Gesundheit : Die Bibel sieht die Stadt als verkommenen Ort - für den Jesuiten Henri Boulad ist sie eine Chance

Raoul Fischer

Städte haben in der Bibel einen schlechten Ruf. Im Buch Genesis im Alten Testament wird erzählt, wie der Städtebauer Kain den friedlichen Landbewohner Abel erschlägt. In Babylon bauen die Menschen einen Turm, mit dem sie den Himmel stürmen wollen. Gott vernichtet alles in der Sintflut, so wie er später die Städte Sodom und Gomorrah vernichtet, in denen ein freies, ungezügeltes Liebesleben praktiziert wird. Das Misstrauen reicht bis in die Moderne. Jean-Jacques Rousseau (1712-1778) rief "Zurück zur Natur", weil nach seiner Meinung der Mensch gut geboren sei und erst von der Gesellschaft verdorben werde. Für Oswald Spengler (1880-1936) beginnt der "Untergang des Abendlandes" in den Städten und Umberto Ecco entfaltet in seinem Roman "Der Name der Rose" ein apokalyptisches Bild der Zivilisation.

Sammelbecken für verkommene Moral und Kriminalität oder Chance für Glauben und Kirche? In der katholischen Akademie in Berlin-Mitte konnte man kürzlich unter der Überschrift "Die Stadt - von Babylon nach Jerusalem" darüber nachdenken. Henri Boulad, als Referent eingeladen, verkörpert das Geheimnis großer Städte. Die Familie seines Vaters stammt aus Syrien, die seiner Mutter aus Italien. Boulad, 1931 in Alexandria geboren, ist der Nationalität nach Ägypter und Libanese. Religiös wurzelt er in der Ostkirche mit ihrem gefühlsbetonten Kult, dennoch ist er dem Jesuitenorden beigetreten. Der ist typisch für die Westkirche: Nüchtern, sachlich, von der Vernunft bestimmt. In Frankreich und den USA studiert er Literatur, Philosophie und Theologie. Er selbst ist ein Schmelztiegel verschiedener Kulturen und Denkrichtungen. Wie die großen Städte.

Die entwickeln sich in unserer Zeit immer mehr zu Megazentren: Kairo hat 6,8 Millionen Einwohner, Tokio 7,8 Millionen, Sao Paulo 9,8 Millionen Einwohner und Mexiko City 11,7 Millionen. Sie ziehen Massen von Menschen an, die Elendsgürtel, von denen sie umgeben sind, wachsen. Ein Elend, das Henri Boulad kennen gelernt hat, nicht zuletzt, als er an der Spitze des katholischen Hilfswerks Caritas stand: Als Direktor der Caritas Ägypten (1984-1995) und als Vizepräsident von Caritas International (1991-1994). Trotzdem liebt Boulad die Stadt, einer Verteufelung will er nicht folgen.

Die Stadt ist für ihn der Ort, an dem die Machtfrage gestellt wird. "In der archaischen, feudalen Gesellschaft bekam der Herrscher die Macht von oben, von den Göttern", erklärt er. In der städtischen Gesellschaft sei das in Frage gestellt worden. "Macht wird entsakralisiert", sagt der Jesuit, sie komme von unten, vom Volk. Und die Stadt sei zudem der Geburtsort der Moderne. Ohne die Kontrolle durch einen Familienklan oder die Dorfgemeinschaft ließen sich Menschen überlieferte Werte nicht mehr aufzwingen, sondern stellten sie in Frage: "Warum keine Polygamie, Ehescheidung oder Homosexualität?", zitiert Boulad einige Beispiele.

Für die Kirche seien Städte zwiespältig. Einerseits waren sie in der Zeit der Urkirche Keimzelle des Christentums und des Glaubens. Andererseits wurden sie im Laufe der Geschichte immer mehr zu Orten der Wissenschaft, wo Religion und Glauben in Frage gestellt wurden - Keimzelle des Atheismus. Die Freiheit hat Schattenseiten.

Der Jesuit hat erlebt, wie Menschen in einer großen Stadt wie Kairo der geistige Halt verloren geht. "Sie sind geistig entwurzelt - auf der Flucht", sagt er. Deswegen benehme sich die Kirche manchmal wie eine "gute Großmutter", indem sie versuche, Gläubige zu bevormunden - und die ließen das geschehen. Andere wendeten sich ab und suchten ihr Heil bei neuen Gurus, die ihnen das Denken abnähmen.

Gilt am Ende doch Rousseaus Ruf "Zurück zur Natur", um den Halt wieder zu finden? "Das ist keine Lösung", sagt Boulad. "Erstens gibt es in Berlin viele Grünanlagen, die es in Kairo zum Beispiel nicht gibt. Und zweitens birgt die Stadt eine Chance, sie ist ein auserwählter Ort." Boulad sieht nämlich gerade die Freiheit positiv. Jeder müsse seinen eigenen Weg, sein eigenes moralisches Gerüst finden. "Dagegen kann man sich in der Dorfgemeinschaft nur anpassen - oder man wird ausgeschlossen", erklärt Boulad. Das Denken wird einem hier gewissermaßen abgenommen. In der Stadt dagegen interessiere sich niemand dafür, was der Nachbar denkt, man müsse es selber tun. "Demokratie, Freiheit will gelernt sein", sagt Boulad.

Und er sieht die eigene religiöse Dimension der Stadt. Während viele sich zum Beten und zur Meditation in die Stille und Einsamkeit des Landes zurückziehen, sagt der Jesuit: "Man kann auch in der U-Bahn beten, oder im Bus, oder auf der Rolltreppe im Kaufhaus" - mitten in einer lauten und technisierten Umgebung. Und Boulad findet dafür ein Bild: Jesus, der mitten in einem modernen Krankenhaus steht und ein Baby in einem Brutkasten ansieht. "Es kommt auf unsere Einstellung an", sagt er, "darauf, wie wir die Stadt sehen."

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