Gesundheit : Die Bachelorausbildung ist keine lästige Pflicht

Trotzdem sollen Fachhochschulen auch den Master anbieten Von Herbert Grüner

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Nun wird also auch noch das Bild des Staubsaugers bemüht (vgl. Tagesspiegel vom 20. Mai), um die angeblich drohenden Probleme des BolognaProzesses zu beschreiben. Der Staubsauger – ein nützliches Reinigungsgerät – wird als Bachelor-Staubsauger zur Gefahr: Gierig saugt er auf, was bisher bewährte Uni-Strukturen gewesen sein sollen. Obwohl der Beschluss zur Einführung gestufter Studienabschlüsse Ende der neunziger Jahre erfolgte, formieren sich bestimmte Gegner von Bachelorstudiengängen erst jetzt und skizzieren Untergangsszenarien à la Staubsauger.

Ihre Argumente sind bekannt: Der sechssemestrige Bachelor sei eine Schmalspurausbildung gegenüber dem bisherigen achtsemestrigen Diplomstudium; die zukünftig an Fachhochschulen und Universitäten gleich lautenden Abschlussbezeichnungen verwässerten die erfolgreichen unterschiedlichen Konzepte beider Hochschulsysteme; die Fachhochschulen würden die Gunst der Stunde nutzen, um sich universitär zu gerieren.

Richtig ist, dass durch die Umstellung die für den ersten berufsqualifizierenden Abschluss, den Bachelor, zur Verfügung stehende Zeit im Vergleich zum bisherigen Diplom kürzer wird. Richtig ist aber auch, dass es nicht nur um die Reduktion der Semesterzahl geht, sondern vor allem um die grundlegende Neukonzeption der jeweiligen Studienprogramme, um ihre Modularisierung und die Ausrichtung auf die Berufsbefähigung der Absolventinnen und Absolventen.

In Zukunft findet der Wettbewerb zwischen Hochschulen statt, die beweisen müssen, dass sie eher als andere in der Lage sind, die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und individuellen Bedarfe zu decken. Nicht Fachhochschulen und Universitäten, sondern gute und bessere Hochschulen stehen einander in der akademischen Wettbewerbsarena gegenüber. Dort reicht es nicht aus, mit einem Klammerzusatz Bachelor (FH) oder (Univ.) auf dem Abschlusszeugnis seine Qualität beweisen zu wollen. Die hohe Qualität einer Hochschule wird auch dadurch nachgewiesen, dass sie eine Bachelorausbildung anbietet, die in vertretbarer Zeit durchlaufen werden kann, geringe Abbrecherquoten aufweist und einen Beitrag zur „employability“, zur Berufsbefähigung, der Studierenden leistet.

Die Bachelorausbildung als lästige Pflicht der Hochschule zu sehen und ausschließlich die Masterausbildung als profilbildende Kür zu betrachten, wäre fatal, zumal künftig eine große Zahl von Bachelors die Hochschule in Richtung Praxis verlassen wird.

Für Fachhochschulen besteht die Herausforderung in einem sechssemestrigen Bachelorstudium darin, den engen Praxisbezug zu erhalten, auch wenn unter Umständen das klassische Praxissemester entfällt, das bisher als das FH-Alleinstellungsmerkmal galt. Hier sind kluge Ansätze gefordert, beispielsweise praxisintegrierte Projektarbeiten, die zwar theoriegeleitet sind, jedoch in Kooperation mit der betrieblichen Praxis betreut werden. Das Hauptaugenmerk einer guten anwendungsorientierten Hochschule richtet sich auf die hervorragende Qualität ihres Bachelorangebotes.

Das heißt nicht, dort auf ein Masterangebot gänzlich zu verzichten. Für Fachhochschulen wäre es genauso fatal, nur Bachelorausbildungsstätte zu sein wie umgekehrt, sich in einem falschen Ehrgeiz als Masterschool etablieren zu wollen. Bachelorangebote der Universitäten, die den Absolventen nur als unfertiges Rohmaterial für ein Masterprogramm betrachten – dies gilt vor allem für die Ingenieur- und Technikbereiche – verspielen ihre Chance. Sie reüssieren in der Praxis vermutlich nicht und diskreditieren den Abschluss insgesamt.

Eine Bachelorausbildung von Qualität und mit klarem Profil, mit einschätzbaren Bedingungen und Ergebnissen kann durchaus einen „Staubsaugereffekt“ erbringen – allerdings in einem anderen Sinne als dem des Schmutzaufsammlers. Der so betrachtete „Bachelorsauger“ könnte die für die Wissensgesellschaft so dringend benötigten studierfähigen und engagierten Schulabsolventen in die Hochschulen saugen, die sich bisher nicht an eine akademische Ausbildung herangewagt haben.

Der Autor ist Präsident der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft Berlin.

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