Gesundheit : Deutschlands schwierigste Schüler

Die Hauptschule: In Bayern hat sie Zukunft, in Brandenburg nicht, meint Pisa-Forscher Jürgen Baumert

Anja Kühne

Ist die Debatte um das mehrgliedrige Schulsystem aus wissenschaftlicher Sicht beerdigt? Das befürchten manche Berliner Hauptschulleiter, nachdem der Leiter des deutschen Pisa-Konsortiums, Manfred Prenzel, gesagt hat, die Studie belege „keinen systematischen Zusammenhang“ zwischen den Leistungen der Schüler und dem Schulsystem. Sowohl in integrierten als auch in mehrgliedrigen Systemen seien gute Leistungen möglich (Tagesspiegel vom 7. und 8. Dezember). Das heißt aber nicht, dass die deutschen Pisa-Forscher das deutsche Schulsystem nicht länger hinterfragen wollen.

Jürgen Baumert, Mitglied des deutschen Pisa-Konsortiums und bei der ersten Pisa-Welle dessen Leiter, stimmt seinem Nachfolger zu: Es gibt Länder, die mit einem gegliederten System „intelligenter“ umgehen als Deutschland. In Deutschland gebe es also sehr wohl „Optimierungsmöglichkeiten“, auch innerhalb des Systems. Doch zugleich weist der Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin auf die sozialen Folgen hin, die die frühe Verteilung der Schüler auf die unterschiedlichen Schulformen haben kann: Der Elternwille spielt bei der Wahl des Schultyps eine große Rolle. So kommt es, dass Kinder mit sozial schwächerem Hintergrund eher auf Haupt- oder Realschulen gehen. Das hat aber die Folge, dass es in der Zusammensetzung der Schülerschaft zu „sozialen Disparitäten“ kommt – die sich schließlich auch auf die Leistungen der Schüler auswirken können, wenn die Schulen mit dieser Situation „nicht gut umgehen“, wie Baumert dem Tagesspiegels am Rande eines Expertenforums an der Freien Universität Berlin sagte.

Also doch weg mit dem gegliederten Schulsystem? „Darauf gibt es keine einheitliche Antwort“, sagte Baumert. In Bayern, Baden-Württemberg oder Rheinland-Pfalz besuche ein großer Teil der Schülerschaft, etwa ein Drittel, die Hauptschule. Die soziale Mischung an der Hauptschule ist hier besser, das Ansehen der Hauptschule größer. „Auch auf dem Lehrstellenmarkt sind die Hauptschüler hier nicht stigmatisiert“, sagte Baumert. Anders sei die Lage aber in Berlin. Weniger als zehn Prozent der Schüler besuchen die Hauptschule. In Berlin werde eine Antwort auf die Frage nach der Zukunft der Hauptschule deshalb anders ausfallen als in Bayern.

„Es war eine sehr vernünftige Entscheidung Brandenburgs,Realschulen und Gesamtschulen zusammenzufassen, um zur Zweigliedrigkeit zu kommen“, sagte Baumert, der selbst Vorsitzender der Brandenburgischen Kommission war, die dem Land diesen Rat unlängst erteilt hatte. Es sei aber eine Illusion zu glauben, schon die Integration der Haupt- in die Realschule werde die Probleme lösen: „Dann hat man die schwächeren und vielleicht auch schwierigeren Schüler dort.“ Die Schulen müssten lernen, mit der Heterogenität der Schülerschaft umzugehen. Damit hätten sie schon jetzt Schwierigkeiten, wo doch versucht werde, die Gruppen homogen zu halten: „Im Gymnasium etwa ist es nicht pädagogisch anstößig, Klassenwiederholung und Schulformwechsel an die Stelle rechtzeitiger und gezielter Förderung zu setzen“, sagte Baumert. In der DDR dagegen, in der die Schüler erst spät getrennt wurden, sei es gerade „im unteren Leistungsbereich“ der Schülerschaft gelungen, ein besseres Fundament zu legen, wie erste Untersuchungen nach der Wende gezeigt hätten. Vier Jahre später seien die Schüler auf das westdeutsche Niveau abgesunken.

Um das Bildungswesen zu verbessern, hilft manchmal aber auch Druck. In Schweden bestehe für Kinder aus Familien, die soziale Unterstützung erhalten, Kindergartenpflicht, sagte Baumert: „Das wäre bei uns schon rechtlich nicht denkbar.“

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