Gesundheit : Deutsches Bildungssystem: "Paradise Deutschland"

Malin Ihlau

Vom "Paradise Deutschland" will Oludare Ogunlana all seinen Kommilitonen in Ghana erzählen. Vor allem die Botschaft vom kostenlosen Bildungssystem will er verbreiten. "Kein afrikanischer Student weiss, dass es so was gibt. Am liebsten möchte ich dieses System für Afrika kopieren". Deutschland als Paradies - das überrascht denn doch in Zeiten rechtsradikaler Überfälle auf Farbige. Doch das ist nicht das Deutschland, das Oludare und seine vier Kommilitonen von der "All African Student Union" bei ihrem fünftägigen Delegationsbesuch in Berlin erlebt haben.

Die 25-jährige Eteng Kweko aus Nigeria findet Deutsche freundlich und offen, Deutschland selbst sehr sauber. Beeindruckt hat sie vor allem der Verkehr. Hightech-mäßig empfindet sie das Straßensystem, den Nahverkehr mit regelmäßigen U-Bahnen, Bussen und die vielen Autos. Bei Ihnen gäbe es meist nur Busse, und ein Auto hat man nicht einfach so, als Student schon gar nicht.

Der Wohlstands-Schock

Oludare, ein hochgewachsener Afrikaner mit schmalem Kopf, fragt, ob es hier überhaupt unfreundliche Leute gebe. Seine Kontakte sind allerdings nicht gerade repräsentativ: Zunächst machte er die Bekanntschaft von Außenminister Joschka Fischer, dann von Bildungsministerin Edelgard Bulmahn. Alle lächelten und erzählten viel, berichteten die Studenten nachher.

Ein Besuch an der Humboldt-Universität hat Oludare und seine Studienfreunde am meisten begeistert. "Da hat fast jeder Zugang zu einem Computer und fast jeder von euch hat so ein Ding zuhause," meinte er. In seinem Land gebe es kaum Zugang zu PCs. In den Computerkursen dort wird denn auch hauptsächlich Theorie unterrichtet. Man lernt über den Computer, doch am Computer zu üben, ist selten möglich. "Das ist wie Autofahren lernen, ohne Auto", erklärt Eteng, die sich international für den Schuldenerlass der Dritten Welt engagiert und das Anlitz einer Gazelle hat.

Ihre Organisation, der "All Africa Student Union" (AASU) vertritt Studenten in ganz Afrika. Ihre Hauptziele sind es, die Zusammenarbeit afrikanischer Studenten aus den unterschiedlichen Staaten zu fördern und jedem den gleichen Zugang zum Studieren zu ermöglichen - daher auch der Kontakt zum deutschen Studentenwerk, das sie eingeladen hatte. Besonderes Augenmerk des AASU liegt auf der Bekämpfung von Aids.

Mit der Armut in Afrika vor Augen sind Oludare und die anderen Delegierten dann allerdings fast vom Stuhl gefallen, als sie bei Edelgard Bulmahn in die Bafög-Debatte hineinlauschen durften. "Es kostet hier nichts zu studieren und dann bekommen Studenten auch noch Geld fürs Studium zugesteckt?", fragt Eteng und blickt etwas skeptisch, als könne es sich nur um ein Missverständnis handeln. Als Studentin aus Deutschland kann man schon den Stuhl unter sich weggleiten fühlen, wenn man das deutsche Bafög-System erklären will, und dabei Etengs leuchtend forschende Augen vor sich hat. Dabei sind die Probleme doch klar, mit dem über viele Jahren sinkenden Anteil von Bafög-Empfängern. Viele Berechtigte nehmen die Förderung ja nicht einmal in Anspruch: Ein reiches Land. "Könnt ihr dann nicht mehr Stipendien für afrikanische Studenten vergeben?", fragt Eteng. In Afrika sei es ein Privileg, eine Ausbildung zu bekommen. Selbst dann gibt es das Problem, wie man die große Strecke zur Schule überhaupt bewältigt.

Kampf um Bildung

Dann gibt es noch die Kosten-Nutzen Abwägung in der Familie. Was bringt mehr Geld? Wenn das Kind in der Schule sitzt oder zuhause der Familie über die Runden hilft. Viele Mütter argumentieren, dass sie ihre Kinder im Haushalt brauchen. Es ist oft kein Bewusstsein da, dass eine Ausbildung wichtig ist. Das ist sie auch nicht, wenn es ums reine Überleben geht. Deswegen entschließen sich viele Eltern ihre Kinder nicht in die Schule zu schicken. Junge Mädchen werden dabei benachteiligt, berichtet Eteng. Denn meist können sie sich nicht gegen das Familienoberhaupt durchsetzten, auch wenn sie gern lernen wollen.

Oludare erzählt, dass er Tourismus studiert. Nun will er Politiker werden. Von den meisten afrikanischen Staatsmännern ist er enttäuscht. Ihn reizt aber die Macht. Denn "Macht ist das Wesen der Politik". In Afrika kostet Bildung bisher viel Geld, Gebühren werden vom Kindergarten bis zum Universitätsabschluss erhoben. Ein Studium leisten kann sich nur die obere Schicht. Daran hat sich in den letzten Jahrzenten wenig geändert. Dass möchte Oludare gern geändert haben.

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