Gesundheit : Die Abbruch-Ingenieure

Technik- und Naturwissenschaftler fehlen, weil zu viele das Studium nicht schaffen. Es geht auch anders

Uwe Schlicht

Die deutsche Wirtschaft klagt über einen eklatanten Mangel an Ingenieuren und Naturwissenschaftlern. Die Klagen klingen dramatisch. Herrscht in deutschen Schulen und Elternhäusern ein derart technikfeindliches Klima, dass die Schulabgänger vor der Wahl dieser Studiengänge zurückschrecken? Keineswegs. Die vom Statistischen Bundesamt veröffentlichten Zahlen über die Studienanfänger in den Ingenieurwissenschaften sprechen eine ganz andere Sprache.

In Zeiten der extremen Arbeitslosigkeit von älteren Ingenieuren um 1998 gab es nur noch 45 500 Studienanfänger in den technischen Wissenschaften. Seit dem Wintersemester 2003/2004 aber sind die Zahlen erheblich gestiegen – auf 76 000. In den folgenden Jahren sanken sie vergleichsweise geringfügig von 73 400 auf jetzt 72 395 Studienanfänger. In den Naturwissenschaften und der Mathematik gab es seit dem Tiefpunkt 1995 – damals begannen nur 33 636 ein Studium in diesen Fächern – eine Steigerung auf 78 200 Studienanfänger 2003/2004. Bis 2006/2007 gingen die Zahlen undramatisch auf 71 392 zurück.

Sind damit die Klagen der Wirtschaft maßlos übertrieben? Nein, nur die Erklärungsmuster sind zu korrigieren. Es fehlt nicht an der Nachfrage nach Studienplätzen unter den Schulabgängern, es fehlt vielmehr am Durchhaltewillen und Durchhaltevermögen der Studierenden in den Natur- und Ingenieurwissenschaften. Je nach Disziplin brechen 37 bis 42 Prozent der Studienanfänger das Studium ab. Ließe sich diese Quote verringern, müsste sich Deutschland weniger Sorgen um seinen für die Wirtschaft so wichtigen Nachwuchs machen. Nur eine abgestimmte Förderungspolitik von Wirtschaft, Hochschulen und Schulen kann dazu beitragen, das Problem in den Griff zu bekommen.

In der letzten Zeit mehren sich denn auch Forderungen nach deutlichen Signalen aus der Wirtschaft. Bundeswissenschaftsministerin Annette Schavan rief Ende April auf dem hochschulpolitischen Kongress der niedersächsischen Landesregierung in Hannover die Unternehmen auf, ein Stipendienprogramm für mindestens 10 000 Ingenieurstudenten aufzulegen. Baden-Württembergs Wissenschaftsminister Peter Frankenberg verbindet diese Anregung mit einer Verpflichtung der Stipendiaten, nach dem Studienabschluss für einige Jahre in dem Betrieb zu arbeiten, der sie gefördert hat. Und kürzlich hat sich Sachsens Ministerpräsident Georg Milbradt dieser Forderung angeschlossen.

Vor einigen Wochen fand ein Spitzengespräch zwischen Arbeitsminister Franz Müntefering und Wirtschaftsminister Michael Glos mit Wirtschaftsbossen und Repräsentanten der Ingenieure und der technischen Universitäten statt. Die Minister betonten, dass es für die Bundesrepublik lebensnotwendig sei, eine ausreichende Zahl von Ingenieuren hierzulande zu beschäftigen. In dem Jahr, in dem Deutschland die EU-Präsidentschaft übernommen hat, dämmert es den Politikern, dass sie das ehrgeizige Lissabonziel verfehlen könnten, Europa bis 2010 zur wissensbasierten und damit zugleich wirtschaftlich leistungsfähigsten Region der Welt zu machen. In Deutschland droht eine Lücke von 95 000 Ingenieuren.

Heraus kam bei dem Spitzengespräch bei Müntefering die Anregung von Wirtschaftsminister Michael Glos, im Ausland verstärkt um Ingenieure und Naturwissenschaftler zu werben. Zunächst müssten allerdings bürokratische Hindernisse abgebaut werden. So verlangen die Ausländerbehörden von Nicht-EU-Ausländern ein jährliches Einkommen von mindestens 80 000 Euro. Diese Einkommensgrenze solle bis auf 40 000 Euro gesenkt werden, forderte Glos; das entspreche dem Einstiegsgehalt eines Diplom-Ingenieurs.

