Gesundheit : Dicke Infektion

Bei Eingriffen im Krankenhaus drohen Übergewichtigen mehr Entzündungen

Hermann Feldmeier

Wer übergewichtig ist, trägt nicht nur mehr Kilo mit sich herum als notwendig, er belastet auch seine Gesundheit. Ob Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes oder orthopädische Probleme, übergewichtige Menschen sind überproportional häufig betroffen. Neue Erkenntnisse zeigen, dass Dicke aber auch Gesundheitsrisiken haben, denen bislang wenig Beachtung geschenkt wurde.

So gibt es mittlerweile zahlreiche Hinweise für einen Zusammenhang zwischen Übergewicht und Infektionen. Matthew E. Falagas und Maria Kompoti von der Tufts-Universität in Boston, im US-Bundesstaat Massachusetts, haben in einer Meta-Analyse systematisch alle Studien ausgewertet, in denen Patienten mit Adipositas und Infektionen untersucht wurden. Ausgangspunkt der Forschungsarbeiten ist die Überlegung, dass Leptin und Adiponectin, die beiden Schlüsselhormone des Fettstoffwechsels, auch in die Steuerung des Immunsystems eingreifen. Das Resümee der beiden Wissenschaftler ist eindeutig: Übergewichtige Menschen bekommen signifikant häufiger bakterielle und Pilzinfektionen als Individuen mit normalem Gewicht, haben bei einem Klinikaufenthalt ein besonders hohes Infektionsrisiko, und der Krankheitsverlauf ist dramatischer.

Am klarsten ist die Datenlage bei Studien, die das Infektionsrisiko von Übergewichtigen bei einem Krankenhausaufenthalt untersuchten. Wundinfektionen treten nach chirurgischen Eingriffen bis zu sechsmal häufiger bei korpulenten Patienten als bei normalgewichtigen auf. Dies lässt sich damit erklären, dass Fettgewebe relativ schlecht durchblutet ist und verhältnismäßig weniger Sauerstoff enthält. Denkbar ist aber auch, dass operative Eingriffe bei Dicken generell schwieriger sind, länger dauern und der Chirurg zwangsweise mehr Gewebe zerstört; alles Faktoren, die das Auftreten einer Wundinfektion begünstigen.

Eine andere Ursache haben die häufigen Infektionen im Mund- und Zahnbereich (inklusive der Karies) bei Übergewichtigen. Hier liegt die Erklärung vermutlich in einer veränderten Mundflora.

Aber auch Lungenentzündungen sind bei Übergewicht überproportional häufig. Zugrunde liegt dem Phänomen eine regelrechte Ursachenkette: Die Adipositas erhöht den Druck im Bauchraum – vor allem beim Liegen. Dies fördert den Rückfluss von Magensaft in die Speiseröhre. Gerät dieser in die Atemwege, kann sich leicht eine Lungenentzündung entwickeln. Diese Komplikation wird häufig während eines Krankenhausaufenthalts beobachtet. Das Risiko einer Lungenentzündung steigt – und das auch schon bei übergewichtigen Kindern – proportional mit dem sogenannten Body- Mass-Index, einer Kennzahl, die Gewicht und Körpergröße in eine Beziehung bringt. Leicht erklärbar ist die Häufung von Hautinfektionen bei Übergewichtigen. Bei ihnen wird die oberste Hautschicht schlecht durchblutet. In sich überlappenden Fettwülsten bilden sich leicht „feuchte Ecken“, in denen sich diverse Pilze mit Vorliebe ansiedeln.

Gravierend wird der Risikofaktor Adipositas bei Patienten auf der Intensivstation, die künstlich beatmet werden. Hier steigt das Risiko einer Blutvergiftung, einer Lungenentzündung oder der Infektion längs eines Katheters um das Vierfache und die Todesfallrate um das Zweifache. Möglicherweise besteht ein Zusammenhang zwischen dem dramatischen Krankheitsverlauf und der untypischen Verteilung von Antibiotika im Körper bei Übergewichtigen: Die Bioverfügbarkeit lebensrettender Bakterienkiller scheint bei Übergewicht deutlich geringer als im Normalfall zu sein, so dass diese Antibiotika nicht in ausreichendem Maße dort ankommen, wo sie benötigt werden. Wenig verwunderlich ist, dass chirurgische Maßnahmen zur Reduzierung des Übergewichts ihrerseits eine Infektionsgefahr für den Patienten bedeuten. Absaugen von Fett (Liposuktion), „Einschnüren“ des Magens oder „Stilllegung“ eines Darmabschnittes sind Eingriffe mit einem per se hohem Infektionsrisiko.

Wie Fettstoffwechsel und Immunsystem auf molekularer Ebene zusammenwirken, ist weitgehend unbekannt. Sicher ist, dass Adiponectin generell die Abwehrkräfte schwächt, während Leptin bestimmte Immunfunktionen fördert. Eine gestörte Balance der beiden Hormone, wie sie bei der Adipositas typisch ist, kann also das Immunsystem an unterschiedlichen Stellen aus dem Gleichgewicht bringen.

Die Folgen sind Wundheilungsstörungen und eine Fehlsteuerung wichtiger immunologischer Botenstoffe. So ist bei Adipösen beispielsweise die Konzentration von Tumornekrosefaktor alpha im Speichel deutlich vermindert – vermutlich die eigentliche Ursache für die häufigen Infektionen im Mundbereich.

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