Gesundheit : Die Blechlawine um die Unis kommt zum Stehen

MARTIN KIESLER

Der Sommer gehört den strammen Waden - der Fußgänger und Radfahrer.Regelmäßig machen die passionierten unter ihnen auch gegen Bleifüße mobil: Vor zwei Wochen war die Avus für Fahrräder reserviert, am 21.Juni findet der bundesweite "Mobil ohne Auto"-Aktionstag statt, und heute sind die Hochschulen dran: Unter dem Motto "Platz schaffen - Spielraum gewinnen" wollen sich bundesweit 30 Hochschulen am "Autofreien Hochschultag" beteiligen, zu dem die Bundeskoordination studentischer Ökologiearbeit (BSÖ) aufgerufen hat.Auch die Uni Potsdam ist dabei, in Berlin beteiligen sich HU und TU.

Mit dem Aktionstag soll bei den Hochschulangehörigen Problembewußtsein geschaffen und für umweltfreundlichere und stadtverträglichere Verkehrsmittel geworben werden.Denn einerseits leiden gerade die großen innerstädtischen Universitäten unter den Belastungen des Autoverkehrs, andererseits ziehen sie selbst erhebliche Verkehrsströme an.Eine Projektgruppe des TU-Verkehrswesenseminars für die eigene Uni zählte rund 10 000 Fahrzeuge, die die Parkplätze an der Straße des 17.Juni täglich ansteuern.

26 Prozent der Studierenden in den alten Ländern und 16 Prozent in den neuen Ländern fahren mit dem Auto zur Hochschule.Unterschiede gibt es jedoch nicht nur zwischen Ost und West.Vor allem Männer sind es, die vom Auto nicht lassen können: 59 Prozent der Studenten haben Ausgaben für ein Auto, aber nur 42 Prozent der Studentinnen, wie die letzte Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks gezeigt hat.

Die Auswirkungen des Verkehrs sind offensichtlich: "Viele Seminarräume sind nur bei geschlossenen Fenstern nutzbar, Universitätsangehörige riskieren beim Überqueren der Straße Unter den Linden regelmäßig ihr Leben", sagt Oliver Stoll, Ökoreferent beim Referentinnenrat (AStA) der HU.Die Hochschulleitungen haben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mittels Rundschreiben aufgerufen, heute auf das Auto zu verzichten.Im Innenhof der HU und auf den Parkplätzen vor dem Mathematikgebäude der TU wird es, neben Aktionskunst und der Möglichkeit, Inline-Skates und Fahrräder zu testen, auch zahlreiche Stände von Verkehrsbetrieben, Fahrradläden und Umweltgruppen geben.In Potsdam und an der HU können sich Radfahrer Codierungen in die Rahmen schlagen lassen, damit Diebe nicht so ein leichtes Spiel haben.Fahrrad-Reparaturworkshops des ADFC sollen dafür sorgen, daß der Umstieg auf den Drahtesel nicht an platten Reifen oder defekten Bremsen scheitert.

Nur für den Lieferverkehr oder behinderte Universitätsangehörige sind die Zufahrten des Parkplatzes vor der HU heute geöffnet.Diese kleine Rückeroberung von Verkehrsflächen hat symbolische Bedeutung: "Jedes Jahr wird in Deutschland eine Fläche von der Größe des Bodensees zugeteert", sagt Oliver Stoll.Mit Blick auf die Zahl der Unfallopfer und Schäden an historischer Bausubstanz fügt er hinzu: "Die Autos produzieren ein Szenario, das schon fast an einen Bürgerkrieg erinnert." Stoll setzt auf sinnvolle Alternativen zum motorisierten Individualverkehr.Doch die werden nur genutzt, wenn sie attraktiver sind als das Auto.

Preiswerter könnten die öffentlichen Verkehrsmittel für die Studierenden durch die Einführung von "Semtix" werden.Bundesweit hat mittlerweile etwa jede zweite Hochschule ein solches Semesterticket.Daß der Wille zum Umstieg bei den Studierenden durchaus vorhanden ist, zeigen die Zahlen des Studentenwerks: Der Anteil derjenigen, die mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Hochschule fahren, nahm in den alten Ländern zwischen 1991 und 1994 von 16 auf 24 Prozent zu.Um 19 Prozent sank dagegen die Zahl derjenigen, die das Auto oder ein Moped nutzten.Dieser Trend wird direkt mit der Einführung der Semestertickets in Verbindung gebracht.In den neuen Ländern dagegen, wo es bis 1994 keine Semestertickets gab, verdoppelte sich die Zahl der autofahrenden Studierenden fast.Katja Grunow vom Verkehrsausschuß des Studierendenparlaments der TU schätzt die Chancen für die Einführung von "Semtix" im kommenden Jahr relativ günstig ein.Ziel müsse es darüberhinaus sein, den gesamten Umweltverbund zu fördern.Dazu gehörten etwa Fahrradwerkstätten oder eine rabattierte Mietwagennutzung - falls doch einmal etwas zu transportieren ist.

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