Gesundheit : Der Züchtungstrieb

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KOMMENTAR

Hartmut Wewetzer über den Drang, sich die Natur gefügig zu machen

Am Anfang war das Gras. Kleine Körner, hart und bitter. Oder kümmerliche, saure Beeren. All das fand der Steinzeitmensch vor, als er sich vor 10000 Jahren entschloss, sesshaft zu werden. Nein, die Natur hatte ihren Gabentisch nicht reich gedeckt. Der größte Teil der Biomasse war ungenießbar. Nur 0,1 Prozent ließ sich verzehren, der Rest war unverdaulich – Blätter, Rinde und Holz. Oder giftig wie Fliegenpilze, schwer zu sammeln wie winzige Nüsse oder gefährlich zu jagen wie Nashörner.

Hier setzt das ein, was man den Züchtungstrieb nennen könnte. Die Fähigkeit des Menschen, sich die Natur gefügig zu machen, sie zu zähmen und einzuzäunen. Heute sind 90 Prozent eines Ackers „genießbar“ – dank Züchtung. Aus dürren Gräsern wurden Weizen und Gerste, aus der ein Zentimeter langen kargen Frucht des Urmais der goldgelbe 40Zentimeter-Kolben. Für den amerikanischen Biologen Jared Diamond besteht daher kein Zweifel: die Fähigkeit, Pflanze und Tier zu domestizieren, hat den Aufstieg des Menschen begründet, hat Weltreiche entstehen und vergehen lassen. Das schreibt Diamond in seinem Buch „Arm und Reich“.

Heute sind diese Zusammenhänge aus dem Blick geraten, ja sie scheinen sich in der öffentlichen Wahrnehmung geradezu in ihr Gegenteil verkehrt zu haben. Grundnahrungsmittel sind überall verfügbar und spottbillig, zumindest in unseren Breiten. Die Werbung gaukelt uns vor, die Natur beschenke uns ständig mit perfekten Früchten und makellosem Gemüse. Die aber gibt es in freier Wildbahn nicht. Sondern nur dort, wo wir Menschen der Natur eben nicht ihren freien Lauf lassen.

Wir sind also weiter im Züchtungsbusiness. Die Weltbevölkerung verdoppelte sich in den letzten 40 Jahren von drei auf sechs Milliarden – und mit ihr die landwirtschaftliche Produktion. 2050 werden neun Milliarden Menschen die Erde bevölkern. Es bleibt also viel zu tun, damit die Menschen auch künftig gut ernährt werden - wenn möglich sogar besser als heute.

Natürlich hat sich die Züchtung gewandelt, von der instinktiven Auslese durch den Steinzeitmenschen hin zur gezielten Manipulation der Gegenwart. Die molekularbiologische Revolution hat auch vor der Pflanze nicht halt gemacht. Heute kann bis ins genetische Detail aufgeklärt werden, welche Stoffwechselprozesse in Weizen, Soja oder Reis ablaufen, wie die Pflanzen ihr Wachstum steuern und welche Produkte sie bilden. Das klingt prosaisch und technokratisch und hat so gar nichts zu tun mit unserem idyllisch verklärten Naturbild. Aber das Prinzip der Züchtung gilt heute wie vor 10000 Jahren: ertragreicher, besser, gehaltvoller.

Molekularbiologisches Wissen wird die Züchtung, die Entwicklung neuer Pflanzensorten oder -arten entscheidend prägen, mit oder ohne direkte Eingriffe ins Erbgut. Das kann man bedauern oder bekämpfen, aber wohl kaum verhindern. Am Ende triumphiert der Züchtungstrieb. Auch die Europäische Union sollte das einsehen, obwohl sie mit ihrer Blockadepolitik die Einführung gentechnisch modifizierter Pflanzen seit Jahren verhindert.

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