Gesundheit : Des Bachelors Stellmichein

Die Wirtschaft akzeptiert die neuen Abschlüsse zu wenig – erstmals warnt Bildungsministerin Bulmahn vor einem Scheitern der Studienreform

Uwe Schlicht

In Deutschland gibt es inzwischen 1600 Studiengänge mit den neuen Abschlüssen Bachelor und Master. In jedem Monat kommen weitere hinzu. Wer diese Studienreform befürwortet, sieht bereits in der puren Zahl eine Bestätigung dafür, wie richtig der eingeschlagene Weg ist. Eine realistische Skepsis unter den Befürwortern der Reform gilt bereits als Nestbeschmutzung. Schönreden ist angesagt. Aber alles hängt jetzt davon ab, ob die neuen Abschlüsse auch auf dem Arbeitsmarkt akzeptiert werden. Und das ist bisher nicht der Fall.

Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn hat der Schönrednerei mit einem deutlichen Wort ein Ende gesetzt. Auf einer von der GEW und europäischen Bildungsgewerkschaften veranstalteten Konferenz in Berlin sagte sie: „Das Ziel, einen europäischen Hochschulraum zu verwirklichen, ist eng verknüpft mit der Akzeptanz der neuen Abschlüsse“ – und die lasse zu wünschen übrig.

Diejenigen, die den Bachelor und Master schönreden wollen, haben bisher die Probleme mit dem Arbeitsmarkt ignoriert. Edelgard Bulmahn ist da realistischer, wenn sie deutlich davor warnt, dass die große Studienreform scheitern könnte: „Nur dann kann die Zahl der Studenten in den neuen Studiengängen deutlich erhöht werden, wenn die Absolventen mit dem Bachelor keine Nachteile auf dem Arbeitsmarkt erfahren. Sie müssen zu erwünschten Arbeitskräften und Wissenschaftlern werden.“ Aber viele Fragen seien noch unbeantwortet. So sei der Zugang zum höheren Dienst in Deutschland noch nicht endgültig geklärt. Denn bisher steht den Bachelor-Absolventen nur die Einstufung in den gehobenen Dienst offen, nicht aber in den höheren Dienst, wie das bei Uni-Absolventen mit dem Staatsexamen, Magister oder Diplom selbstverständlich ist.

Die Wirtschaft hatte immer gefordert, dass die deutschen Studenten schneller zum Abschluss kommen und nicht erst mit 28 Jahren in den Beruf wechseln, während das ihren englischen und amerikanischen Kommilitonen schon mit 23 bis 25 Jahren gelingt. Der frühere Einstieg wird jetzt möglich durch das System gestufter Abschlüsse. Die Kombination von Bachelor und Master darf die Höchstdauer von fünf Jahren nicht überschreiten.

Mehr als eine Zwischenprüfung

Aber die Wirtschaft zögert. Es hat sich noch nicht herumgesprochen, dass der Bachelor nach drei oder vier Jahren als ein vollwertiger Hochschulabschluss anzusehen und nicht wie eine Zwischenprüfung zu werten ist. Und es hat sich noch nicht herumgesprochen, dass das System der Zweistufigkeit, das international üblich ist, auch zu einer Entlastung des Wissensstoffes führt. Wer den Wechsel von der Hochschule in den Beruf und wieder zurück in die Hochschule so organisiert, dass mit dem Prinzip des lebenslangen Lernens Ernst gemacht wird, braucht nicht wie in den herkömmlichen Magister- und Diplomstudiengängen alles in ein Curriculum zu stopfen.

Ansonsten zieht Ministerin Bulmahn eine positive Bilanz der Entwicklung, die seit der Konferenz der europäischen Wissenschaftsminister in Bologna eingetreten ist. 29 Bildungsminister hatten 1999 mit der Erklärung von Bologna die große Studienreform nach internationalem Vorbild angestoßen. Damit wurde die Perspektive für einen europäischen Hochschulraum geöffnet, charakterisiert durch die wechselseitige Anerkennung von Bachelor- und Masterstudiengängen und die flächendeckende Einführung von international vergleichbaren Leistungspunkten. Bis 2010 soll schrittweise dieser europäische Hochschulraum entstehen, in dem nicht nur der Waren- und Güterverkehr ungehindert über die Grenzen verläuft, sondern sich auch die Mobilität von Studenten und Wissenschaftlern ohne Hemmnisse vollziehen kann. In Deutschland ist daher die Studienreform mit neuen Regeln für das Bafög verbunden worden. Deutsche Studenten können nach zwei Semestern unter Anrechnung ihres Bafög-Anspruchs bis zum Ende ihres Studiums ins Ausland wechseln.

