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Diabetes Typ1 : Sport ist nicht Mord

22.10.2012 00:00 Uhrvon und
Es läuft. Michael Rosenbaum als Teilnehmer beim Köln-Marathon. Foto: PrivatBild vergrößern
Es läuft. Michael Rosenbaum als Teilnehmer beim Köln-Marathon. Foto: Privat

Bisher rieten Ärzte Typ 1-Diabetikern eher davon ab, sich lange und ausdauernd zu bewegen Nun will ein Kölner zeigen: Kontrolliertes Training ist hervorragend für diese Patienten. Auch in Berlin gibt es eine Laufgruppe.

Michael Rosenbaum saß auf seinem Sofa, als es definitiv ernst wurde. Vor ihm lief der Fernseher, und er konnte plötzlich nicht mal mehr die Untertitel lesen. Damit erreichten seine Probleme eine neue Qualität. Seit drei Tagen schon hatte er enormen Durst, aber das registrierte er nur, lästig zwar, aber nichts Bedenkliches. Dachte er. Aber massive Sehstörungen, das ist etwas anderes. Ein Arzt teilte ihm dann mit: „Sie haben Diabetes Typ I. Ihre Bauchspeicheldrüse hat aufgehört zu arbeiten. Ihr Körper bildet Antikörper gegen die Insulinproduktion.“

Es war der 24. Februar 2010 – der Tag, der Rosenbaums Leben „ordentlich verändert hat“, wie er sagt.

Der 47-jährige Unternehmensberater aus Köln gehört zu den rund 500 000 Menschen in Deutschland, die unter Diabetes Typ 1 leiden. Offiziell sechs Millionen Menschen müssen mit Diabetes Typ 2 klarkommen, die tatsächliche Anzahl in Deutschland wird aber zwischen acht bis zehn Millionen Menschen geschätzt. Diabetes Typ 2 ist im Gegensatz zu Typ 1 nicht angeboren, er entsteht durch falsche Lebensweise, vor allem ungesunde, kohlenhydratreiche Ernährung. Während Patienten mit Typ 1 überhaupt kein Insulin mehr produzieren, produziert die Bauchspeicheldrüse bei Typ 2 zunächst einen enormen Überschuss – und stellt aus eben diesem Grund irgendwann auch ihre Insulinproduktion ein.

Rosenbaum ist vermutlich Opfer seines beruflichen Ehrgeizes. 2009 hatte er eine Erkältung nicht wirklich ernst genommen und war nach fünf Tagen Pause wieder am Schreibtisch. Er erlitt einen schweren Rückfall und war vier Wochen krankgeschrieben. Vermutlich hatte sich in dieser Zeit ein Virus in seiner Bauchspeicheldrüse festgesetzt und sie funktionsunfähig gemacht. Er stand jetzt vor der Frage: Kann ich je wieder Sport betreiben? Und wenn ja, in welcher Form? Sport war und ist Teil seines Lebens. Rosenbaum ist Vizepräsident des Deutschen Behindertensportverbands, in dieser Funktion verbringt er mehrere Tage die Woche in Berlin. In seiner Heimatstadt ist er Mitorganisator des Köln-Marathons und auch selber gelaufen.

Sport ist für Diabetiker ein Risiko. Bei gleichzeitiger Insulinzufuhr unterzuckern sie schnell und können ins Koma fallen, wenn sie nicht sofort reagieren. Deshalb rieten Ärzte besonders Diabetikern Typ 1 lange Zeit vom Sport ab. Doch wenn der Sport kontrolliert ausgeübt wird, kann er enorm hilfreich sein. Das zeigt Michael Rosenbaums Geschichte. Sein Arzt teilte ihm mit: „Sie können weiter Sport treiben, aber sehr kontrolliert.“ Das sieht in der Praxis so aus: Rosenbaum hat beim Joggen ein Messgerät dabei, das ihm seinen Blutzuckerpegel anzeigt. Sechs Mal im Schnitt blickt er beim Laufen auf die Anzeige. Wird ihm schwindelig, schluckt er Traubenzucker, bei längeren Läufen liegt in seinem Rucksack eine Flasche Cola.

