Gesundheit : Deutscher Dom aus römischen Ruinen

Otto der Große schuf in Magdeburg das Zentrum eines neuen Imperiums. Ein letzter Blick auf die sensationelle Grabung

Ingo Bach

Diese Schlacht, das wusste der König, würde eine der wichtigsten in seinem Leben sein. Otto, Herrscher der Deutschen, blickte an jenem 10. August 955 mit Sorge auf seinen Heerbann, der um ihn herum auf dem Lechfeld lagerte – einer Gegend unweit von Augsburg. Bald würde er in den entscheidenden Kampf gegen die Ungarn ziehen, jenem damals ebenso gefürchteten wie verhassten Reitervolk, das seit Jahrzehnten die südöstlichen Reichsteile verwüstet hatte.

Nicht mehr als 10 000 Gefolgsleute standen dem König zur Verfügung, und bei weitem nicht alle waren so stark gerüstet wie die Panzerreiter. Auch die Ungarn verfügten über nicht viel mehr als zehntausend Männer, doch waren sie schnell zu Pferde und skrupellos. Otto brauchte einen vernichtenden Sieg. Denn der Herrscher, der es schaffte, die Ungarn von weiteren Raubzügen abzuhalten – und das hieß in jener Zeit nicht durch Diplomatie, sondern durch Krieg – der wäre der unangefochtene Herr des Reiches, das sich anschickte, in die Fußstapfen des Römischen Imperiums zu treten. Und dafür brauchte Otto himmlischen Beistand. Mit Tränen in den Augen kniete er nieder, bekannte sich schuldig vieler Sünden und gelobte, dem heiligen Märtyrer Laurentius, dem Schutzpatron des 10. August, ein Bistum und eine große Kirche zu errichten.

Otto siegte – und dankbar ging der König daran, sein Versprechen zu erfüllen: Fünf Jahre später befahl er, in seiner Lieblingsresidenz Magdeburg zu Ehren des Laurentius einen prächtigen Dom zu errichten. So berichten es die Chronisten.

Erst über 1000 Jahre später finden Archäologen den alten Sakralbau wieder – und werfen dabei einige Theorien über den Haufen. Auf dem Platz vor dem 250 Jahre später errichteten gotischen Dom im Zentrum Magdeburgs stieß Grabungsleiter Rainer Kuhn mit seinem Team auf die Steinfundamente aus dem 10. Jahrhundert. Ein Jahr lang, bis Ende Juni 2003, buddelten sich die Wissenschaftler des sächsisch-anhaltinischen Landesamtes für Archäologie Millimeter für Millimeter bis in eine Tiefe von 4,50 voran, jeder Meter 200 Jahre Geschichte – und ganz unten eine Sensation, die eine alte These stürzt. Schon in den 1960er Jahren wurde auf dem Domplatz gegraben, die Fundamente, die man fand, wurden als Pfalz Ottos deklariert, also als Wohnpalast des Herrschers.

Ein Irrtum. Kuhn entdeckte bei seiner Grabung quer durch den angeblichen Palastgrundriss nicht nur weitere Fundamente, sondern auch Gräber. „Damit war die Theorie von der Pfalz gestorben“, sagt Kuhn. Denn die Gräber beweisen, dies hier war eine Kirche, kein Palast. Und Kuhns Kollegin, die Leipziger Archäologin Babette Ludovici, sieht in dieser Kirche den Dom Ottos. Dem Rätsel auf die Spur kamen die Archäologen, als sie 2001 bei Straßenbauarbeiten am Domplatz auf die Gruft eines Adligen aus dem 10. Jahrhundert stießen. Man fand ein paar Holzstücke des Sarges. Um 960 wurde hier ein Mächtiger des Ottonen-Reiches bestattet. Ein Indiz auf den Dom. Denn in seiner Chronik berichtet Ottos Zeitgenosse Thietmar von Merseburg: „Neben der Kirche ward auf sein Geheiß auch der Leib des trefflichen Grafen Christinus und anderer Verstorbener bestattet.“

Vor einem Jahr begannen die Grabungen, um die heiße Spur weiterzuverfolgen. „Seitdem konnten wir den Westflügel eines ehemals prächtigen romanischen Bauwerks lokalisieren und in seiner ganzen Breite von 41 Metern ergraben“, sagt Kuhn. „Auf Grund der enormen Größe und der reichen Ausstattung mit Marmor, Glasmosaiken und farbigen Fliesen sind wir sicher, dass dies der legendäre Dom Ottos war.“

Otto, der erst zwei Jahre später zum Kaiser gekrönt wurde, erteilte den Auftrag für seine Basilika im Jahr 960. „Auch kostbaren Marmor nebst Gold und Edelsteinen ließ der Kaiser nach Magdeburg kommen, und in alle Säulenknäufe befahl er Reliquien der Heiligen einzuschließen“, berichtet Chronist Thietmar. Es war zur damaligen Zeit üblich, antike Bauwerke auszuschlachten. Im frühen Mittelalter war Italien noch reich an römischen Ruinen, und Teile der Apenninhalbinsel gehörten Otto. Aus den Resten des Römerreiches gewann man Säulen, Marmor und gläserne Mosaiksteinchen. Diese Ausschlachtung war nicht nur praktisch, sondern auch symbolträchtig. So sollte Ottos am Römerreich orientierter imperialer Machtanspruch sinnfällig werden. Und die Reliquien in den Kapitellen stellten Ottos Regiment unter den Schutz des Himmels. Schon 968 wurde der Dom geweiht, doch fertig war er sicher nicht. „Die Vollendung wird Otto I. nicht mehr erlebt haben“, sagt Kuhn. Der Kaiser starb 973, und wurde, wie er es schon zu Lebzeiten plante, in seinem Dom bestattet, in seiner Stadt.

Beeindruckend ist die Solidität der ausgegrabenen Fundamente: 3,20 Meter breit ist die Basis, das darauf ruhende Gebäude hätte über 60 Meter hoch sein können. Doch gehen die Wissenschaftler von einer Höhe um die 50 Meter aus. 41 Meter breit war es. „Nur der Kölner Dom war breiter“, sagt Kuhn. Damit war der Magdeburger Dom wahrscheinlich der zweitgrößte Kirchenbau des europäischen Frühmittelalters.

Und so ganz nebenbei räumten die Archäologen auch mit einer zweiten These auf. Bisher hieß es, der alte Dom wurde durch den Stadtbrand Magdeburgs 1207 zerstört, weshalb der Erzbischof den Auftrag für den zweiten Dom erteilte. Doch Kuhns Team fand in den Resten der Kirche keine Brandspuren. „Der alte Bau wurde planmäßig abgerissen und Otto in den neuen Dom 50 Meter südlich umgebettet.“ Das heißt, zwei große Kirchen standen im frühmittelalterlichen Magdeburg in unmittelbarer Nähe zueinander, denn unter dem gotischen Dom befinden sich auch Fundamente einer Kirche des 10. Jahrhunderts. Kuhn sieht darin die alte Klosterkirche des Moritzstiftes, die Otto schon 937 in Auftrag gegeben hatte. Ein neues Streitthema für die Mediävisten also: Welches der beiden Kirchenfundamente trug den Kaiserdom Ottos des Großen? Jetzt sind die Historiker gefragt, die Archäologen haben ihre Schuldigkeit getan. In dieser Woche wird die Grabungsstelle auf dem Magdeburger Domplatz wieder sorgsam zugeschüttet, denn dann soll die darüber liegende Straße endlich erneuert werden.

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