Gesundheit : Deutsche für Sibirien erwärmen

Wie sich Tutoren aus dem Ausland um einen vorurteilsfreien Blick auf ihre Heimat bemühen

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Von Anna Kröning

Tomsk liegt in Westsibirien. Von dort kommen Igor Philippov und Elena Fedotova. Die 25-jährige Elena hat Germanistik studiert und sich anschließend für das Tutorenprogramm der Robert-Bosch-Stiftung beworben. Sie hatte Glück, war unter den ausgewählten zehn Russen und landete an der Universität Bochum. Zehn Monate lang hat sie dort als Tutorin den Studierenden Sprache und Kultur ihrer Heimat nahe gebracht.

Elena berichtet in akzentfreiem Deutsch von ihren Projekten, von Sprachkursen und russischen Filmabenden. Mit Igor und sechzehn deutschen Studenten ist sie sogar nach Tomsk gereist. Die Deutschen haben ein Atomkraftwerk und eine Wodka-Abfüllanlage besucht. Elena erzählt von deutschen Vorurteilen. Wild und einsam hätten sich die Studenten Tomsk vorgestellt. Die meisten verbanden mit Sibirien Kriegsgefangenschaft, Verbannung und eiskalten Winter.

Doch in Tomsk seien alle überrascht gewesen von der zauberhaften Landschaft. Vor allem die russische Gastfreundschaft rührte die Studenten. Neue Freundschaften mit den Gastfamilien und russischen Studenten sind entstanden. Zwei Studentinnen waren von Tomsk so angetan, dass sie dort ein Auslandssemester verbringen wollen, berichtet Elena.

Stolz auf ihre Heimat sind die Tutoren alle. Strahlend präsentieren sie Fotos, Dias und Videofilme über Paris, Moskau, Breslau. Die Reise- und Kulturprojekte sind Sahnehäubchen des Programms. Die Tutoren haben freie Hand bei der Gestaltung, müssen die Projekte aber beantragen. Finanzielle Unterstützung kommt von der Robert-Bosch-Stiftung, organisatorische Beihilfe leisten die Studentenwerke.

Die Französin Emilie Mathieu aus St. Etienne veranstaltete keine Reise in ihre Heimat, sondern drehte den Spieß um. Sie quartierte kurzerhand die Band „Les onze y trônent“ in ihrem Wuppertaler Studentenwohnheim ein und organisierte Auftritte in Cafés, Kneipen und beim Studentenwerk. Im kommenden Jahr soll ein deutsch-französisches Austauschprogramm ins Leben gerufen werden.

„Die Deutschen sind distanziert“

Das Ende ihrer Zeit als Tutoren bedeutet längst nicht für alle die Abreise aus Deutschland. Viele haben hier Fuß gefasst. Für die Musik- und Germanistikstudentin Eva Tomkova aus Tschechien steht fest, dass sie zwei weitere Jahre in Jena verbringen wird. Die Universität hat ihr eine Stelle als Lektorin angeboten. Auch Elena und Igor werden vorerst bleiben. Elena will in Bochum promovieren.

Was unterscheidet die Deutschen von den Russen? „Die Deutschen sind distanziert. Sie wollen immer Abstand halten“, hat der Tutor Igor festgestellt. Elena sieht das differenzierter. In ihrem Bochumer Wohnheim hätten sich zwar viele Studenten in ihren Zimmern verschanzt und auf den ersten Blick nicht sehr aufgeschlossen gewirkt. Vielleicht, überlegt sie, komme ihr das aber nur im Vergleich zu Russland so vor. „Wir sind eben extrem gastfreundlich. Bei uns bedeutet es eine Ehre, Gäste aus fremden Ländern zu empfangen!“

Mehr zum Thema im Internet unter: www.bosch-stiftung.de und www.studentenwerke.de

Das Tutorenprogramm der Robert-BoschStiftung zur Förderung von Sprache und Landeskunde beginnt im Oktober. Es wendet sich an Hochschulabsolventen aus Frankreich, Polen, Tschechien, Russland und den USA. Die Stiftung vermittelt in anderen Programmen auch Deutsche ins Ausland.

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