Gesundheit : „Deutsche können kaum noch mithalten“

Hans-Peter Schreiber, Leiter des Novartis-Ethikrats, zur Lage der Stammzellforschung

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Im Tagesspiegel hat sich Bernd Wegener, Vorstandschef des Bundesverbands der Pharmazeutischen Industrie, kritisch zu den Aussichten der Forschung an embryonalen Stammzellen geäußert. Er sagt, dass die ethisch unproblematischen „adulten“ Gewebe-Stammzellen unterschätzt werden, die embryonalen Stammzellen, für deren Gewinnung Embryonen benutzt werden müssen, seien dagegen überbewertet.

In Wahrheit ist es umgekehrt. Faktisch wird die Forschung an adulten Stammzellen in Deutschland mehr gefördert als die an embryonalen. Der Behauptung, die adulten Stammzellen seien leistungsfähiger als die embryonalen fehlt die wissenschaftliche Evidenz. So konnte bisher noch niemand zeigen, wie man Stammzellen aus der Nabelschnur oder dem Knochenmark in genügender Menge vermehren kann. Selbst die Regeneration von Herzgewebe durch adulte Stammzellen beruht nicht auf der Neubildung von Herzzellen, sondern auf einer indirekten Erholung von Zellen der Blutgefäß-Innenwände. Die Wandelbarkeit von adulten Stammzellen ist folglich wesentlich eingeschränkter als die embryonaler Stammzellen. Im Blick auf die internationale Forschung sollte man aber die beiden Zelltypen nicht gegeneinander ausspielen. Beide sollten in der Grundlagenforschung bearbeitet werden können.

Wie bewerten Sie die Situation der deutschen Stammzellforscher?

Sie ist schon heute sehr schwierig, denn die Forschung kann auf dem Gebiet der embryonalen Stammzellen international offenbar nur noch schwer mithalten. Dieser Umstand hat die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) zu einer neuen Stellungsnahme veranlasst. Denn deutsche Forscher dürfen nur an Stammzellen arbeiten, die vor dem 1. Januar 2002 erzeugt wurden. Aber neuere Stammzell-Linien sind aufgrund verbesserter Gewinnungs- und Kultivierungsstandards wesentlich geeigneter für die Forschung als die Stammzell-Linien von vor 2002. Und weil selbst eine Kooperation deutscher Forscher mit Forscherteams etwa im EU-Raum – wenn dort mit neuen Stammzell-Linien gearbeitet wird, – ein strafrechtlicher Tatbestand ist, werden Deutsche mehr und mehr isoliert.

Eine weitere Kritik lautet: Die embryonalen Stammzellen werden nur in wenigen Bereichen für die Medizin etwas bringen.

Das kann man so einfach nicht sagen, denn diese Forschung ist noch immer weitgehend Grundlagenforschung. Man will wissen und verstehen, wie Zellen sich verändern, welche Gene wann und wie aktiviert werden. Und da wäre es natürlich unseriös zu behaupten, in fünf Jahren ein Konzept gegen Alzheimer zu haben. Hochgestochene Erwartungen im Blick auf embryonale Stammzellforschung zu wecken, wäre unredlich – aber dies gilt ebenso für die Forschung mit adulten Stammzellen. Grundlagenforschung orientiert sich eben immer an Fragen, die noch nicht beantwortet werden können. Deswegen brauchen wir sie. Es wäre völlig falsch, sie ihrer Ergebnisoffenheit wegen abzulehnen.

Befriedigt die Stammzellforschung nicht nur das Ego der Wissenschaftler?

Diesen Vorwurf halte ich für arrogant. Hier geht es nicht um Forschung als Selbstzweck, sondern um die Erkundung neuer Ansätze für das Erkennen und Behandeln unheilbarer Krankheiten.

Sie leiten den Ethikrat beim Pharmakonzern Novartis. Wie steht Novartis zu Stammzellen?

Novartis ist wahrscheinlich eines der ganz wenigen Pharmaunternehmen, das Forschung mit embryonalen Stammzellen betreibt und offen damit umgeht.

Ist diese Forschung in der Schweiz erlaubt?

Es gab zu dieser Frage eine Volksabstimmung, bei der sich eine Mehrheit für die Forschung an embryonalen Stammzellen ausgesprochen hat, natürlich mit Auflagen. Dabei war eine Position, derzufolge schon eine befruchtete Eizelle als Person anzusehen und folglich umfassend geschützt werden müsste, beim Schweizer Souverän nicht mehrheitsfähig.

