Gesundheit : Die Besten der Besten

Als 17-jähriger Deutscher an drei US-Elite-Unis angenommen – aus dem Tagebuch eines Bewerbers

Alfred Dersidan

10. Januar 2004: Alles beginnt in der 4. Stunde (Sozialwissenschaften), wo Mitschüler ihre Studienplanung vorstellen. Die Tatsache, dass alle schon wissen, wo sie sich bewerben, erschreckt mich. Ich habe noch keinen Schimmer, welche Unis mir gefallen könnten. Glücklicherweise steht ein Sortiment an Uni-Rankings zur Verfügung. Abgeschreckt durch diese Vergleichsstudien, in denen deutsche Unis es kaum unter die Top 50 der Welt schaffen, beschließe ich, mich an den Universitäten zu bewerben, die ganz oben stehen: Harvard, Princeton, Stanford, Yale, Brown und Dartmouth.

Ich besuche die Internetseiten der einzelnen Universitäten – und bin geschockt: Für jede Universität muss ich allein 15 Seiten Bewerbungsunterlagen mit einer Zusammenfassung bisheriger akademischer Leistungen beschriften. Darunter fallen Schulnoten, „class rank“, Wettbewerbe und Akademien, Ergebnisse von IQ-Tests oder Sprachkenntnisse. Ich hole alle Urkunden heraus, die ich jemals in der Schule gewonnen habe. Um bei der Masse der hochqualifizierten Bewerber (circa 20000 pro Universität und Jahr) irgendwie aufzufallen, bedarf es zum Beispiel der erfolgreichen Aufnahme in elitäre Begabtenförderungsprogramme wie der Studienstiftung des deutschen Volkes. Ebenso gerne gesehen sind Preise in den Bundeswettbewerben und Olympiaden für Mathematik, Physik, Biologie oder Fremdsprachen. Damit die Erfolge auch von den Universitäten erkannt werden können, vergleiche ich sie mit amerikanischen Äquivalenten.

Obwohl Harvard und Konsorten vehement abstreiten, auf einzelne Staaten bestimmte Aufnahmequoten anzuwenden, ist es ein offenes Geheimnis, dass alle „Ivy League“-Institutionen zuerst die qualifiziertesten Bewerber der einzelnen Staaten auswählen, um dann in großen Komiteesitzungen die „Besten der Besten“ zu bestimmen. Im Normalfall ist akademische Exzellenz zu 70 Prozent und außerschulisches Engagement zu 30 Prozent ausschlaggebend.

Zu den schriftlichen Bewerbungsunterlagen kommen nun vier Empfehlungsschreiben, zwei von Lehrern, eines vom Schulleiter und eines von einem anderen Mentor, Trainer oder Arbeitgeber. Die Universitäten wollen in diesen Empfehlungsschreiben vor allem zwei Qualitäten erkennen: „initiative and passion“, zu Deutsch: Initiative und Leidenschaft. Hier prallen Vorstellung und Realität häufig aufeinander. Der Durchschnittsschüler lernt, um Klassenarbeiten zu überstehen. Der Wunschschüler der Elite-Unis lernt, um zu lernen. Bei ihm sind nicht Spitzennoten primär von Bedeutung, sondern vielmehr Nebenprodukte des Enthusiasmus für das Fach.

Zur Bewertung des Schülers gibt es verschiedene Kategorien, etwa Intelligenz, Motivation, Bereitschaft zum selbstständigen Lernen, Kreativität, aber auch Charaktereigenschaften wie Ehrlichkeit, Offenheit, Humor oder Verlässlichkeit. Günstig ist es in der Regel, Lehrer in sprachlichen Fächern als Empfehlende auszuwählen, da diese meistens präzise und einprägsam formulieren können. Dabei muss ich ihnen immer wieder deutlich machen, dass Details wichtig sind. Allgemeine Formulierungen („Schüler X zeigt eine hohe Motivation“) sind wenig hilfreich, wenn sie nicht durch konkrete Beispiele illustriert werden. Ich überlege also zusammen mit meinen Lehrern, welche Arbeiten, Referate etc. beispielhaft angeführt werden können.

Dann muss ich Essays schreiben, viele Essays. Ich treffe dabei auf „gewöhnliche“ Fragen, wie „Welches Buch hatte den größten Einfluss auf ihr Menschen- und Weltbild?“. Meine Antwort: „Kassandra“ von Christa Wolf, weil es von den vielen zivilisationskritischen Werken der Weltliteratur am eindringlichsten die Gefahren einer nur auf Leistung fixierten Welt aufzeigt. Ich komme auf „Kassandra“, weil wir diesen Roman im Unterricht behandelt haben. Mehr Kopfzerbrechen bereiten mir dagegen Themen wie „Wer war der größte Patriot des 20. Jahrhunderts?“ oder „Was ist Ehre?“. Mir hilft es sehr, immer wieder zu überlegen: Was sollen diese Fragen? Die Essays müssen bestätigen, was die Empfehlungsschreiben aussagen: Werde ich von den Lehrern als innovativer Kopf gelobt, so sollte sich dies in den Essays niederschlagen.

