Gesundheit : „Die Angst vor Superunkräutern ist ein Schreckgespenst“

Der Schweizer Botaniker Klaus Ammann über Chancen und Risiken der grünen Gentechnik

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Viele Deutsche essen zu Weihnachten Gänsebraten mit Rotkohl. Der Kohl als Kulturpflanze – ist das eine ganz natürliche Angelegenheit?

Rotkohl, Mais – diese Pflanzen sind alles andere als natürlich. Der Mensch hat sie durch eine jahrhundertelange Zuchtwahl erschaffen. Gentechnisch veränderter Raps ist naturnäher als Rotkohl.

Worin unterscheiden sich denn die herkömmlich gezüchteten Pflanzen von denen, die mit Hilfe gentechnischer Verfahren erzeugt wurden?

Transgene Pflanzen sind eindeutig besser untersucht und getestet. Bei der herkömmlich gezüchteten Nahrung hat es jede Menge Unfälle gegeben. Es gab mal eine Kartoffelart, die plötzlich zu viel Solanin enthielt und Vergiftungen auslöste. Oder auch die Kiwi, die früher chinesische Stachelbeere hieß. Einige raffinierte PRLeute in Neuseeland tauften sie in Kiwi um und brachten sie auf den europäischen Markt. Da hat man Tausende von neuen Eiweißen auf die Bevölkerung losgelassen, ohne jeden Test. Mit der Zeit hat man gemerkt, dass ein seltenes Eiweiß schwerwiegende Allergien auslöst, bis hin zu Todesfällen. Bei transgenen Pflanzen sind Tests vorgeschrieben. Die herkömmliche Zucht hat viel mehr Unbekannte.

Laut einer neueren Allensbach-Umfrage ist die Akzeptanz für die grüne Gentechnik in der deutschen Bevölkerung gewachsen. Dennoch haben viele Menschen Angst vor möglichen Gefahren.

Also, es gibt natürlich das Risiko der Auskreuzung. Pollen fliegt schon seit Jahrhunderten durch die Luft und werden das auch weiter tun. Die Züchter aber sammeln seit Jahrzehnten Erfahrungen und wissen, welche Sicherheitsabstände nötig sind.

Und wie groß ist die Gefahr, dass sich die gentechnisch veränderten Pflanzen in der freien Natur selbständig machen?

Die Angst vor Superunkräutern ist ein Schreckgespenst. Meiner Meinung nach wird diese Gefahr übertrieben. Bisher hat sich gezeigt, dass die Vitalität transgener Pflanzen meist geschwächt ist. Sollte es tatsächlich invasive Pflanzen geben, so wird sich das Millionenvolk der Insekten spätestens nach einigen Jahrzehnten darauf eingestellt haben. Dann findet auch die invasivste Pflanze ihre Fressfreide. Botanische Gärten gehören übrigens auch zu den Initiationszentren invasiver Pflanzen.

Sie befürworten den Anbau transgener Pflanzen. Warum?

Weil es Vorteile bringt. Mit den bisherigen Pflanzen liegen die allerdings eher beim Landwirt. Und das ist den Konsumenten natürlich schwieriger zu vermitteln. Transgene Pflanzen erhöhen über viele Jahre die Erntesicherheit und die Landwirte können Pestizide einsparen. Bei der Baumwolle ist das ganz eklatant. Mit der transgenen Baumwolle ist in China die Zahl der tödlichen Vergiftungsfälle bei der Anwendung von Pestiziden von 2000 pro Jahr auf unter 100 gesunken.

Passen grüne Gentechnik und ökologischer Landbau zusammen?

Ökolandbau mit den bereits verfügbaren transgenen Pflanzen macht keinen Sinn. Mais und Zuckerrüben werden da ohnehin nur wenig angebaut. Aber mit der nächsten Generation transgener Pflanzen wird es den Ökobauern schwer fallen, zu begründen, warum sie die nicht wollen. Zum Beispiel stehen Kartoffeln vor der Tür, die resistent sind gegen die Kraut- und Knollenfäule. Damit könnten dann auch Ökobauern Spritzmittel wie die schädlichen Kupferpräparate einsparen. Mit molekularen Methoden können wir auf verschiedenen Wegen eine naturnähere Anbauweise erreichen. Diese Chance wird mit einem Nein zur Gentechnik vertan.

Aber birgt die nächste Generation transgener Pflanzen nicht auch neue Risiken?

Nein. Es wird Pflanzen geben, deren Inhaltsstoffe verändert sind, beispielsweise mehr Eiweiße und weniger Fette oder höhere Vitamingehalte. Bei Pflanzen die gegenüber Salz und Trockenheit resistent sind, müsste man schon genau beobachten, was mit verwilderten Populationen passiert. Man muss einfach immer wieder sorgfältig abwägen, beobachten, testen.

Letzte Woche sagte Verbraucherministerin Renate Künast auf einer Veranstaltung des Zeit Forum der Wissenschaft sie träume von einer Koexistenz von Ökolandbau und konventioneller Landwirtschaft mit transgenen Pflanzen. Ist das möglich?

Ja. Die Ökobauern müssten sich ernsthaft mit der Pflanzenzucht beschäftigen, statt altes Saatgut wieder auferstehen zu lassen, dass in vielen Fällen miserabel ist. Und auf der anderen Seite würde ich verlangen, dass die molekularen Zuchtstrategen von der alten Denkweise abkommen, dass man auf dem Acker alles mit Pestiziden regeln kann. Die Ökobauern haben durchaus Konzepte, die man bei der molekularen Zucht berücksichtigen sollte. Eine Möglichkeit wäre zum Beispiel, die natürlichen Abwehrreaktionen der Pflanzen zu verstärken. Mit einer gemeinsamen Strategie könnten Synergieeffekte entstehen, die unsere Landwirtschaft wirklich weiter bringen.

Das Interview führte Manuela Röver.

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