Woran forscht man bei Novartis mit Stammzellen?

Es geht grundsätzlich um das Ausloten der Wandelbarkeit embryonaler Stammzellen etwa im Blick auf die Bildung von Herz- und Nervenzellen. Aber ebenso um Krankheitsursachenforschung bei Leiden wie Diabetes und Krebs.

Arbeitet Novartis in der Stammzellforschung auch mit Deutschen zusammen?

Nein. Novartis betreibt keine Grundlagenforschung in Deutschland. Aber diese Forschung wird inzwischen im EU-Raum verstärkt gefördert. Man denke an das 7. Rahmenprogramm der EU, aber auch an die Forschungsförderung in Großbritannien, Schweden und neuerdings in Spanien. Dort wurde in Valencia ein Forschungszentrum für Regenerative Medizin eingerichtet, in dem Miodrag Stojkovic arbeitet, ein Experte für therapeutisches Klonen. Er hat seine Forschungsarbeit einmal in Deutschland begonnen.

Beim therapeutischen Klonen oder Kerntransfer wird eine entkernte Eizelle mit dem Zellkern einer Körperzelle verschmolzen. Es wird also ein neuer Embryo geschaffen, aus dem dann Stammzellen gewonnen werden. Ist therapeutisches Klonen auch für Novartis ein Thema?

Gegenwärtig gibt es bei Novartis kein solches Projekt. Aber natürlich diskutieren wir über diese Technik und darüber, welche Bedeutung das Kerntransfer-Verfahren für die Grundlagenforschung haben könnte. Mithilfe dieser Technik lernt man vielleicht besser zu verstehen, wie sich gewebespezifische Körperzellen wieder in einen ursprünglichen Zustand zurückverwandeln lassen. Auf diesem Weg lassen sich auch krankheitstypische pluripotente Zellen gewinnen, die für die Ursachenforschung wichtig sind. Jedenfalls sollte man gegenüber diesem Verfahren offen sein und es nicht mit einem apodiktischen Nein verhindern. Meines Erachtens wäre dies unverantwortlich.

Braucht man dafür nicht strenge Rahmenbedingungen?

Selbstverständlich. Wenn sich jedoch die wissenschaftliche Datenlage verändert, wird man diese Rahmenbedingungen wieder ändern müssen. Im Moment würde ich die Halbwertszeit von Gesetzen zur Stammzellforschung bei nur wenigen Jahren ansetzen. So verstehe ich auch die Forderung der DFG, die Stichtagsregelung abzuschaffen. Interessanterweise zeigt selbst der EKD-Präsident Bischof Huber in dieser Frage Kompromissbereitschaft, indem er eine mögliche Verschiebung dieses Stichtages in Erwägung zu ziehen bereit ist. Allerdings wäre damit das ethische Problem des Embryonenschutzes auch nicht endgültig gelöst.

Als Theologe, Philosoph und Bioethiker haben Sie sich für die Nutzung der Gentechnik und Stammzellforschung ausgesprochen. Haben Sie noch Freunde in Ihrer Zunft, seit Sie Chef des Novartis-Ethikrats sind?

Manche irritiert mein Verhalten. Aber ich habe im Laufe meines Lebens meine Meinungen immer wieder verändern müssen. Und zwar dann, wenn sich die Wissenschaft verändert hat. Damit hatte ich kein Problem. Philosophisch bin ich geprägt durch die Kritische Theorie Max Horkheimers; später als Studentenpfarrer interessierte mich die Molekularbiologie. Als Philosoph habe ich ein gentechnisches Laborpraktikum absolviert und als Hilfspfleger auf der Intensivstation hospitiert. Da fragt man sich am Ende einer Woche schon, ob man wieder zurück soll ins Philosophische Seminar, um Hegels Wissenschaft der Logik zu diskutieren.

Und Ihre Position bei Novartis?

Man hat mir vorgeworfen, ich hätte mein ethisches Gewissen an Novartis verkauft. Das ist natürlich Unsinn. Der Ethikrat ist ein völlig unabhängiges, interdisziplinäres Gremium mit lauter externen Experten, und unsere bisherige Erfahrung ist, dass uns die Geschäftsleitung in dieser Unabhängigkeit voll respektiert.

Das Gespräch führte Hartmut Wewetzer.

Hans-Peter Schreiber (70) ist Theologe und Philosoph und leitet seit 2001 den Ethikrat des Pharmakonzerns Novartis. Zuvor

war er Chef der

Ethik-Kommission

an der ETH Zürich

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