Gesundheit : Die Bildungs-Weisen sollen es schaffen

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Von Bärbel Schubert

Als Konsequenz aus der Schuluntersuchung „Pisa“ hat Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) alle Verantwortlichen zu einer „nationalen Anstrengung“ für die Bildung der Kinder aufgerufen. Der Bund will sich daran beteiligen, „damit wir beim Bildungsniveau in zehn Jahren wieder international unter den ersten fünf sind“, sagte Bulmahn am Dienstag in Berlin. Dazu stellte sie ein Aktionsprogramm der Bundesregierung vor. Die Kultusminister der Länder werden am Abend ihre Konsequenzen aus dem Schulvergleich der Bundesländer vorstellen.

Die Zweitklassigkeit deutscher Schüler im internationalen Vergleich und die riesigen Bildungsunterschiede innerhalb Deutschlands ließen sich nur gemeinsam überwinden. In keinem anderen Industrieland würden Begabungen von Kindern so häufig verschenkt, meinte die Ministerin mit Blick auf die geringen Bildungschancen von Kindern aus Arbeiterfamilien und die große Zahl schlecht ausgebildeter Jugendlicher, die Pisa ausgewiesen hat. So erreicht in Bremen, Brandenburg und Sachsen-Anhalt jeder dritte Jugendliche beim Lesen nicht das Niveau der Ausbildungsreife.

Nationale Bildungsstandards

Bundesweite Bildungsstandards, einen zentralen Bildungs-TÜV (Evaluierungseinrichtung) und regelmäßige nationale Bildungsvergleiche gehören zu den Bundesvorschlägen zur Verbesserung des deutschen Schulsystems. „Wir brauchen nationale Bildungsstandards, die in allen Bundesländern verbindlich sind, weil Bildungschancen nicht vom Wohnort abhängen dürfen“, sagte Bulmahn zur Begründung. Nur so habe der deutsche Föderalismus eine Chance, in dem eigentlich ausschließlich Länder und Kommunen für die Schulen verantwortlich sind. Neben Leistungsstandards solle man sich auf Bildungs- und Erziehungsziele verständigen. Zu den Bildungsstandards soll aber auch die Dauer der Schulpflicht, das Fächerangebot der verschiedenen Schulformen, eine einheitliche Gestaltung von Abschlüssen, die Übergangsregelungen von einer Schulform zur anderen sowie Unterrichtsmaterialien, eine Angleichung der Lehrerbildung und ein Rahmen für eine wachsende Selbstständigkeit der Schulen gehören.

Mit dieser Liste hat Bulmahn so viele Länderempfindlichkeiten getroffen wie möglich. All diese Regelungen zählen sie zu ihren ureigensten Zuständigkeiten, über die sie seit Jahren eifersüchtig wachen. Das Ergebnis: in all diesen Fragen haben die 16 Bundesländer 16 unterschiedliche Regelungen.

Die regelmäßigen nationalen Bildungsvergleiche sollen überprüfen, ob die Reformen greifen und es tatsächlich vorwärts geht. Auf die Frage, ob dafür das Zentralabitur nicht ausreiche, sagte die Ministerin: „Bei weitem nicht – bei den Vergleichstests stünden das Schulsystem und seine Leistungen auf dem Prüfstand und nicht allein der einzelne Schüler. „Nur so bekommen wir Hinweise, wo Schwachstellen sind, die wir verändern müssen.“ Andere Staaten machten vor, wie sich dies zur Verbesserung der Schulen einsetzen lasse. Bulmahn: „In Finnland stehen jedes Jahr 30 Prozent der Schulen im Test.“ In Deutschland sollten auch schon die Grundschulen geprüft werden, „damit man in dieser wichtigsten Lernphase optimale Bedingungen schaffen kann. Für den Anfang sei ein jährlicher Test angemessen, um zu sehen, ob die Reformen auch wirken. Später könne man beispielsweise in einen Drei-Jahres-Turnus wechseln.

