Gesundheit : Deutschland in Scherben

Menschen, Zeiten, Räume: Die große Archäologie-Ausstellung im Martin-Gropius-Bau ist eröffnet

Paul Mollenhauer

Auf dem Potsdamer Platz verkündet seit einigen Tagen ein 20 Meter hoher Spaten, dass Berlin nun für fast vier Monate die Hauptstadt der deutschen Archäologie ist. Nur einen Steinwurf entfernt, im Martin-Gropius-Bau, eröffnet heute die Ausstellung „Menschen, Zeiten, Räume – Archäologie in Deutschland“. Die deutsche Landesarchäologie stellt dort ihre Forschungsergebnisse der letzten drei Jahrzehnte vor.

Vier Jahre lang hat Wilfried Menghin, der Leiter des Berliner Museums für Vor- und Frühgeschichte, das Großereignis vorbereitet: Alle 16 Landesämter für Archäologie und Denkmalpflege mussten koordiniert werden, die wichtigsten Objekte – etwa 5000 sind es – ausgewählt und angemessen im Erdgeschoß des Gropius-Baus präsentiert werden. Und sie mussten anschließend noch für die Bonner Bundeskunsthalle zur Verfügung stehen, wo die Ausstellung ab Mai 2003 gezeigt wird.

Seit der letzten großen Leistungsschau der deutschen Archäologie 1975 in Köln hat die Disziplin als Bodendenkmalpflege ihren Wirkungsbereich auf alle Epochen vom Erdaltertum bis zur Gegenwart ausgeweitet und sich damit auch große Teile der Naturgeschichte angeeignet. Und wie nie zuvor bedienen sich die Archäologen für die Lokalisierung, Sicherung und Auswertung von Bodenfunden des gesamten Instrumentariums der angewandten Naturwissenschaften von der Satellitenaufnahme bis zur DNA-Analyse.

Gropiusbau 1945

Im Lichthof des Museums bedecken zahllose Scherben aller Art und Größe den Boden, sorgsam in Magazinkästen sortiert. Auf großen Gazevorhängen zittert als Projektion ein historisches Foto des zerbombten Gebäudes: Hier befand sich das alte Museum für Vor- und Frühgeschichte, bis der Bau Ende Februar 1945 bei Bombenangriffen schwer beschädigt wurde und die Magazinbestände durch die zerschossenen Stockwerke in die Tiefe rasselten.

Der Rundgang zeigt: Viele der zahlreichen ausgestellten Neufunde aus 390 Millionen Jahre Erd- und Menschheitsgeschichte verändern unsere Vorstellung von den „dunklen“ Epochen der Geschichte. Die Menschen konnten mehr, wussten mehr voneinander und lebten komfortabler als bisher angenommen wurde. Welchen hohen Stand das Handwerk bereits in der Jungsteinzeit besaß, zeigen unter einer zimmerhohen Vitrine die mächtigen Balken der Brunneneinfassung von Erkelenz (Nordrhein-Westfalen): Zimmerleute des Jahres 5090 v. Chr. haben das Holz mit primitiven Steinwerkzeugen auf dieselbe Art präzise in Blockbauweise ausgeklinkt, wie man es noch bei Brunnen der Neuzeit findet.

Zu den echten Höhepunkten im Gropiusbau zählen die keltischen Funde. Bevor die Römer kamen, siedelten keineswegs nur Germanen, sondern zunächst hauptsächlich Kelten zwischen Maas und Weser. Deren Bild musste in jüngster Zeit nicht zuletzt aufgrund der deutschen Neufunde massiv korrigiert werden. Als besonders erstaunlich erwies sich der Umfang ihrer europaweiten Handels- und Kulturbeziehungen. Der Keltenfürst von Hochdorf in Baden-Württemberg etwa ließ sich im sechsten Jahrhundert v. Chr. aus dem weit entfernten griechischen Unteritalien einen Bronzekessel mit 400 Litern Fassungsvermögen liefern, in dem Archäologen 1978/79 Reste von Honigmet fanden.

Die hervorragend erhaltene Statue eines keltischen Fürsten vom Glauberg (Hessen) aus dem fünften Jahrhundert v. Chr. weist frappante Ähnlichkeiten zu zeitgleichen Grabstatuen der Lusitaner (im heutigen Portugal) auf. In der 1994 geöffneten Grabkammer des Glauberger Fürsten entdeckte man am Toten Schild, Schwert, Ringe und Halskette – und zwar exakt die Stücke, die auch an der erwähnten Fürsten-Statue verewigt sind. Damit erhält der Fürst vom Glauberg, der erst ab 2004 dauerhaft im Hessischen Landesmuseum Darmstadt gezeigt werden wird, geradezu persönliche Züge.