Von einer solchen Lösung hält der Vizepräsident der Berliner Technischen Universität Jörg Steinbach nicht viel. Es wäre besser, die große Chance durch den Studentenandrang der nächsten Jahre zu nutzen und den Ingenieurnachwuchs vorwiegend mit deutschen Studienbewerbern heranzuziehen, sagt Steinbach, Sprecher der TU 9, der Vereinigung der führenden technischen Universitäten in Deutschland und der Europäischen Gesellschaft für Ingenieurausbildung (SEFI) im Bolognaprozess.

Auch Steinbach sieht in einem Stipendienprogramm der Wirtschaft einen viel versprechenden Hebel, um die hohe Zahl der Studienabbrecher und Studienfachwechsler in den Ingenieur- und Naturwissenschaften zu senken. Die Arbeitsbelastung der Studenten in diesen Fächern sei nach der Verkürzung der Studienzeiten durch die Bachelor- und Masterreform so hoch, dass zum Jobben eigentlich keine Zeit mehr bleibe. Dennoch müsse eine große Zahl von Studenten für den Lebensunterhalt arbeiten gehen. Diese Belastung sei angesichts der neuen Kosten für Studiengebühren immer größer geworden. Daher wären Stipendien in der Höhe von 500 bis 750 Euro monatlich für eine ausgewählte Zahl von Studenten eine gute Lösung. Die Firmen könnten sich durch Praktikaangebote geeignete Studenten für diese Stipendien selbst aussuchen und so eine vorausschauende Personalpolitik für die Zeit nach dem Studium betreiben.

Das ist jedoch nur ein Weg, um die hohe Zahl von Studienabbrechern zu senken. Auch die Betreuung der Studierenden muss verbessert werden. Das fordert der Wissenschaftsrat, damit die Bachelor- und Masterreform gelingen kann. Bisher blieb die Empfehlung aber wirkungslos. Denn eine bessere Betreuung kostet Millionen. Die TU Berlin will jetzt zehn Millionen Euro investieren, um die Lehrbedingungen zu verbessern. Dazu gehört ein Tutorenprogramm: Bisher musste ein Tutor 40 Studenten betreuen, künftig sollen es nur noch 20 sein, mit denen er den Lehrstoff in den Natur- und Ingenieurwissenschaften vertieft. Und das über die volle Zeit von sechs Semestern und nicht nur im alten Grundstudium. Ergänzt wird dieses Programm durch ein Multimediaangebot: Studenten können sich Probeklausuren aus dem Internet herunterladen und in Kolloquien von wissenschaftlichen Mitarbeitern Hilfestellung bekommen. Ziel ist es, die Studienabbrecher- und Fachwechslerquote von heute 45 auf 30 Prozent der Studienanfänger zu senken.

Bundesweit nennt der Wissenschaftsrat folgende Quoten von Studienabbrechern: im Maschinenbau als der Kerndisziplin des Ingenieurstudiums 37 Prozent, in der Elektrotechnik 42 Prozent und in den Naturwissenschaften 39 Prozent. An den Schulen müsste das neue Fach Naturwissenschaften in der Oberstufe durchgehend bis zum Abitur belegt werden, um die Schüler besser auf das spätere Studium in den Ingenieur- und Naturwissenschaften vorzubereiten, empfahl der Wissenschaftsrat daraufhin. Die ingenieur- und naturwissenschaftlichen Studiengänge sollten dann mit einer einjährigen Orientierungsphase beginnen.

Immer mehr Wissenschaftsminister der Länder plädieren inzwischen auch dafür, von der starren Regelung in Deutschland abzukommen, das Bachelorstudium auf sechs und das Masterstudium auf weitere vier Semester festzulegen. Sie wünschen sich eine Öffnung zum achtsemestrigen Bachelorstudium, um den Schulabgängern im ersten Jahr ein Propädeutikum zu bieten. Angeboten werden sollten etwa Brückenkurse in Mathematik und Naturwissenschaften oder fachspezifischer Fremdsprachenunterricht. Denn häufig scheitern auch motivierte Studienanfänger an mangelnden Grundkenntnissen – und werden zu Studienabbrechern.

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