Gesundheit : Deutschland - nein danke?

TOM HEITHOFF

Ausländer stolpern über bürokratische Hürden, wenn sie hierzulande studieren wollenVON TOM HEITHOFFYi Zhang aus China hatte schon als Jugendlicher den Wunsch, nach Deutschland zu gehen."Ein Lehrer brachte uns Goethe nahe, und ich wußte damals schon, eines Tages würde ich herkommen." Nach sieben Jahren beurteilt der frischgebackene Diplomphysiker seine Studienjahre positiv, nicht nur weil "die Menschen in der Regel sehr freundlich" waren: "Der große Vorteil des deutschen Systems ist die Freiheit, sich seine Lehrveranstaltungen wählen zu können.Sehr angenehm sind auch die langen Semesterferien, in denen man Praktika absolvieren kann.Nachteil ist die lange Studiendauer." Die Erfahrungen Yi Zangs sind vielleicht typisch für ausländische Studenten in Deutschland.Der Weg hierher ist umständlich; wer aber da ist, ist recht zufrieden. Was für ausländische Studenten die Bürokratie, ist für ausländische Wissenschaftler häufig die Arroganz der Kollegen."Haben Sie sich überhaupt habilitiert?" fragten seine deutschen Kollegen den Kommunikationswissenschaftler Manfred Wolfram, der zur Zeit Gastdozent in München ist.Wolfram ist seit zehn Jahren Professor in Cincinatti.Doch für manchen ist er offenbar kein gleichrangiger Kollege.Die als Frage verkleidete Geringschätzung sei symptomatisch für das deutsche Hochschulsystem, das sich nach außen hin verschließe.Deutsche Arroganz sei ihm noch öfter begegnet; man halte die Amerikaner zwar für fähig in praktischen Dingen, aber für ziemlich inkompetent in der Theorie.Das sei um so verwunderlicher, als "die meisten Theorien in meinem Fach von Amerikanern stammen".Auch über die Ausstattung sagt er nichts Gutes: In der Bibliothek stehe "nichts Brauchbares".Es gebe zu wenig Computer, die Software sei größtenteils veraltet."Ich habe fast das Gefühl, als sei ich in die Dritte Welt gegangen." Kritik, die auf offene Ohren trifft.Die deutschen Hochschulen - so hörte man immer wieder - schreckten ausländische Studenten und Wissenschaftler ab.Nicht erst seitdem Bildungsminister Rüttgers vor den katastrophalen Folgen, auch für die wirtschaftlichen Beziehungen, warnte, ist die Diskussion um die Anziehungskraft deutscher Hochschulen in vollem Gange.Die Statistik besagt, daß Deutschland als Studienland an Attraktivität verliert, während die USA - trotz Studiengebühren - steigenden Zulauf vermelden (siehe Kasten).Wie lassen sich die Bedingungen für ausländische Studierende und Wissenschaftler verbessern? Wie sehen Ausländer die Situation? Auf dem 24.Bayerischen Hochschultag der Evangelischen Akademie Tutzing fand man Antworten. Obwohl der Nutzen eines Auslandsstudiums in jeder Hinsicht auf der Hand liegt, haben höchstens zehn Prozent aller deutschen Absolventen ein Semester im Ausland studiert.Und nicht einmal fünf Prozent der hier Studierenden sind Ausländer."Was vor 500 Jahren selbstverständlich war, ein akademischer Austausch über Grenzen hinweg, gehört heute leider nicht mehr zu den Selbstverständlichkeiten", sagte Theodor Berchem, Präsident des DAAD.Allerdings müsse man berücksichtigen, daß die akademische Mobilität damals durch die einheitliche Wissenschaftssprache Latein und länderübergreifende einheitliche Abschlüsse begünstigt gewesen sei. Es gehen und kommen zu wenige.Um aber die akademische Mobilität voranzutreiben, sei es dringend nötig, die hohen Einlaßhürden herabzusetzen, also die Sprachprüfung zu vereinfachen und die Rahmenbedingungen so zu ändern, daß ausländische Studenten nicht mehr "wie potentielle Wirtschaftsflüchtlinge" behandelt werden. Im letzten Punkt hat Bundesinnenminister Manfred Kanther jetzt eingelenkt: auf die beabsichtigte Verschärfung der Einreisebedingungen für ausländische Studenten verzichtete er kürzlich.Während nach der bisherigen Regelung Ausländer aus Nicht-EU-Ländern in den Semesterferien drei Monate jährlich arbeiten durften, ist dies nun auch während des Semesters möglich.Durften Ausländer bisher zehn Jahre lang in Deutschland studieren - angefangen von Sprachkursen bis zur Promotion -, so wurde diese Zeit im neuen Entwurf der Allgemeinen Verwaltungsvorschriften des Ausländergesetzes auf 15 Jahre verlängert.Außerdem soll der nachzuweisende monatliche Lebensunterhalt auf die Höhe des BAföG-Regelsatzes gesenkt und der