Gesundheit : Deutsch-baltisches Kooperationsprojekt: Der deutsche Arzt steckt im Computer

Adelheid Müller-Lissner

Dass zwei Staatoberhäupter gemeinsam eine Klinik besuchen, kommt nicht allzu häufig vor. "Zum Glück kommen wir beide nicht als Patienten", beeilte sich denn auch Bundespräsident Johannes Rau zu versichern. Der Grund der Visite in der Berliner Charité, die er gemeinsam mit seinem Amtskollegen Lennart Meri, Präsident der Republik Estland und gerade zu einem mehrtägigen Staatsbesuch in Deutschland, machte, war vielmehr die feierliche Eröffnung einer Telemedizin-Brücke. Sie soll künftig die Herzspezialisten der Charité mit ihren Kollegen von der traditionsreichen estnischen Universität Tartu verbinden.

Computer-Sprechstunden sollen helfen, das Leben baltischer Kinder mit schweren angeborenen Herzfehlern zu retten. Die Telemedizin-Brücke, deren technische Basis die Firma Siemens zur Verfügung stellte, ist Teil eines größeren deutsch-baltischen Kooperationsprojekts namens "Partnership for the Heart". Es wird in diesem Jahr vom Bundesgesundheitsministerium mit einer halben Million Mark gefördert. An diesem Projekt sind neben der Charité auch das Deutsche Herzzentrum in München, die Universitätsklinik in Greifswald und die Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule in Aachen beteiligt.

Die Mediziner aus Tartu und Berlin wollen sich auf den gemeinsamen Tele-Konferenzen jährlich über bis zu 100 Herzpatienten austauschen. Das ehrgeizige Ziel der Herzspezialisten sieht vor, die Säuglingssterblichkeit auf Grund von angeborenen Herzfehlern in Estland, Lettland und Litauen von derzeit drei auf künftig 1,5 Promille zu senken.

Ohne Behandlung sterben zwei Drittel der Kinder mit schweren angeborenen Herzfehlern schon im ersten Lebensjahr, betonte Friedrich Köhler, Oberarzt an der Medizinischen Klinik mit Schwerpunkt Kardiologie der Charité und Koordinator des Kommunikations-Projekts. In Deutschland, das neben Finnland und Schweden heute in diesem Bereich die niedrigste Säuglingssterblichkeit hat, erreichen inzwischen über 90 Prozent der Betroffenen das Erwachsenenalter.

Präsidenten in der Sprechstunde

In der Eröffnungs-Sprechstunde konnten die Staatspräsidenten miterleben, wie eine erwachsene Patientin beraten wurde. Der Charité-Kardiologe Gert Baumann sprach online mit Eve Int, der leitenden Anästhesistin der Kardiochirurgischen Klinik der Universität Tartu, und mit einer gemeinsamen Patientin. Über mehrere parallele ISDN-Leitungen wurden dabei nicht nur die Bilder der beteiligten Gesprächspartner, sondern auch Ultraschallaufnahmen und das Elektrokardiogramm der jungen Frau übermittelt.

Vor sechs Monaten war der Patientin - unter Mitwirkung von Herzchirurgen aus der Charité - eine Schweineherzklappe eingesetzt worden. Nun wollte die 29jährige wissen, ob sie eine Schwangerschaft wagen kann. Ein scheckkartengroßes Hilfsmittel könnte dabei eine wichtige Rolle spielen. Die Karte wird am Körper getragen und registriert auftretende Herzrhythmusstörungen. Beruhigend ist dies ebenfalls für die Herzspezialisten am anderen Ende der Brücke, im 1000 Kilometer entfernten Berlin: Auch ihnen können die Ergebnisse jederzeit leicht übermittelt werden.

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