Gesundheit : Die Begabtenauswahl beginnt schon in den Schulen

Henning Mehnert

In einem Interview des Deutschen Hochschulverbandes meinte eine Professorin unlängst auf die Frage, was denn die deutsche Universität für hochbegabte Studenten tue, diese sollten sich an ihre akademischen Lehrer wenden. In Frankreich verlässt man sich demgegenüber von vorneherein nicht auf subjektive Selbst- und Fremdeinschätzung. Dort wird schon während der Schulzeit besonders auf den Grands Lycées in objektivierter Art und Weise die Spreu vom Weizen getrennt und früh begonnen, das begabte Personal für die staatlichen "Kaderschmieden", die "Grandes Ecoles", herauszukristallisieren.

Die Einrichtung der so genannten Grandes Ecoles war bekanntlich eine Konsequenz der französischen Revolution von 1789. Es galt, den Blutverlust an intellektuell befähigtem Personal für den Staatsdienst quasi aus der Hefe des Volkes heraus zu kompensieren. Seitdem hat sich ein rigoroses System der Rekrutierung der akademischen Elite gebildet, das bis heute alle Staatsformen Frankreichs überdauert hat.

Das Procedere ist im Grunde einfach: Nach dem Abitur (Baccalauréat) folgen zwei Jahre in den "classes préparatoires", die auf die Eingangsprüfungen an den "Grandes Ecoles" vorbereiten. Diese können bei Bedarf dreimal wiederholt werden, denn die Altersobergrenze liegt bei 23 Jahren. Pro "Grande Ecole" bestehen etwa 100 von 1000 Bewerbern den Concours. Sie haben danach eine gesicherte, wenn auch nicht unbedingt eine leichte Existenz. Sie müssen sich auf zehn Jahre (eingerechnet die Studiendauer von vier bis fünf Jahren) für den Staatsdienst verpflichten und erhalten dafür schon von Anfang an ein "traitement"- das ist eine staatliche Besoldung von zunächst rund 2500 Mark monatlich. Sie werden in Wohnheimen untergebracht und bekommen ihr "tägliches Brot", den "pot".

Separater Unterricht

Die Elitestudenten erhalten separaten Unterricht von qualifizierten Kräften aus dem eigenen "Stall" (caimans) oder von den Hochschullehrern, die die anderen Studenten in den überfüllten öffentlichen Universitäten "hören" müssen. Studenten der Grandes Ecoles werden auf dieselben Examina vorbereitet, die auch die anderen Studenten mit ihnen zusammen und unter denselben Bedingungen absolvieren müssen. Es gibt also keine eigens auf sie zugeschnittenen Staatsprüfungen. Nach zehn Jahren steht es den Absolventen frei, ob sie weiter dem Staate dienen wollen. Von den meisten wird die "Agrégation" angestrebt. Auch wer diese nicht schafft und nur das C.A.P.E.S. besteht (vergleichbar unserem Staatsexamen), hat seinen Platz gemäß der erreichten Qualifikation im Staatsdienst sicher. In Frankreich gibt es beispielsweise für die Gymnasiallehrer je nach der errungenen Qualifikation eine Dreistufung. Der höchsten Stufe (mit 15 Wochenstunden Unterrichtsbelastung), den Agrégés, steht zudem die Universitätskarriere offen, wenn sie ein Thése de Doctorat (vergleichbar der deutschen Habilitationsschrift) vorlegen und danach Maître de Conférence werden.

Der Maître de Conférence entspricht etwa unserem Privatdozenten. Der deutsche Privatdozent, der habilitiert ist, muss auf Grund seiner "venia legendi" an der Universität wie ein Professor lehren, forschen und prüfen, bleibt aber unbesoldet. Dagegen bezieht der französische Maître de Conférence ein lebenslanges Gehalt nur knapp unter dem Professorensold. Schon ein Absolvent der Agrégation, auch wenn er nicht den Grandes Ecoles entspringt, hat Anspruch auf eine gut dotierte Stelle. Darum freute sich vor kurzem die Tochter des Ex-Staatspräsidenten Mitterand so sehr über ihren doch nur 18. Platz bei der Agrégation in ihrem Fach. Er sicherte ihr eine schöne Lebensstellung.

Man kann sich schon angesichts dieser Tatsachen vorstellen, dass ein Franzose dem deutschen Universitätssystem ratlos gegenüber steht. Als Student trifft er an den deutschen Universitäten auf Professoren, die zu 50 Prozent die Habilitation nicht abgelegt haben. Andererseits lernt er Privatdozenten kennen, die zum Teil von Arbeitslosenhilfe leben müssen, aber ihre Habilitation längst in der Tasche haben.

Ungewohnt ist für ihn auch, dass er sich im Laufe seines Studiums einen Mentor oder Ziehvater aus dem Hochschullehrerbereich suchen muss (wenn er ihn nicht schon auf Grund günstiger biografischer Konstellationen von Hause aus hat), der den jungen Forscher dann bis auf die höchsten Stufen der Karriereleiter protegiert. Zwar gibt es die leidige Kooptation auch im französischen Universitätssystem, aber dann nur auf der höchsten Ebene und auf streng sachlicher Basis. Bis zu Agrégation und im Grunde bis zu "Bestallung" als Maître de Conférence hat der französische Universitätsabsolvent einen eigentlichen Mentor im Grunde nicht nötig, geschweige denn einen, dem er wie im deutschen System auf Gedeih und Verderb ausgeliefert ist.

Es muss den deutschen Bildungspolitikern zugute gehalten werden, dass sie zumindest einmal das deutsche Universitätssystem von Mentorenschaft und Ämterpatronage in Frage zu stellen versuchten. Anfang der 80er Jahre trat auch in Nordrhein-Westfalen ein neues Hochschulgesetz in Kraft, das die Überleitung von habilitierten Hochschullehrern auf Professuren vorsah. Leider wurden vom sozialdemokratischen Wissenschaftsministerium dann doch nur wieder Personen mit starkem professoralem Mentor übergeleitet, auch wenn sie die gesetzlich vorgesehenen Bedingungen nicht erfüllt hatten.

In Frankreich sind solche Überlegungen von vornherein gegenstandslos. Dort kann man sich auf den Wert und die allgemeine Gültigkeit der Examina verlassen, weil sie weitgehend anonym und rigoros öffentlich kontrollierbar sind. Während in Deutschland also weiterhin der schon von Heinrich Heine glossierte Grundsatz gilt: "In Deutschland fragt man nicht, wer einer ist, sondern wer der (Zieh-)Vater war", sind in Frankreich der Günstlingswirtschaft einigen Hürden bereitet.Der Autor ist habilitierter Hochschullehrer an der Universität Bonn

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