Gesundheit : Die Angst, hässlich zu sein

Manche Menschen halten sich für entstellt. Aber statt zum Chirurgen sollten sie eher zum Psychologen gehen

Adelheid Müller-Lissner

Der sechsjährige Junge fand seinen Bauch zu dick und seine Zähne zu gelb. Nicht selten kam er zu spät in die Schule, weil er seinen Kopf immer wieder unter den Wasserhahn halten musste: Die Frisur wollte einfach nicht sitzen, obwohl er sich sehr gründlich kämmte.

Der Schulanfänger, von dem die amerikanische Psychiatriefachärztin Katherine Phillips in ihrem Buch „The Broken Mirror“ (1996) berichtet, wurde ungewöhnlich früh Opfer einer Störung, die typischerweise erst in der Pubertät beginnt. Meist sind es junge Mädchen, in deren Leben die Vorstellung immer größeren Raum einnimmt, dass sie unter einem schweren körperlichen Makel leiden: einer schiefen Nase, einem zu kleinen oder zu großen Busen, zu kurzen und zu dicken Beinen oder Mängeln von Haut und Haar. Die Vorstellung, hässlich zu sein, wird manchmal übermächtig: Die Betroffenen trauen sich nicht mehr aus dem Haus, verbringen Stunden im Bad, verhängen alle Spiegel und gehen nur mit starkem Make-up und dick in Kleider verhüllt nach draußen. „Die Angst, stark entstellt zu sein, ist dabei völlig unbegründet, andere Menschen können den angeblichen körperlichen Missstand gar nicht oder nur minimal erkennen“, sagt die Kinder- und Jugendpsychiaterin Claudia Mehler-Wex von der Uni Würzburg.

Patienten mit einer solchen unangemessenen Furcht, wegen Hässlichkeit sozial geächtet zu werden, gibt es nicht erst, seit im Fernsehen Schönheitsoperationen gezeigt werden und selbst Stars mit makellosen Körpern offen über weitere Optimierungsstrategien sprechen. Schon vor über 100 Jahren hat der italienische Psychiater Enrico Morselli aus gegebenem Anlass den Namen für das Krankheitsbild geprägt: Dysmorphophobie – die Angst, missgestaltet zu sein.

Was sich seitdem verändert hat, sind aber die Konsequenzen, die die Betroffenen aus ihrer „Missgestaltsfurcht“ ziehen. Heute gehen sie in den allermeisten Fällen zum Arzt. Doch es könnte der falsche Doktor sein, an den sie sich wenden, fürchtet man bei der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP). Eine Studie aus den USA zeigt, dass die Mehrheit der Patienten, bei denen „Body Dysmorphic Disorder“ diagnostiziert wurde – darunter auch Kinder und Jugendliche –, Hautärzte, Kiefer- und Plastische Chirurgen um eine Behandlung bitten. Die Mehrheit wurde auch behandelt, jedoch mit eher bescheidenem Erfolg: Nur ein knappes Viertel berichtete danach über ein Gefühl der Verbesserung. Und auch bei ihnen dauerte es selten an, die Unsicherheit verschob sich anschließend oft auf andere Körperpartien. „Nur sieben Prozent sind dauerhaft mit der Veränderung zufrieden, die die Operation bringt“, sagt Claudia Mehler-Wex. Die DGKJP fordert Hautärzte und Plastische Chirurgen deshalb auf, vor allem bei minderjährigen Patienten konkreter nachzuhaken und sie zur Abklärung an Kinder- und Jugendpsychiater zu überweisen.