Die Untersuchung von Fäkalien aus mittelalterlichen Kloaken hat gezeigt, dass sich die Stadtbewohner abwechslungsreicher ernährten als bisher angenommen wurde. Doch in den Toiletten fand sich noch mehr: Aus dem Plumpsklo des Scharfrichters von Lübeck (Schleswig-Holstein) zogen die Forscher neben dem amputierten Fuß eines Gefolterten auch einen goldverzierten Seidengürtel, eine prallgefüllte Geldbörse und eine unversehrte Korallenhalskette – wollten hier etwa Verhaftete belastende Beweise verschwinden lassen? Und die Mengen von Kinderspielzeug und besonders von Trinkglasscherben, die aus Abfallgruben in die Vitrinen des Gropiusbaus gelangt sind, geben Hinweise auf die gar nicht so freudlose Lebensqualität unserer Städte im Mittelalter.

Daneben fehlen nicht die Grabungen, bei denen das Düstere den Ton angibt: Der „Fahrerbunker“ der SS-Leibstandarte Adolf Hitlers am Potsdamer Platz mit seinen naiven Fresken wurde nachgebaut. Gezeigt werden auch die sterblichen Überreste der 13 Bewohner eines römischen Gehöfts beim bayrischen Harting, die im dritten Jahrhundert totgeschlagen, skalpiert und in den Brunnen geworfen wurden.

Natürlich wird Kalkriese thematisiert, der Ort der Varusschlacht im Jahre neun n. Chr. Hier haben sich die Ausstellungsdesigner für eine symbolträchtige Inszenierung entschieden: Flackernde Lichteffekte und Schlachtenlärm vom Band beschwören den Untergang der 19. Legion. An dieser Stelle droht die Inszenierung den Kontakt zu den Funden zu verlieren in ihrem Bestreben, die wissenschaftliche Präsentation der Funde durch eine emotionale „Anmutung“ zu ergänzen.

Im Übrigen jedoch sind die Exponate zumeist einfallsreich ausgestellt: Die Meeresfossilien hängen vor flaschengrün schimmernden Unterwasseraufnahmen. Zu den Fossilien aus der Grube Messel schreitet man über knirschende Platten von Ölschiefer, in dem die Funde entdeckt wurden. Der germanische Schatz von Gommern (Sachsen-Anhalt) wird in einer Art Jurte versteckt, in der man den Grabhügel erkennen soll. Und die Völkerwanderungszeit ist ins unvermeidliche Halbdunkel getaucht.

Großen Wert legt die Ausstellung auf die Vermittlung eines Eindrucks von archäologischer Arbeit: An den Wänden und in den Vitrinen sind professionelle Grabungsskizzen angebracht, Funde werden schon mal in und auf Holzkisten präsentiert. Zusammen mit dem Scherbenfeld im Lichthof wird dem Besucher so eine Ausstellung über Archäologie und nicht bloß eine archäologische Ausstellung geboten. Der archäologische Alltag, daran sei hier kurz erinnert, besteht mittlerweile überwiegend aus Notgrabungen, um die bei Bauprojekten zerstörten Fundkomplexe wenigstens zu dokumentieren.

Der Löwenmensch

Das eigentlich Spektakuläre dieser Schau aber bleiben die Funde, unter denen sich Superlative befinden wie der älteste Holzspeer der Welt, der ergänzte Neandertaler von 1856 und mit dem „Löwenmenschen“ eines der ältesten plastischen Kunstwerke der Menschheit.

Das alles zu zeigen kostet Geld: Mit rund 2,4 Millionen Euro ist die Schau zwar für ein Ereignis dieses Umfangs und dieser Qualität nicht besonders teuer, natürlich auch dank der umfassenden Mitarbeit der Landesämter. Dennoch müssen die Organisatoren auf mindestens 100 000 Besucher hoffen, von denen jeder zehnte einen Katalog kauft, damit der Aufwand am Ende nicht im finanziellen Desaster endet.

Bei einer solchen Leistungsschau besteht die Gefahr, den Besucher zu überfordern: Der Zusammenhang der Exponate ist ja zunächst rein institutionell, nicht aber inhaltlich oder didaktisch begründet. Ausführliche Texttafeln könnten hier den Interessierten auf Dauer ebenso ermüden wie die Inszenierung der Objekte als reine Highlight-Show. Diesen komplizierten Spagat haben Wilfried Menghin und sein Team bewältigt. Im Gropiusbau kann ab jetzt jeder die großen, aber auch die kleinen Sensationen entdecken, die von der Archäologie ans Licht gebracht wurden.

Martin-Gropius-Bau (Niederkichnerstr. 7, Kreuzberg), bis 31. März 2003. Öffnungszeiten: Mittwoch bis Montag 10 bis 20 Uhr. Eintritt 6 Euro, ermäßigt 3 Euro. Der Begleitband (400 Seiten, 800 Abbildungen) kostet 24,90 Euro. In der Bonner Bundeskunsthalle ist die Ausstellung vom 9. Mai bis 24. August 2003 zu sehen. Informationen, Termine und Begleitprogramm im Internet:

www.archaeologie-in-deutschland.de

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