23. April 2004: Habe keine Lust mehr. Jetzt will man von mir doch tatsächlich wissen, ob meine Freundin ein Hindernis für mein Studium in den USA darstellen könnte und ob eine Trennung meine intellektuelle Leistungsfähigkeit temporär einschränken könnte. Finde das alles völlig überzogen. Elan verflogen.

Nach zwei Wochen mache ich weiter.

Ich muss deutlich machen, wo meine Lernschwerpunkte liegen. Man sollte in allen Fächern sehr gut, in zweien aber außerordentlich gut sein. Meine „Leidenschaften“ sind Mathematik und Wirtschaftsrecht. Vor dem Hintergrund der „Initiative and passion“-Aufnahmephilosophie ist es für mich ein Vorteil (und ein wesentlicher Bestandteil meiner Bewerbung), dass ich durch Aufnahme eines Hochschulstudiums bereits in der 10. Klasse meine Begeisterung für das Lernen zeigen kann. Elite-Unis sind risikoscheu und achten darauf, dass Studenten in ein Persönlichkeits- und Leistungsprofil passen, welches erfahrungsgemäß erfolgreiche Absolventen auszeichnet.

14. August 2004: Beginn des Testmarathons. In den nächsten vier Monaten erwarten mich acht Aufnahmeprüfungen und -gespräche. Die Zeit zur Vorbereitung beträgt zwei Monate und wenn ich bedenke, dass Schul- und Hochschularbeit parallel dazu laufen, wird mir jetzt schon angst und bange.

6. November 2004: In einer amerikanischen Militärbasis in Bitburg nehme ich an diesem Tag meine ersten beiden Aufnahmetests in Deutsch und Mathematik, SAT II („Scholastic Aptitude Test“) genannt. Während die Deutschprüfung leicht von der Hand geht, haben es die Matheaufgaben in sich. Der gesamte Stoff der Klassen 7 bis 11 wird auf einmal abgefragt. Zum Glück hat sich in den USA eine ganze Industrie rund um den College-Aufnahmeprozess gebildet: Firmen wie „Barron’s Test Preparation“ bieten für jeden Test Übungsbücher, die authentische Übungstests enthalten. Angst sollte während der echten Prüfung erst gar nicht auftreten, denn sie zu überwinden kostet bereits wertvolle Zeit.

22. Januar 2005: Den Abschluss der schriftlichen Tests bildet der SAT-I-Test. Er vergleicht Schüler aus allen Ländern und wählt so die Weltelite aus. Mit meinem Ergebnis (1360 von 1600 Punkten) bin ich zufrieden.

2. Februar 2005: Ich werde von einem Harvard-Alumni nach Holzminden bestellt, wo ich mich 45 Minuten mit ihm auf Englisch unterhalte. Das Prozedere ist für alle Universitäten ähnlich: Im Zentrum des Gespräches steht die Frage: „Warum will ich nach Harvard/Yale/Princeton?“. Mein Vorgehen ist folgendes: Ich antworte relativ kurz (ca. 15 Minuten), um dann den Spieß umzudrehen und zu fragen: „Warum sollte ich nach Harvard gehen, und nicht nach Yale?“. Dies versetzt den Interviewer in die Lage, „seine“ Uni verteidigen zu müssen. Nicht nur bietet diese Kehrtwende interessanten Diskussionsstoff für die verbleibenden 30 Minuten. Sie zeigt auch, dass der Bewerber sich seiner Attraktivität für die Uni bewusst ist. Angriff ist einfach die beste Verteidigung!

März 2005: WARTEN auf den 1. April, den Tag der Entscheidung. Schrecklich, so lange warten zu müssen. Können die sich nicht mal beeilen?!

1. April 2005! Habe heute Mails bekommen: Drei Zusagen, und zwar in Brown (der Nr. 4 der Elite-Unis in den USA), Dartmouth (Nr. 5) und in Princeton (der Nr. 1 oder Nr. 2 – das wechselt von Jahr zu Jahr). Nur Harvard hat mich auf eine Warteliste gesetzt. Zurzeit warte ich noch auf die Antwort aus Stanford. Diese Uni ist etwas altmodischer und verschickt die Entscheidung mit der Post.

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