Gesundheit : Deutsche Forschung: "Tendenz zur Abschottung"

Bärbel Schubert

"Die deutschen Forschungseinrichtungen befinden sich mitten in der größten Reform, die es je gegeben hat." So sieht es Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD), die diesen Prozess vorantreibt. Mit den Reformen soll ein seit langem beklagtes Defizit der deutschen Forschung beseitigt werden. Sie gilt zwar als hochrangig und leistungsfähig. Doch die Umsetzung der Forschungsergebnisse in marktfähige Produkte dauert zu lange und bringt zu wenige Früchte hervor. Auch braucht die Wissenschaft in Deutschland zu lange, um neue Themen aufzugreifen. Diese Kritik haben die jüngsten Begutachtungen bekräftigt. Von der Innovationsfähigkeit aber hängt der Erfolg der Wirtschaft ab. Auch wünscht sich die Regierung als Ertrag mehr Arbeitsplätze.

Dafür sollen nun "alte, starre Strukturen aufgebrochen und bürokratische Hemmnisse beseitigt werden", erläuterte Bulmahn am Dienstag bei einem Pressegespräch in Berlin. Die Strategie für die Runderneuerung der Einrichtungen lautet: mehr Wettbewerb, Flexibilität, Eigenverantwortung, Profilbildung und mehr Zusammenarbeit. Wichtigstes Mittel dafür ist eine Umstellung der Förderung. Wurden bisher hauptsächlich die Institutionen gefördert, sollen Mittel künftig hauptsächlich für Projekte und Forschungsthemen bewilligt werden. Damit sollen frühzeitig Erfolg versprechende Themen unterstützt und die Zusammenarbeit der Institute gefördert werden.

Das ist durch die tradierte Arbeitsteilung der deutschen Forschung besonders nötig: Die Max-Planck-Gesellschaft ist für die Grundlagenforschung zuständig, die Fraunhofer-Gesellschaft für die Anwendungsorientierung und die Deutsche Forschungsgemeinschaft für die Förderung der Forschung an den Universitäten. Diese "Versäulung" sei zwar von den internationalen Experten als grundsätzlich gut gebilligt worden, bringe aber eine "Tendenz zur Abschottung" hervor, berichtete die Ministerin.

Durch die Zusammenarbeit der Zentren soll die Forschungskapazität künftig besser genutzt werden. Der Zusammenschluss der Gesellschaft für Mathematik und Datenverarbeitung, früher Großforschung, und der entsprechenden Institute der Fraunhofer-Gesellschaft zu Europas größter Forschungseinrichtung in der Informations- und Kommunikationstechnologie in diesem Jahr war dazu ein erster Schritt. Als weitere Forschungsschwerpunkte nannte Bulmahn die Biotechnologie, die Gesundheits- und die Energieforschung, die Mikro- sowie die Nanotechnik. Doch so spektakuläre Zusammenschlüsse sind nach Bulmahns Worten erst einmal nicht wieder zu erwarten.

Nächster Schritt ist die Umstrukturierung der Helmholtz-Gemeinschaft deutscher Forschungszentren (HGF). Dies ist der mit 2,6 Milliarden Mark Förderung größte "Brocken" unter den deutschen Forschungseinrichtungen. Zur HGF gehören beispielsweise die Gentechnikforschung in Berlin-Buch, das Krebsforschungszentrum in Heidelberg und der Elektronenbeschleuniger Desy in Hamburg. Entstanden sind diese Einrichtungen ursprünglich für die Atomforschung. In den vergangenen Jahren haben sie sich neue Aufgaben gesucht. Ein Schwerpunkt ist die Gesundheitsforschung. Ziel ist nun, so Bulmahn, dass die bisher wenig verbundenen Zentren künftig stärker zusammenarbeiten. Bei der HGF ist der Einfluss des Bundes, der sie zu 90 Prozent finanziert, besonders groß. Über die neue Struktur wird nach Bulmahns Worten noch verhandelt. Die Gespräche stehen aber unmittelbar vor dem Abschluss.

HGF bekommt mehr Geld

Mehr Mittel stehen für die HGF schon jetzt in Aussicht: Um 200 Millionen Mark soll der Etat im kommenden Jahr voraussichtlich wachsen. Zu den geplanten Neuerungen gehört auch eine leistungsorientierte Besoldungsstruktur. Angestrebt wird ein eigener Wissenschaftstarifvertrag statt des bisher geltenden Bundesangestelltentarifs. Bulmahn bekräftigte, dass sie nach dem Scheitern der Verhandlungen mit der Tarifgemeinschaft der Länder einen Haustarifvertrag mit einer Einrichtung als Modell anstrebe.

Für die Betroffenen bringen die Neuerungen noch etliche Probleme mit sich. Denn was heißt beispielsweise mehr Wettbewerb bei gleichzeitig stärkerer Zusammenarbeit? Wie werden mehr Firmenausgründungen, auch von ihren Leistungsträgern,von den Instituten verkraftet? Werden die neuen leistungsorientierten Vergütungen attraktiv genug sein, um gute Mitarbeiter zu halten - gerade in Konkurrenz mit der Industrieforschung? Das Fazit fällt ähnlich aus wie bei Brecht: So viele Fragen, so wenig Antworten. Doch dass Veränderungen nötig sind, hat bisher noch niemand bezweifelt.

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