Gesundheit : Diabolischer Druck

Bluthochdruck ist ein entscheidender Risikofaktor für Schlaganfall und Herzinfarkt – dennoch wird er von Ärzten und Patienten vernachlässigt

Rosemarie Stein

Er schleicht sich an – langsam, ganz langsam. Dann schlägt er blitzschnell zu. „Plötzlich und unerwartet“ liest man dann in der Todesanzeige, wenn gleich der erste Herzinfarkt einen stattlichen Mann in den besten Jahren für immer niederstreckt. Und „nach langem schweren Leiden“, wenn der erste Schlaganfall die alte Frau für Jahre lähmte und erst der zweite oder dritte sie tötet.

Der stille Killer hat einen Namen: Hypertonie – Bluthochdruck. Er geht heimtückisch vor, denn anfangs spürt man gar nichts: keine Schmerzen, keine anderen Beschwerden. Deshalb wird er oft nur durch Zufall entdeckt, und deshalb tun die Betroffenen häufig nichts dagegen, zumindest nicht konsequent genug.

Wenn es erst zu Schwindel und Kopfschmerz, Augenflimmern und Ohrensausen kommt, oder wenn das Gedächtnis nachlässt, dann sind das schon Spätsymptome: Anzeichen einer Arterienwandverdickung durch ständig zu hohen Blutdruck. Und das Damoklesschwert, das als Schlaganfall und Demenz, als Herzinfarkt und -insuffizienz oder als Nierenversagen niedergeht, hängt an einem zerfaserten seidenen Faden.

Und dennoch: An der verhängnisvollen Vernachlässigung des Bluthochdrucks durch Patienten und Ärzte hat sich bis heute nichts geändert. Mindestens jeder vierte oder fünfte Erwachsene ist betroffen, aber nur die Hälfte der Hochdruckkranken werden als solche erkannt, und davon wiederum lässt sich nur die Hälfte ständig behandeln.

Die Qualität der Therapie allerdings lässt sehr zu wünschen übrig: Die große Augsburger „Monica“-Studie der WHO ergab, dass nur zehn Prozent der weiblichen und nicht einmal fünf Prozent der männlichen Hypertoniker so wirksam behandelt werden, dass der Blutdruck ausreichend fällt.

Mit dem Blutdruck sinkt auch die Gefahr. Binnen fünf Jahren geht die Häufigkeit des Schlaganfalls um 42 Prozent und die des Herzinfarkts um 14 Prozent zurück, wenn bei Kranken der diastolische Druck um fünf bis sechs mm Hg (die Einheit, in der der Blutdruck gemessen wird) sinkt. Das berichtete kürzlich der Kölner Hochschul-Internist Hans-Michael Steffen auf dem Deutschen Kongress für ärztliche Fortbildung in Berlin. Den diastolischen Druck misst man, wenn sich die Herzpumpe gerade entspannt. Als Grenzwerte, oberhalb dessen die krankhafte Erhöhung beginnt, gilt heute ein systolischer Blutdruck – der Druck, wenn das Herz pumpt – von 140 und ein diastolischer von 90 mm Hg. Unterschätzt wurde bisher die Gefahr eines – oft im Alter vorkommenden – systolischen Hochdrucks (über 160) bei normalem diastolischen Wert.

Ob jemand Hypertoniker ist, lässt sich nur durch wiederholte Messungen feststellen, darunter eine Messung unter Alltagsbedingungen für 24 Stunden oder unter körperlicher Belastung auf dem Fahrrad-Ergometer, wie Ingomar-Werner Franz von der BfA-Klinik in Todtmoos sagte. Er verlangt von seinen Patienten die Selbstmessung zu Hause: um eine „Weißkittel-Hypertonie“ auszuschließen. Denn der Arztbesuch bedeutet für viele Patienten psychischen Stress, und der allein lässt den Blutdruck bereits in die Höhe schnellen.

Nach den Erkenntnissen der Stressforschung stellt der Körper dadurch mehr Energie für erwartete Angriffs- oder Fluchtbewegungen bereit. Bleibt die Bewegung aber immer wieder aus, kann bei dafür Veranlagten der hohe Blutdruck zum Dauerzustand werden. Zur Entstehung der Hypertonie tragen also verschiedene Faktoren bei: genetische, psychische, soziale (zum Beispiel Arbeitslosigkeit, Schichtarbeit) und – am bekanntesten – Fehlverhalten wie Überernährung, zu hoher Kochsalzkonsum, Bewegungsmangel sowie zu viel Alkohol, der fünf bis zehn Prozent aller Hypertonien verursachen soll.

Ein buntes Bündel von Risiken also. Die Medizin bindet es zusammen mit dem Wort „essenzielle“ oder „primäre“ Hypertonie – 95 Prozent aller Fälle; zu unterscheiden von den wenigen, die durch Krankheiten von Organen wie Herz, Lunge oder Nieren verursacht werden. Diese „sekundäre“ Hypertonie geht man natürlich zuallererst durch eine wirksame Behandlung der Grundkrankheit an.

Was aber kann man gegen den anderen Bluthochdruck tun? Lebenslang täglich Tabletten schlucken, früher sterben – oder den Lebensstil ändern, sagen die Ärzte unnachsichtig. Letzteres bedeutet: Abspecken, weniger Alkohol, regelmäßige Bewegung wie Walking, Joggen, Wandern, Rad fahren. Leistungssport ist nicht nötig, dafür helfen Entspannungs- oder Stressbewältigungs-Training – und schlicht: mehr Muße.

Mit dem Blutdruck reduziert man nebenbei auch die anderen Killer: zu hohe Blutzucker- und Blutfettwerte. Wenn man dann auch noch mit dem Rauchen aufhört, sinkt die Gefahr eines Herz-Kreislauf-Kollapses drastisch.

Wenn aber die Verhaltensänderung allein nicht genug bringt, bleibt nur: lebenslang täglich blutdrucksenkende Medikamente, meist mehrere verschiedene – mit einem Präparat kommen nur etwa 20 Prozent der Hochdruckkranken aus. Hinzu kommen dann oft noch Arzneimittel gegen Diabetes und erhöhtes Cholesterin usw. Wie viele ältere Patienten all diese Pillen durcheinander bringen, davon wissen Hausärzte ein Lied zu singen.

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