Familiennachzug erleichtert werden.Die Aufenthaltsbewilligung zu Studienzwecken wird nicht mehr vom Alter abhängen.Der Entwurf, an dem die Hochschulrektorenkonferenz beteiligt war, wurde bereits dem Bundesrat vorgelegt.Wann darüber beschlossen wird, ist noch nicht bekannt. Erleichterungen werden folgen, Bürokratie aber wird bleiben und wohl auch weiterhin für Ärger sorgen wie bisher."Für meine Einschreibung brauchte ich eineinhalb Wochen, für die Aufenthaltsbewilligung einen Monat." Als der Russe Sergej Nikolajew vor drei Monaten nach München kam, öffnete er erst einmal die zahllosen Türen der Ämter anstatt Buchdeckel.Dabei war Nikolajew mit einem Stipendium des Rußlandfonds der deutschen Wirtschaft ausgestattet, um für seine Doktorarbeit zu forschen.Keiner also, der sich eine Einreise erschleichen will.Ein Angestellter in der Ausländerbehörde habe ihm gesagt, er solle es nicht persönlich nehmen, die Bürokratie habe eben nichts mit Logik zu tun.Aber die Bestimmungen, die Papiere, die Nachweise...Es dauerte, bis er endlich die "traumhaften Arbeitsbedingungen an der Uni" genießen konnte.Auch Maria Paez-Romero aus Kolumbien kann ein Lied davon singen."Es ist nicht leicht, in einem Land zu leben, wo man das Gefühl hat, unerwünscht zu sein." Jährlich muß sie sich um eine Verlängerung der Aufenthaltsbewilligung kümmern, muß Sponsoren benennen, Bürgschaften besorgen.Und natürlich studieren, denn das ist die Voraussetzung für die Aufenthaltsbewilligung."Wie müssen nicht nur Leistung bringen, wir müssen kämpfen." Was können die deutschen Hochschulen tun, um mit ausländischen kompatibel zu werden? Hinrich Seidel, ehemaliger Präsident der Europäischen Rektorenkonferenz, plädiert für eine rasche Ausweitung des Leistungspunktesystems, das die Anrechnung von ausländischen Studienleistungen vereinfacht.Darüber hinaus sei die Einführung eines verschlankten zweigeteilten Studienaufbaus nach anglo-amerikanischem Vorbild überfällig: Das Studium müsse sich - "da das Spezialwissen so schnell veraltet" - auf die Vermittlung von Fundamentalwissen beschränken und nach drei bis vier Jahren mit dem Bachelor abgeschlossen werden.Ein vertieftes Studium könne danach über weitere zwei Jahre mit dem Abschluß des Master studiert werden.Diese international üblichen Grade gewährleisteten einen problemlosen Übergang in ein anderes Land.Wer in den USA den Bachelor gemacht habe, könne dann ohne Zeitverlust (durch zu wiederholende Seminare) zum Master weiterstudieren.Um unsere Hochschulen internationaler zu machen, sei es ferner an der Zeit, sich auf eine gemeinsame Wissenschaftssprache zu einigen."Englisch ist bereits die Sprache der modernen Wissenschaftswelt, deshalb sollten wir uns nicht länger dagegen sperren, auch englischsprachige Lehrveranstaltungen anzubieten sowie englische Studienarbeiten zu akzeptieren." Aber ist der Spracherwerb tatsächlich ein so großes Hemmnis für den Auslandsstudenten, wie oft behauptet wird? Für die eingeladenen ausländischen Studierenden war die Sprache jedenfalls kein "Problem".Im Gegenteil - es zeigte sich, daß gerade die deutsche Sprache (und, weiter gefaßt, die deutschsprachige Kultur) ein entscheidendes Motiv für ein Studium in Deutschland sein kann.Auch der BWL-Student Fall Hamadou aus Senegal hat sich, obwohl er Englisch und Französisch beherrschte, für ein Studium in Deutschland entschieden, weil er durch einen Lehrer mit deutscher Philosophie bekannt gemacht wurde."Seine Faszination für Deutschland hat sich auf mich übertragen.Ich wollte hierhin, obwohl ich es aus sprachlichen Gründen woanders einfacher gehabt hätte." Der bequemste Weg muß also nicht unbedingt der begehrteste sein. Die italienische Juristin Tiziana Chiusi, die sich in München habilitiert, glaubt jedenfalls nicht, daß eine englischsprachige Lehre mehr Studenten aus dem Ausland anziehen würde."Wer die Wahl hat, wählt doch lieber das Original als die Kopie, geht also in die USA oder nach England." Ihrer Meinung nach ist die Attraktivität einer Hochschule auch weniger von internen Strukturen oder Marketing abhängig."Entscheidend ist die Qualität, der Ruf eines bestimmten Professors oder Instituts.Wenn man Qualität durch entsprechende Ausstattung fördert und hält, spricht sich das von selbst herum."

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