Eine nationale Evaluierungsagentur wird nach Bulmahns Worten gebraucht, um den Schulreformen „den kritischen Blick von außen“ durch unabhängige Experten zu sichern.

Ein nationaler Bildungsbericht mit den wichtigsten Daten soll zudem alle zwei Jahre für Transparenz sorgen. Diesen hat der Bundestag als zuständiges Gremium bereits beschlossen. Besonders bei den unionsgeführten Ländern gibt es dagegen allerdings Vorbehalte. Die SPD-geführten Länder sind auch keineswegs ohne Bedenken.

Bildungsweisen wie für die Wirtschaft

Damit der Bildungsbericht kein reiner Datenfriedhof wird, sondern zu konkreten Schritten führt, will der Bund einen „nationalen Rat der Bildungsweisen“ einsetzen. Analog zu den Wirtschaftsweisen sollen in diesem Gremium anerkannte Wissenschaftler der Politik auf die Sprünge helfen.

Konkret will der Bund die Schulreform schon ab kommendem Jahr mit einem vier-Milliarden-Euro-Programm „Bildung und Betreuung“ unterstützen. Damit sollen jährlich 1800 bis 2000 zusätzliche Ganztagsschulen geschaffen werden. Der Schwerpunkt der neuen Investitionen soll bei Grundschulen und im Sekundarbereich bis zur zehnten Klasse liegen.

Auch bei den Ganztagsschul-Vorschlägen scheinen Bund-Länder-Differenzen durch: „Billigangebote müssen verhindert werden. Auch das gilt es mit den Ländern sicherzustellen“, heißt es in dem Papier. Mit Ganztagsschulen sollen bessere Möglichkeiten für die Förderung von Leistungsschwachen und besonders Begabten geschaffen werden. Die Qualität der Angebote unterscheidet sich aber bei Ganztagsschulen noch stärker als bei Halbtagsschulen, die ohnehin weitgehend auf ein Unterrichtsangebot begrenzt sind. Nur wenn Ganztagsschulen pädagogische Förderangebote machen, statt reine „Kantinen- und Freizeitbetreuungseinrichtungen“ zu sein, ist auch mit Leistungsverbesserungen der Kinder zu rechnen, heißt es bei Experten.

Bulmahn ist bei all dem nicht bescheiden: „Das ist bei weitem nicht alles“, sagte sie zum Ende ihres Votrags. Die Lehrerausbildung müsse natürlich verbessert werden, mit mehr Praxisanteilen. Aber auch: „Die Schulen brauchen dabei Unterstützung.“ Sozialpädagogen und Psychologen hätten beispielsweise in Finnland und Schweden wichtige Aufgaben, besonders an Brennpunktschulen.

Nun bleibt nur abzuwarten, wie die Länder das sehr fordernde Angebot von Bundesseite aufnehmen werden. „Ich glaube, es wird juristisch sehr schwierig, so etwas wie nationale Bildungsvergleiche abzulehnen“, sagte Bulmahn schon bei der Präsentation – um dann gleich einzulenken: „Natürlich setze ich auf Konsens, um in der Bildungspolitik weiterzukommen“.

Die Kultusminister haben sicher ihre Beobachter zu der Pressekonferenz geschickt. Die Ländervertreter wollten am Nachmittag zusammenkommen, um über ihre Konsequenzen aus den Pisa-Ergebnissen zu beraten. Die Leistungsunterschiede zwischen den 15-Jährigen betragen umgerechnet ein bis eineinhalb Schuljahre – im Durchschnitt der Schülerleistungen. Pikanterweise sind die Unterschiede nach einem Vergleichstest mit Aufgaben, die näher am deutschen Lehrplan liegen als die der OECD, noch größer.

Zum Aktionsplan der Länderminister gehören allerdings ebenfalls verbindliche Standards, wie aus einem Papier hervorgeht. Nur nennen sie sie nicht nationale und lassen auch offen, wofür diese gelten sollen.

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