Gesundheit : Die Angst vor der Wissenschaft

Theaterleute streiten mit Forschern

Tilmann Warnecke

Wie steht es heute um die Verantwortung des Wissenschaftlers? Wo, wenn überhaupt, sind die Grenzen der Gentechnik? In der Debatte um die Ethik in der Wissenschaft haben Schauspieler und Regisseure in den letzten Jahren eher selten eingegriffen. Dabei können Wissenschaftler durchaus in Erklärungsnöte kommen, wenn Theaterleute sie herausfordern. Das zeigte jetzt eine Podiumsdiskussion im Berliner Deutschen Theater.

Dessen Kammerspiele führen dieser Tage Friedrich Dürrenmatts „Physiker“ auf, das Anfang der sechziger Jahre als wissenschaftskritisches Stück par excellence galt. Dieter Mann spielt am DT den Möbius, jenen Physiker, der die Weltformel entdeckt und sich in ein Irrenhaus zurückzieht, um die Welt vor seinem Wissen und vor der Zerstörung zu retten – vergebens allerdings. Das große Unbehagen vor dem wissenschaftlichen Fortschritt, das das Stück transportiert, hält an, sagte Mann. Er habe „eine primitive, animalische Angst“, wenn er daran denke, was in den Laboren auf der ganzen Welt erfunden werde. Sein Regisseur András Fricsay pflichtete ihm bei, das Publikum klatschte laut. In Zeiten, in denen Berichte über das Klonen oder über Baby-Atombomben fast täglich zu lesen sind, scheint die Furcht nicht nur Schauspieler zu erfassen.

Nur: Bei den Wissenschaftlern kommt diese Furcht womöglich gar nicht an. Die Wissenschaftler auf dem Podium taten zumindest wenig, um das Unbehagen zu zerstreuen. Müssen Forscher grundlegende Versuche aufhalten, wenn sie sich als risikobehaftet herausstellen? Nein, sagte Hans Frauenfelder, Physiker im berühmten Labor von Los Alamos, wo auch die erste Atombombe gebaut wurde: „Der Forscher kann nicht entscheiden, welche Risiken man eingehen muss.“ Tragen die Wissenschaftler die Verantwortung für ihre Erfindungen? Nicht wirklich, lautete die Antwort von Klaus Segbers, Politologe an der Freien Universität, die den Abend mitveranstaltete: „Ich würde die Verantwortung nur ungern allein dem Wissenschaftler übertragen. Das ist eine Aufgabe für uns alle.“

„Wenn nicht einmal Sie sich verantwortlich fühlen – wer denn dann?“, fragte Mann fast verzweifelt. Politiker setzen bei kniffligen Fragen gerne Ethikkommissionen ein. „An die können wir das nicht delegieren“, sagte Erika Fischer-Lichte, Theaterwissenschaftlerin von der FU. Sie warb für die Kraft des Theaters als moralische Anstalt. Segbers plädierte für Gelassenheit. Man müsse sich damit abfinden, dass Politiker die Anwendung von Wissenschaft heute deutlich weniger steuern könne als noch vor 60 Jahren. Frauenfelder appellierte an die „Weisheit der Menschheit“.

Aber waren Naturwissenschaftler nicht früher einmal politisch? Albert Einstein hat schließlich die frühe Friedensbewegung quasi mitbegründet. Einstein musste sich allerdings auch nicht mit Drittmittelanträgen und Dienstreiseformularen herumplagen. Segbers wies darauf hin, dass sich Forscher heute aus Zeitgründen „nur unter Aufopferung ihrer wissenschaftlichen Karriere“ politisch betätigen können. In einem Punkt waren sich am Ende denn doch alle Diskutanten einig, den Dieter Mann am besten formulierte: „Bei all den bürokratischen Fußfesseln kann man heute gar nicht mehr Einstein werden.“

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