Auf dem Weg zum Ziel im Jahre 2010 hat Deutschland aus Sicht von Bulmahn „beinahe die Hälfte der Strecke zurückgelegt“. Als positiv wertet die Bundeswissenschaftsministerin den Gewinn an Autonomie für die europäischen Hochschulen und damit die Chance, eigene Profile zu bestimmen, damit sie sich auf dem internationalen Markt „besser positionieren können“. Mit der Dienstrechtsreform sei in Deutschland eine wichtige Etappe erreicht worden bei der Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses. Endlich seien die wissenschaftlichen Karrieremöglichkeiten in Deutschland denen vergleichbar geworden, die international üblich sind. Dazu gehört der gleichberechtigte Zugang für Juniorprofessoren zur Forschung.

Auch die Internationalisierung mache Fortschritte. Der Anteil an ausländischen Studenten in deutschen Hochschulen sei deutlich gestiegen. Jetzt müsse die Zahl von ausländischen Wissenschaftlern in Deutschland noch steigen, und das zumindest auf eine Marge, wie sie bei den Juniorprofessoren schon erreicht worden sei – nämlich auf 15 Prozent.

Ein Problem bleibt die Verknüpfung der europäischen Reformen im Zeichen des Bolognaprozesses mit den weltweiten GATS-Verhandlungen über Dienstleistungen. In der Weltwirtschaftsorganisation (WTO) drängen Australien und die Vereinigten Staaten darauf, auch in der Hochschulbildung freie Marktbedingungen zu schaffen. Ausländische private Anbieter bräuchten einen ungehinderten Zugang in jene europäischen Länder, in denen die Hochschulen unter staatlicher Verantwortung stehen. Das heißt, Australien und die USA fordern einen Abbau von Subventionen für staatliche Hochschulen oder die gleichberechtigte Chance für private Bildungsanbieter beim Wettbewerb um Subventionen. Die Europäische Union wehrt sich gegen die Erfüllung dieser Wünsche, weil sie das Bildungs - und Hochschulsystem nicht aus der staatlichen Verantwortung und Finanzierung entlassen will.

Abschreckende Tendenzen

In Australien zum Beispiel ist es unter den Regeln von GATS üblich geworden, dass die Wissenschaftler ihre relativ niedrigen Gehälter aufstocken, indem sie genügend Studenten in der Lehre um sich scharen, die dafür Studiengebühren zahlen und für die Forschung ausreichende Gelder über Drittmittel einwerben. Solche Tendenzen schrecken europäische Wissenschaftler und deren gewerkschaftliche Interessenvertretungen ab. Das verdeutlichten auf der Konferenz der GEW sowohl der Direktor für Bildung bei der Europäischen Kommission, David Coyne, als auch der Generalsekretär von Education International, Fred van Leeuwen. Education International ist die internationale Dachvertretung der Bildungsgewerkschaften.

Bundeswissenschaftsministerin Edelgard Bulmahn konnte die ängstlichen Gemüter nur etwas beruhigen: Durch GATS werde die nationale Souveränität bei der Akkreditierung von Studiengängen nicht gefährdet. „Die öffentliche Finanzverantwortung für die Hochschulen darf nicht in Frage gestellt werden.“ Das sei die „gemeinsame Position der europäischen Bildungsminister“.

Den Vertretern der Bildungsgewerkschaften ist das nicht genug. Sie halten es für einen Widerspruch in sich, wenn auf der einen Seite die Bildungsminister in Europa gegen die Einbeziehung von Hochschulbildung und Forschung in die GATS-Verhandlungen Sturm laufen, auf der anderen Seite jedoch immer weniger Geld in Hochschulen und Forschung investieren und von daher der Privatisierung Vorschub leisten.

GATS ordnen die Gewerkschaften in den breiten Trend ein, Hochschulbildung und Forschung zu vermarkten. Grundsätzlich seien von daher die GATS-Vorschläge ungeeignet, um einen Rahmen für die Internationalisierung von Hochschulbildung und Forschung zu bieten.

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