Judentum fehlte, war jene kosmopolitische Ausrichtung, die die muslimische Gesellschaft traditionell auszeichnete. Die gequälte Suche nach einer arabischen Identität auf der einen, wie die Existenz eines jüdischen Staates auf der anderen Seite haben den Irak – und den ganzen Nahen Osten – eines natürlichen Elementes des interkulturellen Zusammenhalts beraubt, jener historischen Berufung, auch ein Mosaik der Minderheiten zu sein. Die Unmöglichkeit, eine mit Unterschieden durchwirkte Gesellschaft zu bleiben, ist ein zentrales Motiv für die wirtschaftliche und gesellschaftliche Stagnation dieser Weltgegend in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Den Faden des antiken arabisch-jüdischen Zusammenlebens wieder aufzunehmen, ist die schwerste Aufgabe der nächsten Generationen. Verglichen damit ist es wahrscheinlich einfacher für ein Spezialkommando, in den Trümmern Bagdads ein geheimnisvolles Manuskript wiederzufinden.

Der Autor leitet das Institut für Judaistik an der Freien Universität Berlin. Aus dem Italienischen von Clemens Wergin .

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