Gesundheit : Deutsche Lebensläufe

Der Berliner Soziologe Karl Ulrich Mayer hat sie erforscht – und geht nun an die Yale-Universität

Peter Düweke

Im Jahr 1983 begannen Soziologen am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin mit einer einzigartigen Studie: Wie lassen sich die Lebensverläufe von Personen vor dem Hintergrund von Wirtschaft und Gesellschaft deuten? Wie schlagen sich Ausbildungsangebote, Arbeitsmarkt und Sozialstrukturen in den Lebensläufen nieder? Und wie verändern sich die Lebensläufe mit den Zeitläuften? Es war die Geburtsstunde der Deutschen Lebensverlaufsstudie, die Karl Ulrich Mayer entwickelt hatte.

Jetzt wurde Mayer als Direktor am Max-Planck-Institut verabschiedet, wo ein Kolloquium unter dem Titel „Life Course and Social Inequality“ stattfand. Mayer geht als Leiter der Abteilung Soziologie an die amerikanische Yale-Universität, wo er seit 2003 eine Professorenstelle innehat. Der 60-Jährige sagte, in den USA werde ihm eine Stelle als Hochschulprofessor ohne Emeritierungsgrenze angeboten, wohingegen in Deutschland für ihn in fünf Jahren Schluss wäre. Nach 25-jähriger intensiver Organisationsarbeit für verschiedene Ämter und Funktionen könne er sich in Yale stärker auf die Forschung konzentrieren. Auf die Frage, ob er nicht in Deutschland weiterarbeiten wolle, sagte Mayer: „Keiner hat gefragt.“

Bis heute flossen Lebensdaten von mehr als 12000 Frauen und Männern im Alter zwischen 34 und 86 Jahren in die repräsentative Untersuchung ein. Besonderes Augenmerk liegt darauf, wie das Alter für Ausbildung, Arbeit und Familiengründung variiert und sich mit den Zeiten ändert. Wohnortwechsel, soziale Netze und einige Persönlichkeitsmerkmale werden berücksichtigt. Mayer sagte, mit den Daten ließen sich menschliche Schicksale aus dem gesamten 20. Jahrhundert untersuchen. Am Ende soll eine soziale Geschichtsschreibung der Bundesrepublik Deutschland stehen.

Die statistische Auswertung von Lebensverläufen förderte bemerkenswerte Ergebnisse zu Tage. Zum Beispiel hatten die Geburtsjahrgänge 1964 und 1971 unterschiedliche Chancen und Nachteile auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt. Der Jahrgang 1964 ist der geburtenstärkste der Nachkriegszeit. Viele 64er machten eine Lehre im Handwerk und mussten nach dem Abschluss erfahren, dass passende Stellen fehlten. Wenige Jahre später hatte sich das Blatt gewendet. Die 71er hatten Schwierigkeiten, eine passende Lehrstelle zu finden, denn die Betriebe bildeten weniger aus. Auf dem Arbeitsmarkt hatten sie jedoch bessere Chancen, weil es mehr Stellen für den geburtenschwachen Jahrgang gab.

In den Lebensverläufen ostdeutscher Frauen und Männer ist die Handschrift des politischen Umbruchs nicht zu übersehen. Die Hälfte von ihnen fand nach der Ausbildung keine Arbeit, im Westen war es nur ein Fünftel. Im Jahr Sieben nach der Wende mussten 70 Prozent von ihnen den Arbeitgeber oder sogar den Beruf wechseln. „Berufliche Aufstiege im Vergleich zum Ausmaß an erlebten beruflichen Abstiegen“ fanden die Wissenschaftler kaum in den Lebensläufen. Glücklicherweise gingen die sozialen Bindungen nicht verloren. Familien und soziale Netzwerke der Ostdeutschen blieben erstaunlich stabil.

Auch Überraschendes ergab die Studie. Frauen beginnen in Berufen mit einem höheren sozialen Status als Männer. Dies wird darauf zurückgeführt, dass Frauen mehr als Männer in Dienstleistungsberufen arbeiten. Der Haken: Frauen müssen vermehrt mit Zeitverträgen Vorlieb nehmen, und sie verdienen bei gleicher Qualifizierung nur 85 Prozent der Männer. Seine Analyse deutscher Lebensverläufe will Mayer in den USA fortsetzen.

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