Daraus ist eine Laufbewegung entstanden. Rosenbaum hat das Diabetes-Programm Deutschland initiiert, ein Laufprogramm für Diabetikerinnen und Diabetiker beiden Typs. Sie lernen in einem sechsmonatigen Trainingsprogramm, regelmäßig Sport zu treiben, speziell Laufen. Zwei Mal pro Woche treffen sich maximal zehn Personen zum Training, Anfänger wie Leistungssportler. Zum Team gehören ein Trainer mit Notfallkoffer und ein Diabetesberater. Das Programm wird wissenschaftlich begleitet von der Sporthochschule Köln. Bei diesen Laufgruppen – sie existieren inzwischen in fünf Städten – zeigen sich deutliche gesundheitliche Verbesserungen. Diabetiker vom Typ 2 können sogar „völlig medikamentenfrei werden, wenn sie regelmäßig Sport treiben“, so Rosenbaum. Der Körper lerne mit den wachsenden Muskeln wieder, den Zucker zu verbrennen.

Rosenbaum will aufklären und möglichst viele Diabetiker zum Sport bringen. Am besten gelingt ihm das, indem er seine eigene Geschichte erzählt. Kürzlich nahm er zum sechsten Mal am Köln-Marathon teil, das dritte Mal als Diabetiker, und er erreichte seine persönliche Bestzeit. Rund hundert Teilnehmer aus dem Diabetes-Programm Deutschland machten ebenfalls mit, darunter fünf Berliner. Um die Teilnahme für Berliner im kommenden Jahr attraktiver zu machen, wird diese Gruppe voraussichtlich am Berlin-Marathon teilnehmen.

Die Berliner Gruppe existiert seit Juli dieses Jahres und umfasst zur Zeit acht Mitglieder. Sie trifft sich auf dem Sportplatz des Landessportbunds (Priesterweg 4) in Schöneberg. Um sie zu vergrößern, will Rosenbaum demnächst ein Schnuppertraining anbieten. Sollte es genug Interessenten geben, werden verschiedene Gruppen in einzelnen Berliner Bezirken gebildet. Bundesweit sind 140 Menschen in dem Projekt organisiert. Das Ziel lautet: Jeder soll innerhalb eines Marathons eine selbst gewählte Distanz absolvieren. 2013 möchte Rosenbaum mit einer Trainingsgruppe beim 25-Kilometer-Lauf in Berlin antreten.

Um die Millionen Diabetiker der Bundesrepublik zum Sport zu bewegen, sind nicht nur sie selbst gefragt. Am Dienstag findet im Deutschen Apothekerhaus in der Jägerstraße der „Diabetes- und Sportgipfel Berlin“ statt, Hauptorganisator ist Rosenbaum. Gesundheitspolitiker wie Renate Künast und die ehemalige Gesundheitsministern Ulla Schmidt sind angekündigt, außerdem Mediziner und Vertreter aus Sportverbänden. Sie sollen am Beispiel Berlin diskutieren, wie in Zukunft Anreize auf allen Seiten geschaffen werden können, Diabetiker in der kontrollierten Bewegung zu unterstützen.

Ein entscheidendes Problem ist immer noch, dass die Krankenkassen die Teststreifen für die Zuckermessung bei Diabetikern des Typs 2 nicht bezahlen. Ein Streifen kostet rund 50 Cent, bei regelmäßiger Bewegung muss oft gemessen werden. Außerdem fordert Rosenbaum die Kassen auf, mehr Sportprogramme für Diabetiker anzubieten. Auch aufseiten der Ärzte fordert er ein Umdenken: „Diabetologen verschreiben ihren Patienten Medikamente statt ihnen zu sagen, dass sie ihren Lebensstil ändern sollten.“ Er mache niemandem einen Vorwurf. Doch in Zukunft wünscht er sich einen „gemeinsamen Pakt gegen die Diabetes“, so dass das einzige Bewegungs-Hindernis für diese Patienten der innere Schweinehund bleibt.

Der Diabetes- und Sportgipfel wendet sich an ein Fachpublikum. Informationen und Anmeldung unter www.diabetes-programm-deutschland.de. Informationen zu den Laufgruppen, auch zur Berliner Gruppe, unter Tel. 0221-577 77 58.

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