Gesundheit : Der zerschnittene Parzival

Nach der Reformation banden Beamte Akten in wertvolle Handschriften. Erst heute werden diese Schätze aufgearbeitet

Michael Zajonz

In den sparsamen sechziger Jahren waren sie allgegenwärtig: In Bussen und Bahnen saßen Leser, die ihre Bücher gegen Verschmutzung durch Einbände aus altem Zeitungspapier geschützt hatten. Je spannender die Lektüre, desto mehr Druckerschwärze blieb an den feuchten Händen haften – und hinterließ dann doch ihre Spuren auf den Buchseiten. So ein Recycling ausgedienter Leseware hat eine lange Tradition. Seit Anfang des 16. Jahrhunderts, dem Zeitalter der Reformation, als überall in Europa weltliche Verwaltungen entstanden, wurden die ständig wachsenden Aktenberge in alte Buchseiten eingebunden. Damals benutzten die Buchbinder gern Pergamentblätter aus den Codices aufgelöster Klosterbibliotheken. Mit dem Übertritt zum evangelischen Bekenntnis verloren viele dieser Bücher, vor allem solche liturgischen Charakters, ihre Funktion – und ihre Wertschätzung gleich mit.

Auch literarische Texte fielen dem Pergament-Recycling zum Opfer: So nutzte das Amt Arnstadt eine Fassung von Wolfram von Eschenbachs Parzival aus dem 14. Jahrhundert, um eine Akte mit Rechnungen aus den Jahren 1540/41 einzubinden. Die mit kunstvollen blauen und roten Initialen verzierte Handschrift wurde kurzerhand in der Mitte längs zerschnitten und vom zuständigen Beamten mit einer Aufschrift versehen.

Eine Kulturrevolution: Mittelalterliche Handschriften, über Jahrhunderte gehütete Raritäten, waren durch gesellschaftliche Umbrüche plötzlich zum wohlfeilen Handelsgut geworden, das sich nach Belieben transportieren und auseinander nehmen ließ. Was einzig noch zählte, war der Material- und Gebrauchswert des Pergaments. Die gesammelte Gelehrsamkeit des Mittelalters konnte seit den 1520er Jahren bei fahrenden Händlern zum Kilopreis erworben werden.

Seit dem 19. Jahrhundert hat man gelegentlich versucht, solche Barbarei rückgängig zu machen. Und so finden sich, von Stockholm bis Salzburg, in vielen Bibliotheken und Archiven Sammlungen mittelalterlicher Handschriftenfragmente, die darauffolgende Jahrhunderte als Bucheinbände überdauert hatten und nun erst in ihrem kulturhistorischen und paläographischen Wert erkannt werden. Seit ein paar Jahren werden die inzwischen meist wieder von ihren Einbänden getrennten Fragmente verstärkt wissenschaftlich erfasst und erforscht.

Wie es in den Scriptorien und Bibliotheken mittelalterlicher Klöster zuging, meinen wir spätestens seit Umberto Ecos Erfolgsroman „Der Name der Rose“ zu wissen. Was nach der Reformation und der Auflösung vieler Klöster aus den Bücherschätzen geworden ist, lässt sich oft genug nur aus solchen Überrest-Sammlungen rekonstruieren.

Jüngstes Beispiel: Sondershausen. Das Schlossmuseum der ehemaligen nordthüringischen Residenzstadt bewahrt neben den Kunstobjekten und Memorabilien der Fürsten zu Schwarzburg-Sondershausen auch ein Konvolut von 318 mittelalterlichen Handschriften- und Inkunabel-Fragmenten, entstanden zwischen dem 9. und dem 16. Jahrhundert. In die Bruchstücke mit deutschen und lateinischen Texten – 309 auf Pergament, neun auf Papier – waren Akten eingebunden.

An etlichen finden sich noch Beschriftungen aus der Zeit des ausgehenden 15. bis Mitte des 17. Jahrhunderts, die Auskunft über den Ort und die Art ihrer Zweitverwertung geben. Mit farbigen Initialen geschmückte liturgische und theologische Werke, das erwähnte Parzival-Fragment oder ein Stück aus dem Rolandslied dienten als Einbände für Getreide- oder Baurechnungen.

Die Sammlung fand lange keine Beachtung. 1999 nahm die dortige Museumsleiterin Christa Hirschler dann den Kontakt zu Gerlinde Huber-Rebenich auf. Unter Anleitung der Professorin für Mittel- und Neulatein an der Universität Jena sichtete und katalogisierte eine vierköpfige studentische Arbeitsgruppe ab 2001 die Fragmente. Kürzlich konnte die wissenschaftliche Detektivarbeit abgeschlossen werden, ein Katalog erschien. Erstmals gewinnt das Museum einen genauen Überblick über seinen Bestand, dessen wissenschaftliche Bearbeitung damit möglich wird.

Nur an einem der Sondershausener Fragmente fand sich ein Nachweis des ursprünglichen Besitzers: „Liber sancti Petri in Erfort“ heißt es auf einem Doppelblatt aus den „Theoremata de corpore Christi“ des Aegidius Romanus, einem Schüler des Thomas von Aquin. Mit ihm hatte man 1607 die Jahresabrechnung des Amtes Clingen eingebunden. Wann und unter welchen Umständen sich die Mönche aus dem Erfurter Peterskloster von ihrer scholastischen Abhandlung, deren Urfassung aus dem frühen 14. Jahrhundert stammt, getrennt haben, lässt sich nur vermuten. Vielleicht kam es als Leihgabe oder Geschenk in eine den Erfurtern verbundene Benediktinerpropstei bei Clingen, die 1606 aufgelöst wurde. Bei anderen Blättern sollen künftig auch paläographische Schriftvergleiche Anhaltspunkte dafür liefern, ob die Bücher, aus denen sie stammen, in thüringischen Klöstern entstanden sind oder von weither nach Arnstadt, Paulinzella und Stadtilm gelangt waren.

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