Gesundheit : Die Berliner Leibniz-Preisträger: Im Griff der Polyeder

Rico Czerwinski

Der Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis ist der höchstdotierte deutsche Wissenschaftspreis. Er geht in diesem Jahr an elf Forscher, darunter zwei aus Berlin, die wir im Folgenden vorstellen.

Verirrt sich ein Ballonfahrer im Nebel. Als er über eine Wiese schwebt, sieht er unten einen Mann und ruft ihm hilfesuchend zu: Können Sie mir sagen, wo ich bin? Der auf der Wiese überlegt lange, schaut dann nach oben und ruft: In einem Heißluftballon! Pointe: Der Mann auf der Wiese ist ein Mathematiker. - Ziemlich schlecht, findet Günter Matthias Ziegler, und lächelt matt.

Er kann sie nicht mehr hören, diese Witze. Mathematikerwitze. Dieser hier ist ein besonders verfehlter und soll sagen: Wenn man einen Mathematiker nach etwas fragt, gibt er garantiert eine Antwort, die absolut genau ist - und absolut unbrauchbar. Ziegler meint, dass das nicht stimmt. Genau so wenig, wie das Bild des zerstreuten Gelehrten mit weißem Bart und Birkenstocklatschen. Er zum Beispiel.

Günter Ziegler ist 37 Jahre alt, Mathematikprofessor. Jünger als die meisten seiner Kollegen. Jünger auch als einige seiner Studenten an der Technischen Universität, zumindest äußerlich. Er hat sich beeilt, nachdem er als Schüler alles abgeräumt hatte, was Mathematikwettbewerbe an Trophäen zu bieten hatten. Schnell ein Grundstudium in Mathematik und Physik im heimatlichen München, und dann, mit 21, nach Amerika. Massachusetts Institute of Technology. Mit 24 promoviert, fünf Jahre später habilitiert, mit 31 Professor an der TU. Seitdem wieder jede Menge Auszeichnungen, u.a. den Gerhard-Hess-Preis und jetzt den mit 1,5 Millionen Mark dotierten Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Sein Fachgebiet: Diskrete Geometrie.

Wenn Ziegler durch die Welt geht, sieht er überall Polyeder, geometrische Körper, die von endlich vielen ebenen Flächen begrenzt sind ("diskret" = abgegrenzt). Nicht nur Würfel, Quader, Pyramiden, auch richtig verrückte Gebilde, die wie aufwendig geschliffene Edelsteine aussehen. Diese Polyeder stehen nicht einfach so herum, sie sind verborgen in Busfahrplänen, Benzinzapfsäulen und Müsli-Sorten.

Die Merkmale der Polyeder, also zum Beispiel Zahl und Entfernung ihrer Ecken und Kanten, stehen für die Merkmale des jeweiligen Objektes, in dem sie "verborgen" sind, etwa für die eines Busfahrplans. Wieviele Busse, wann, wohin, auf welchem Weg etc. fahren, bestimmt das Aussehen des entsprechenden Polyeders. Die Erstellung des Busfahrplanes für eine Stadt wie Berlin nämlich ist ein, wie Mathematiker sagen "schwieriges Planungsproblem". Ähnlich schwierig ist es, die unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten optimale Zusammensetzung von Produkten wie Müsli, einer bestimmten Benzinsorte oder einer Pizza zu errechnen. Vereinfacht wird diese Aufgabe, indem man Busverbindungen und Pizzarezepte als Polyeder begreift. Die lassen sich in geometrische Formeln fassen, mit denen man etwa das Durcheinander bei der Erstellung eines Busfahrplans "in den Griff bekommen" kann, wie Ziegler sagt.

Auch in Computerspielen und Hollywood-Filmen sind Polyeder die heimlichen Stars. Ein Tyrannosaurus Rex etwa ist für Ziegler erstmal eine "Ansammlung von Punkten in einem abstrakten Raum", ein mathematisches Objekt, das mit Formeln berechnet werden muss. "Diskrete Geometrie steckt heute schon in mehr Elementen des Alltags, als man denkt, und wird immer wichtiger. Wenn meine Antworten also eines nicht sind, dann unbrauchbar." Und auch sonst, meint Ziegler, ist Mathematik ganz anders. Woran etwa liegt es, dass es keinen Mathematik-Nobelpreis, aber einen für Chemie gibt? Doch nicht daran, dass mathematische Entdeckungen weniger bedeutend sind. Eher schon, "so erzählt man sich in Fachkreisen", an Gustaf Mittag-Leffler, genannt "Gösta", einem der berühmtesten schwedischen Mathematiker, und "engem" Freund Frau Nobels.

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