Gesundheit : Deutschlands schnelle Stimme

Brauchen wir eine Nationale Akademie? – Vor der Entscheidung des Wissenschaftsrates

Uwe Schlicht

Ein deutsches Märchen erzählt die Geschichte vom Wettlauf zwischen Hase und Igel. Der Hase, der so viel schneller laufen kann, verliert den Wettlauf gegen den Igel, weil der am Endpunkt der Rennstrecke seine Frau postiert hat. Sie schleudert dem hechelnden Hasen entgegen: „Ick bün all hier!” In Deutschland kann der Wettlauf zwischen Hase und Igel neu aufgelegt werden. Der Igel sind die sieben Akademien der Wissenschaften. Die Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina gibt es seit 1652, die Leibnizsocietät und spätere Preußische Akademie der Wissenschaften seit 1700 und seit 1751 die Göttinger Akademie der Wissenschaften. Diese Akademien sind in Jahrhunderten gewachsen. Kann im Jahre 2004 der schnelle Hase in Gestalt einer Nationalen Akademie doch noch den Wettlauf gewinnen? Diese Frage will der Wissenschaftsrat bei seinen Beratungen in dieser Woche in Berlin klären.

Warum wird überhaupt über eine Nationale Akademie diskutiert? Es geht in der Tat um Tempo. Die traditionellen deutschen Akademien der Wissenschaften sehen ihre Hauptaufgabe in Langzeitvorhaben wie der Sammlung griechischer Inschriften oder einem Personenlexikon über die Führungsschicht im Römischen Reich. Sie beschäftigen sich mit Editionen großer Gelehrter wie Fichte, Leibniz und Humboldt sowie der Marx-Engels-Gesamtausgabe oder dem Wörterbuch der Brüder Grimm. Das dauert oft über hundert Jahre. Wenn sich die Akademien aktuellen Problemen wie der Energieversorgung oder der Alternsforschung widmen, arbeiten sie etwa fünf Jahre daran. Politiker denken jedoch in Legislaturperioden. Sie warten nicht auf die Akademien, sondern berufen Technologiebeiräte oder Ethikräte, die in Jahresfrist Ergebnisse liefern sollen.

Genau in diese Lücke könnte die Nationale Akademie der Wissenschaften stoßen. Die Gründungsidee ist geboren – im Wissenschaftsrat. Zwei Aufgaben soll die neue Akademie nach Tagesspiegel-Informationen übernehmen: aus eigener Kompetenz zukunftsträchtige Themen der Wissenschaft aufspüren – und auf diesem Gebiet Politik und Gesellschaft beraten. Ihre 100 Mitglieder werden allein nach ihrem wissenschaftlichem Verdienst berufen; anders als in den Ethik- und Technologiebeiräten, in denen Politik und Wissenschaft eng verknüpft sind. Die Mitglieder einer Nationalen Akademie soll der Bundespräsident ernennen. Die Akademie wird als gemeinsame Stiftung von Bund und Ländern konzipiert.

Neue Köpfe

Die zweite Aufgabe, die der Wissenschaftsrat für die Nationale Akademie vorsieht: der deutschen Wissenschaft eine Stimme im Ausland zu geben gegenüber so renommierten Institutionen wie der National Academy of Sciences in den USA, der Royal Society in Großbritannien oder der Schwedischen Akademie, die die Nobelpreisträger kürt.

Wie stellt sich der Wissenschaftsrat den Aufbau der Nationalen Akademie vor? Die Akademie soll nicht aus einer Kooperation der deutschen Akademien hervorgehen. Zwar dürfen die ersten 50 Gründungsmitglieder der Nationalen Akademie von den bestehenden deutschen Akademien vorgeschlagen werden. Dieser Gründungskreis kooptiert 50 weitere angesehene Wissenschaftler. Das Plenum der 100 Gelehrten wählt den Präsidenten und zwei Vizepräsidenten. Das Plenum setzt auch die Arbeitsgruppen ein, die später die zukunftsträchtigen Themen der Wissenschaft bewerten.

Neben dem Plenum soll es einen Senat geben, in dem die großen deutschen Wissenschaftsorganisationen vertreten sind: die Deutsche Forschungsgemeinschaft, die Helmholtz-Gemeinschaft der Großforschungseinrichtungen, die Max-Planck-Gesellschaft, die Fraunhofer-Gesellschaft, die Alexander-von-Humboldt-Gesellschaft, die Leibniz-Gemeinschaft, die Hochschulrektorenkonferenz, der Wissenschaftsrat, die Leopoldina und Vertreter der Union der Akademien.

Ob diese Gründungsidee eine Chance in den beiden Kommissionen des Wissenschaftsrates hat, ist zur Zeit völlig offen, wie Insider berichten. Die Professoren könnten zustimmen, wenn eine solche Akademie einen erkennbaren wissenschaftlichen Mehrwert bringt. Und wenn sich die Überzeugung durchsetzt, dass der Wissenschaft die unabhängige Politikberatung ganz zu entgleiten droht. In der Verwaltungskommission, die mit Vertretern des Bundes und der Länder besetzt ist, dürfte der Förderalismusstreit eine Rolle spielen. Will man, dass der Bund jetzt auch noch auf die Akademien zugreift?

Freiheit zur Kakophonie

An kritischen Stimmen mangelt es nicht. Der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Ludwig Winnacker, hat davor gewarnt, nur eine Stimme der Wissenschaft zu schaffen. Winnacker wörtlich: „Ich halte dies für einen Irrweg. Die Kakophonie ist Prinzip einer Wissenschaft in einem freien Land, das Meinungs- und Pressefreiheit hochhält.” Wenn sich die Akademien des Auslandes einen dominierenden Ansprechpartner in Deutschland wünschten, dann könnten sich die Leopoldina, die Union der Länderakademien und die neu gegründete Akademie der Ingenieurwissenschaften zusammenschließen.

Genau diese Drei-Säulen-Lösung haben die Akademien in die Wege geleitet. Sie sieht unter dem Namen „Deutsche Akademien der Wissenschaften” folgende Arbeitsteilung für Politikberatung und internationale Vertretung vor: Die Leopoldina bringt die Naturwissenschaften ein, die Union der Akademien die Geistes- und Kulturwissenschaften und der Konvent für Technikwissenschaften vertritt die Ingenieurwissenschaften. Aber wie lange können sich die Akademien trotz aller Rivalitäten auf eine gemeinsame Linie verständigen? Zur Zeit findet der Präsident der Union der Deutschen Akademien, Gerhard Gottschalk, für den Vorstoß des Wissenschaftsrats nur polemische Worte: viel „Getöse” um ein „Klonierungsexperiment”.

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