Gesundheit : Die American Academy lädt Experten zur Diskussion ein

Heiko Schwarzburger

Eine Atommacht wächst biologisch: Vor vierzig Jahren hatte Pakistan rund 50 Millionen Einwohner. "Heute sind es bereits 150 Millionen und nach Schätzungen der Vereinten Nationen werden es in weiteren 50 Jahren über 350 Millionen Pakistani sein", sagte Richard Benedick. "Ähnliche Prognosen gibt es für arme Länder wie Kongo und Äthiopien." Benedick war im amerikanischen Außenministerium jahrzehntelang für die Verhandlungen über den Abbau des Ozonlochs und des Kohlendioxid-Ausstoßes zuständig. Zur Zeit weilt er am Wissenschaftskolleg in Berlin.

In der American Academy trafen sich Experten, um über die schwindenden natürlichen Ressourcen der Welt zu beraten. Sie prophezeiten dramatische Folgen. Pakistan ist ein trockenes Land, nur die Niederungen des Indus bieten fruchtbare Äcker. Wächst die Bevölkerung weiter wie bisher, sehen sich die Machthaber in Islamabad über kurz oder lang mit gravierenden Versorgungsproblemen konfrontiert. Im Osten liegen die dürren Höhen von Afghanistan, im Norden türmt sich der Himalaja, bleibt nur die Expansion nach Indien. Der Konflikt der beiden Atommächte droht also heute schon in einen Krieg um Ressourcen umzuschlagen.

Ähnliches am Roten Meer: Die Grenzstreitigkeiten zwischen Äthiopien und Eritrea entspringen einer schweren innenpolitischen Krise in Asmara. Gelingt es Äthiopien, die zänkischen Eritreer zu kontrollieren, gewinnt es den Zugang zum Roten Meer zurück. Und es sichert seine Nordflanke für den nächsten großen Konflikt, der in dieser Region droht: Der Kampf um den Nil. Die explodierende Bevölkerung braucht mehr Wasser. Schon planen äthiopische Ingenieure, den Blauen Nil anzuzapfen. Gleiches versuchen die Sudanesen mit dem Weißen Nil, bevor er sich bei Khartoum zum längsten Strom der Welt vereinigt. Doch der Nil ist die Lebensader Ägyptens - die größte nordafrikanische Militärmacht droht ihren südlichen Nachbarn bereits offen mit Krieg.

"Die Anzahl der bewaffneten Konflikte um natürliche Ressourcen wird deutlich steigen", meinte Michael Hansseler, geschäftsführender Direktor des Bellagio-Forums für nachhaltige Entwicklung. Das Forum vereinigt zahlreiche wissenschaftliche Stiftungen, die mit ihren Fonds neue Forschungen zur Zukunft der Menschheit anregen wollen.

Für den Costa-Ricaner Francisco Mata, Chef des Weltrates für Umweltfragen, gehört eine internationale Konvention zum Schutz der natürlichen Ressourcen ebenso auf die Tagesordnung wie die Charta der Menschenrechte oder verbindliche Regeln für den Welthandel. "Erst dann haben wir die Chance, ein weltweit gültiges juristisches Regelwerk für solche Konflikte zu etablieren. Bei diesen Konventionen darf es keine Unterschiede zwischen den reichen Nationen und den Entwicklungsländern geben." Im Gegenteil: Bei der Debatte um die Limits für die Emissionen von Kohlendioxid habe sich gezeigt, dass gerade die führenden Nationen wie die USA ihrer Verantwortung nur unzureichend nachkommen. "Internationale Gremien wie die Vereinten Nationen müssen deshalb weiter demokratisiert werden", forderte Lawrence Surendra aus Indien. Eine Milliarde Menschen auf dem Subkontinent setzen ungefähr soviel Kohlendioxid frei wie die Bundesrepublik Deutschland. 1,2 Milliarden Chinesen emittieren weniger als knapp 300 Millionen US-Amerikaner.

Heather Creech vom Internationalen Institut für nachhaltige Entwicklung im kanadischen Winnipeg sieht die Nichtregierungsorganisationen (NGOs) als treibende Kraft einer neuen, globalen Demokratie. "Durch das Internet sind diese Organisationen in der Lage, neueste wissenschaftliche Erkenntnisse zu nutzen und Informationen aus den politischen Debatten sofort in alle Welt zu streuen", sagte die Kommunikationsexpertin. "Nationale Regierungen können nicht mehr im Geheimen verhandeln. Nur die Welthandelsorganisation WTO tagt noch als geschlossener Zirkel, das ist ein Relikt überholter Vorstellungen von Diplomatie."

Auch die Wirtschaft wird durch die Umweltprobleme herausgefordert. Claude Fussler ist Vizepräsident der Europaabteilung des Chemiegiganten Dow und arbeitet im Weltrat für nachhaltiges Wirtschaften mit, dem mehr als zwanzig Großkonzerne angehören. Er sieht auch die Wirtschaft stärker als zuvor in der Verantwortung. "Die Lösung unserer globalen Schwierigkeiten gelingt nur, wenn die Wirtschaftswelt diese Probleme anerkennt", sagte er. "Ein Beispiel bietet das Ozonloch. Der Industrie gelang es innerhalb weniger Jahre, die Fluorkohlenwasserstoffe aus den Produkten und ihrer Herstellung weitgehend zu elimieren." Allerdings gehöre der Schutz der natürlichen Ressourcen noch nicht zu den vordergründigen Marktzielen der Unternehmen - hier seien sowohl der Staat als auch die Konsumenten gefordert.

"Der Markt kann nicht alles richten", unterstützte ihn Richard Benedick. Würden die Vereinigten Staaten beispielsweise jede Fördertonne fossilen Kohlenstoffs mit vier Dollar versteuern, ergebe dies Mehreinnahmen in Höhe von sechs Milliarden Dollar pro Jahr, bei einer Preiserhöhung von nur wenigen Cent pro Gallone (3,7 Liter) Benzin. "Dieses Geld könnte man in die Forschung zu neuen Technologien für die Energiegewinnung stecken", meinte Benedick. "Damit lassen sich auch Anreize für die Industrie schaffen, umweltschonende Verfahren einzuführen." Erst wenn mit Umweltzerstörung und schonungsloser Ausbeutung von Naturressourcen kein Profit mehr zu machen sei, könne es zu Konzepten für eine langfristige Sicherung der Lebensgrundlagen kommen.

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