Gesundheit : Deutsche Auslandsschulen: Abschied vom Paradies

Heiko Schwarzburger

Bisher galten die deutschen Schulen im Ausland als glückselige Inseln des deutschen Schulsystems. Vom Auswärtigen Amt massiv unterstützt, setzten sie in Caracas, Addis Abeba oder Manila neue Standards in der Ausbildung von jungen Menschen. "Die Lehrer in den Auslandsschulen sind unsere besten Diplomaten", meint Albert Spiegel, Leiter der Kulturabteilung im Auswärtigen Amt. "Im Vergleich zu den Schulen in Deutschland sind die Probleme dort vergleichsweise gering."

Doch gute Schulen kosten Geld: Im laufenden Haushaltsjahr stehen dem Auswärtigen Amt rund 348 Millionen Mark für die Auslandsschulen, die Europa-Schulen und deutsche Pädagogen im Ausland zur Verfügung. 1999 waren es noch 20 Millionen Mark mehr. "Bis 2003 stehen weitere Kürzungen um jährlich acht Millionen Mark an", stellt Albert Spiegel in Aussicht. "Aber wir hoffen, die Talsohle der Sparmaßnahmen durchschritten zu haben." Diese Einschätzung teilt auch Staatssekretär Wolfgang Ischinger, rechte Hand von Außenminister Joschka Fischer. Auf einem Treffen von Lehrern, Bildungspolitikern, Eltern und Diplomaten in Berlin forderte er: "Um global attraktiv zu bleiben, müssen sich auch unsere Auslandsschulen verändern."Für die Abgänger der deutschen Schulen müsse es einfacher werden, an Universitäten in Deutschland zu wechseln. Ischinger kündigte an, unter den Schülern der deutschen Auslandsschulen verstärkt für ein Studium in Deutschland zu werben. Ein neues Förderprogramm bietet den 60 besten Absolventen ein Vollstipendium an.

Über den Bildungsserver Dasan sollen die Auslandsschulen stärker als bisher miteinander vernetzt werden. Derzeit unterhält die Bundesrepublik 119 deutsche Auslandsschulen, für die Kinder von Diplomaten und Einheimischen gleichermaßen. Die Lehrer werden aus den Bundesländern entsandt. Sie dürfen sich für den Einsatz im Ausland beurlauben lassen und erhalten zum Teil erhebliche finanzielle Unterstützung, beispielsweise für Flüge nach Deutschland oder spezielle Versicherungen. An den Auslandsschulen lernen rund 70 000 Kinder und Jugendliche. Darüber hinaus helfen 2000 deutsche Lehrkräfte in 370 staatlichen Schulen in Mittel- und Osteuropa und in der GUS.

Absolventen der Auslandsschulen gelten für die deutsche Wirtschaft als begehrte Führungskräfte; auch künftige Diplomaten erhalten dort oft ihre erste Schulausbildung. Deshalb warnt der Deutsche Industrie- und Handelstag davor, diese Schulen kurzfristigen Sparzwängen zu opfern. DIHT-Hauptgeschäftsführer Franz Schoser kritisierte, die Bundesregierung wolle bis 2003 insgesamt 44 Millionen Mark für die Arbeit der Auslandsschulen streichen. Das sei zu hoch. Für die deutschen Unternehmen nähmen sie eine elementare Funktion wahr: Für die mehr als 10 000 Kinder von Deutschen, die im Ausland arbeiten, sicherten sie die Schulversorgung und später den problemlosen Schulwechsel bei der Rückkehr nach Deutschland. Zwar musste bislang keine deutsche Schule im Ausland geschlossen werden, aber angesichts neuer Sparsignale aus dem Finanzministerium könnten bald ähnliche Schnitte wie in anderen Bereichen der auswärtigen Kulturpolitik folgen: Seit 1999 wurden neun Goethe-Institute und 19 Auslandsvertretungen geschlossen. Die Lehrkräfte an den Auslandsschulen haben bereits Gehaltseinbußen akzeptiert.

Erick Becker Becker, Botschafter Venezuelas und Sprecher der lateinamerikanischen Botschafter in Deutschland, mahnte an: "Die deutschen Auslandsschulen sind auch und vor allem eine Sache der deutschen Wirtschaft und der auswärtigen Kulturpolitik. Das muss man dem Bundestag deutlicher als bisher klar machen." Erich Thies, der Generalsekretär der Kultusministerkonferenz, schlug vor, zurückkehrende Lehrer in der Weiterbildung von Lehrkräften einzusetzen: "An den deutschen Schulen wachsen die Probleme, weil die Schülerschaft auch hierzulande immer internationaler wird. Da könnten Auslandspädagogen wertvolle Konzepte anbieten." Er will sich in der KMK dafür einsetzen, dass alle Bundesländer einen Bonus für Auslandslehrer anbieten.

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