Gesundheit : Deutsch-Polnische Perspektiven: "In Europa kann man offen über die Leiden sprechen"

Uwe Schlicht

Als gestern das Collegium Polonicum mit der Entzündung einer Flamme symbolisch eröffnet wurde, erinnerten die beiden Repräsentanten von diesseits und jenseits der Oder daran, worum es geht: Gesine Schwan als Präsidentin der Europa-Universität in Frankfurt/Oder und Stefan Jurga, Direktor der Universität Posen, betonten, dass die Flamme für den Geist, die Liebe und die Hoffnung zwischen den Deutschen und den Polen stehen soll.

Für die Polen ist das Collegium Polonicum der Außenstandort der Universität Posen und zugleich das Konferenzzentrum im Rahmen einer künftigen erweiterten Europäischen Union. Für die Deutschen bildet das Collegium Polonicum zusammen mit der Universität Viadrina ein Symbol für den Brückenschlag. Das neue Verständnis von Grenzen in Europa trennt nicht mehr sondern verbindet wie Brücken ganze Regionen.

Ganz in diesem Geiste war am Vormittag ein Symposium gestaltet worden, auf dem Repräsentanten des neuen Europa wie der ehemalige deutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher, der französische Publizist Alfred Grosser und der einstige polnische Außenminister Bronislaw Geremek die kulturellen Gemeinsamkeiten in den Vordergrund stellten.

Die schönsten Formulierungen fand Alfred Grosser, als er sagte: "Die Völker Europas kommen nur zusammen, wenn sie das Leiden der anderen anerkannt haben. Europa ist der Ort, wo man offen über die Leiden spricht, die der eine dem anderen zugefügt hat." In diesem Sinne interpretierte Grosser eine "europäische Leitkultur" als Botschaft aus Lessings Werk Nathan der Weise. Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Osterweiterung könnten überwunden werden, fuhr Grosser fort. Wesentlich sei jedoch das Verständnis der europäischen Leitkultur als Gemeinsamkeit der Demokraten. Hans-Dietrich Genscher gebrauchte ähnliche Bilder, als er betonte, dass die neuen Länder, die jetzt in die EU streben, nicht mit leeren Händen kämen, sondern etwas ganz Kostbares einbrächten: die selbst errungene und auf friedliche Weise errungene Freiheit. In diesem Sinne könne er die Sorgen nicht verstehen, dass die Völker ihre Identität in der EU verlieren könnten. Vielmehr würden die Völker nach dem Ende des Ost-West-Konflikts und dem Zusammenbruch des Kommunismus ihre Identität "erstmals ohne Angst leben".

In diesem Sinne bezeichnete der ehemalige polnische Außenminister Bronislaw Geremek die deutsch-polnische Versöhnung als eines der ganz großen Ereignisse am Ende des vergangenen Jahrhunderts. Die Polen seien jetzt wieder in das europäische Kulturerbe eingebunden.

Geremek setzt seine Hoffnung ganz auf eine möglichst enge Zusammenarbeit zwischen Deutschland, Frankreich und Polen innerhalb der erweiterten EU und er beschwor den Geist von Weimar, als erstmals nach der Wende die damaligen Außenminister Genscher und Dumas für Frankreich sowie Geremek für Polen in Thüringen zusammengekommen waren, um den Weg in ein neues Europa zu ebnen.

Noch an einem anderen Punkt waren sich die Repräsentanten aus den drei Ländern einig: Russland soll nicht in die EU aufgenommen werden. Auf der anderen Seite dürfte die künftige Ostgrenze der EU in Polen nicht zu einer neuen Abschottung führen. Russland, die Ukraine und Weißrussland seien in ein europäisches Netzwerk, ja sogar in eine Freihandelszone einzubinden - so lautete die Forderung am Ende des politischen Teils des Symposiums, das zur Eröffnung des Collegiums Polonicums veranstaltet worden war.

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