Wie viele Minderjährige tatsächlich heute in Deutschland unter dem Messer von „Schönheitschirurgen“ landen, darüber gibt es noch keine genauen Angaben. Die „Koalition gegen den Schönheitswahn“, die Ende letzten Jahres auf Initiative der Bundesärztekammer und mit Unterstützung von Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt an die Öffentlichkeit trat, sprach von zehn Prozent aller plastisch-chirurgischen Eingriffe. „Das sind Zahlen aus den USA“, kritisiert jedoch der Freiburger Plastische Chirurg Rolf Kleinen, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Plastisch-Ästhetische Chirurgie (DGPAEC). Eine Umfrage, die seine Fachgesellschaft unter ihren Mitgliedern startete, ergab nur einen Anteil von einem Prozent. „Darunter sind zum Beispiel junge Mädchen, bei denen nur eine Brust angelegt ist.“

Auch Kleinen kann aber von jungen Patienten berichten, die sich eine Entstellung nur einbilden. „Mit einem 15-Jährigen, der seine Nase zu groß fand, obwohl sie wirklich unauffällig war, habe ich mehrere Stunden intensiv geredet.“ Seine Beratungsgespräche unterstützt er durch Fotos, die gemeinsam am Computer betrachtet werden. „Es ist auch nichts Ungewöhnliches, dass wir jungen Patienten eine Psychotherapie empfehlen.“ Dass sie stattdessen von Arzt zu Arzt laufen, kann er aber nicht ausschließen.

„Allein die Tatsache, dass Operationswünsche immer gesellschaftsfähiger werden, könnte sich in einer Zunahme der Dysmorphophobie niederschlagen“, fürchtet Claudia Mehler-Wex. Hinweise darauf sieht sie in der Zunahme anderer körperbezogener Störungen wie der Magersucht (Anorexia nervosa), bei der ebenfalls das Selbstbild gestört ist.

Damit eine Dysmorphophobie entsteht, müssen wahrscheinlich eine besondere Empfänglichkeit für psychische Leiden und traumatische Erlebnisse zusammenkommen. Das Leiden, auch als körperdysmorphe Störung bezeichnet, wird vom ärztlichen Diagnoseschlüssel ICD-10 unter die Hypochondrien eingeordnet. Das bedeutet jedoch keineswegs, dass es als „eingebildete Krankheit“ auf die leichte Schulter genommen werden sollte. Der soziale Rückzug behindert die betroffenen Kinder und Jugendlichen massiv in ihrer schulischen und psychischen Entwicklung. Viele tragen sich sogar mit Suizidgedanken, weil sie über ihr vermeintlich erschreckendes Äußeres nicht hinwegkommen.

„Wir müssen die Jugendlichen ernst nehmen, statt ihnen nur an den Kopf zu werfen: ‚Du spinnst doch!‘, schließlich steckt ein großes Selbstwertproblem dahinter“, sagt Mehler-Wex. Für die Eltern ist es besonders schwer, sich richtig zu verhalten: In der Pubertät ist der Zugang zu ihrem Kind oft ohnehin erschwert, zudem können sie ihrer Tochter oder ihrem Sohn als Träger derselben „hässlichen Nase“ oft kaum Trost spenden. „Trotzdem ist es wichtig, dass sie die Dinge realitätsnah betrachten, das Kind nach psychischen Belastungen fragen, vorschnelle Operationen verhindern und gegebenenfalls die Therapie beim Kinder- und Jugendpsychiater unterstützen“, sagt Mehler-Wex.

Die Behandlung besteht in einer Psychotherapie, in der soziale Unsicherheiten, negative Überzeugungen und das typische Schwarz-Weiß-Denken bearbeitet werden. Selten kommen auch Antidepressiva zum Einsatz. „Unser Ziel ist es, dass die Heranwachsenden wieder lernen, die Dinge realistischer zu sehen und sich nicht mit unerreichbaren Idealen überfordern“, sagt die Ärztin. Eigentlich sind die kleinen Abweichungen von der Idealnorm, vom perfekten Oval des Gesichts oder der Traumfigur, im Alltag ja überall zu bemerken, in jeder U-Bahn, beim Bäcker und in der Schule. Man muss sich da nur wieder hintrauen.

Mehr Informationen unter:

www.dysmorphophobie.de

0 Kommentare

Neuester Kommentar