Gesundheit : Die Angst der Nazis vor der Bildstörung

Ingo Bach

Dröhnende Motoren, eine drängende, aufputschende Musik und ein Kommentar aus dem Off, der im Stile des Kriegsberichterstatters die Helden der Rennbahn und ihren "Kampf um jede Sekunde" feiert. Großer Preis von Deutschland 1938, die Silberpfeile von Mercedes-Benz und Autounion schießen über den Nürburgring. "Der gegnerische Einsatz wird immer zäher und verbissener", bellt die Off-Stimme. Doch auch diesmal bleiben die Rennfahrer von Mercedes Benz die Sieger.

So wie in diesem Mercedes-Werbefilm von 1939 sah die "Asphaltkultur des Dritten Reiches" aus, sagt der Bremer Historiker Uwe Day auf einer Tagung im Berliner Literaturhaus, die gestern zu Ende ging. Thema: "Reflex und Reflexion der Modernisierung im Dritten Reich". Die Rennwagen und der Kult um ihre Fahrer - das waren einige der Zutaten, die in den Köpfen der Deutschen das Bild einer hochmodernen Gesellschaft entstehen ließen.

"Gas geben, aufdrehen" werden zu Synonymen einer Zeit, die den in ihr Lebenden den Eindruck vermittelte, als beschleunige sich der Lebensrythmus unaufhaltsam. Die Nationalsozialisten nutzten die Begeisterung für den Autorennsport für ihre Zwecke aus. Der Staat förderte den Rennsport und ließ es zu, dass die Autofirmen ihre Fahrer zu Helden aufbauten. Die Stars der Straße hießen Manfred von Brauchitsch oder Rudolf Caracciola. Hitler selbst empfing sie und schlenderte mit ihnen über die Automobilausstellungen. "Der Rennsport sollte die technische Überlegenheit, das Tempo und die Stärke der neuen Kulturnation unter dem Hakenkreuz symbolisieren", sagt Day. "Ein Zeichen kraftvoller Modernität."

Doch wie modern war der NS-Staat? War das Dritte Reich logische Konsequenz der Moderne oder ihre Krisenerscheinung? Diese Fragen werden seit langem kontrovers diskutiert. Dass die NS-Führungsriege den Fortschritt nutzte und damit vorantrieb, steht außer Frage. Sie brauchte ihn, um die deutsche Wirtschaftskraft zu stärken und damit das Aufrüstungsprogramm durchziehen zu können - und auch für die effiziente Durchführung des Völkermordes. Für den Genozid nutzten die Nazis nicht nur den technischen Fortschritt, sondern auch die Entmoralisierung, die mit der gesellschaftlichen Modernisierung einherging. "Die Moderne machte den Genozid möglich, als sie das zweckgerichtete Handeln von moralischen Zwängen emanzipiert hatte", interpretierte der Modernisierungsforscher Zygmunt Baumann 1992.

Doch neben dem Hohenlied auf die Modernisierung stehen in der NS-Weltanschauung die sozialromantisch-verkitschte Blut und Boden-Ideologie, der Wehrbauernmythos oder die geplante Entstädterung. Historiker sprachen deshalb von einer "Modernisierung wider Willen" im Dritten Reich.

Zwei gegenläufige Tendenzen in der NS-Gesellschaft sieht auch der Heidelberger Historiker Helmut Kiesel. Zum einen habe der Nationalsozialismus die Gesellschaft tatsächlich modernisiert: Steigerung des Wirtschaftswachstums, fortschreitende Firmen-Konzentration, Stärkung des Zentralstaates, Zunahme der Bürokratie oder auch die Hebung der Volksgesundheit. Auf der anderen Seite stünden eher antimoderne Trends, wie die Aushöhlung des Rechtsstaates, Beseitigung demokratischer Strukturen und Abbau im Bildungs- und Gesundheitswesen.

Für die Menschen im Dritten Reich war das Antimoderne des Staates jedoch kaum zu erkennen. Die Nazis nutzten geschickt den technischen Fortschritt als Propagandainstrument. Der Rummel um die deutschen Rennwagen war ein Teil dieser Modernisierungspropaganda. Und dieses Konzept ging auf. Helmut Kiesel: "Die große Mehrheit der Bevölkerung war der Meinung, in einer ausgesprochen modernen Gesellschaft zu leben mit bemerkenswerten innovativen Impulsen."

Das war jedoch häufig nur ein schöner Schein, so wie zum Beispiel beim Fernsehen, das auch heute oft als Kronzeuge für die technische Modernisierung des Dritten Reiches herhalten muss. Dabei waren es gar nicht die Nationalsozialisten, die dem Fernsehen in Deutschland zum Durchbruch verhalfen, im Gegenteil, sie behinderten das neue Medium nach Kräften - ohne jedoch als Verhinderer dastehen zu wollen, weshalb sie dem Fernsehen nicht offiziell den Todesstoß versetzten, sondern ihm eine Nischenexistenz gewährten.

"Die Technik war 1933 eigentlich schon fertig", sagt der Marburger Medienwissenschaftler Karl Prümm. Die Nazis mussten die einzelnen Komponenten, wie Studios, Übertragung und Empfänger nur noch zusammenführen. Was sie mit großem propagandistischen Aufwand auch taten, doch sie nutzten es nicht. "Es war die Angst vor der technischen Unvollkommenheit der wackligen, störungsanfälligen Bilder", sagt Prümm. Propagandaminister Goebbels konzentrierte sich auf Rundfunk und Film. Das Fernsehen mochte er nicht, würdigte den Beginn der Sendebetriebes 1935 nicht einmal mit einer kleinen Tagebuchnotiz.

In den Kompetenzstreitigkeiten der NS-Polykratie drohte das Projekt Fernsehen auf der Strecke zu bleiben. Hitler musste per Führererlass die Zuständigkeit klären. Reichspost, Luftfahrt- und Propagandaministerium sollten gemeinsam über das Schicksal des Fernsehens bestimmen.

Die Möglichkeit, Führerreden direkt per Bild in die Wohnzimmer zu übertragen, schlugen die Propagandaprofis um Goebbels aus. 1939 verboten sie sogar den Empfang im heimischen Wohnzimmer, obwohl die Entwicklung eines TV-Volksempfängers nach dem Vorbild der Radiogeräte bereits erfolgreich beendet war. Neben der Furcht, der Führer könnte im Rauschen eines gestörten Bildschirmes untergehen, gab es noch andere Gründe für das Verbot. Prümm: "Den Nationalsozialisten war es unheimlich, dass man das Fernsehen viel passiver an sich vorbeirauschen lassen konnte, als die Nachrichten aus dem Radio, die ein konzentriertes Zuhören erforderten."

Modernisierungsfeindlichkeit, wo der technische Fortschritt den Nazis nichts ins Konzept passte - auch das gehört zum Widersprüchlichen im Verhältnis von Nationalsozialismus und Moderne.

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