Gesundheit : Die Bonbonstrategie

Frank Schubert

Wohl so mancher Mann hat schon versucht, seine Herzensdame beim ersten Rendezvous zu beeindrucken, indem er mit einem dicken Auto vorgefahren ist. Auch wenn der Kontostand nicht mal für einen gebrauchten Kleinwagen reicht - man kann ja immer noch tricksen und das Luxusgefährt für den Abend mieten. Hauptsache, man imponiert.

Solche Hochstapelei gibt es aber nicht nur beim Menschen. Auch bei vielen Tieren ist es gang und gäbe, dass die Männchen durch extravagante äußere Erscheinung oder nette Geschenke die Weibchen für sich gewinnen wollen. Beispiele sind die prächtigen Federkleider vieler Vogelarten, die die Männchen in der Balzzeit zur Schau tragen, oder nahrhafte Futterbrocken, die männliche Insekten ihren Wunsch-Partnerinnen schenken.

Ausschweifungen dieser Art bringen die tierischen Casanovas aber häufig in die Klemme. Denn sie können mit großen Nachteilen einhergehen und Überlebenschancen mindern. Ein knallbuntes Federkleid zum Beispiel hat zur Folge, dass sich sein Besitzer nur noch schlecht vor Feinden verstecken kann. Und Nahrungsgeschenke kosten oft wertvolle Ressourcen, die das Männchen selbst gut brauchen könnte. Dennoch geben sich die Männchen alle Mühe, ihre Konkurrenten in Auffälligkeit oder Schenkfreudigkeit zu übertrumpfen, denn die wählerischen Damen bevorzugen nur den mit dem buntesten Gewand oder dem größten Geschenk.

Aber warum ist das so? Warum müssen die Männchen so viele Nachteile in Kauf nehmen, um den Weibchen zu gefallen? Wie konnten sich solche "unvernünftigen" Auswahlkriterien in der biologischen Evolution - die doch angeblich nur das Vorteilhafte fördert - durchsetzen?

Mit diesen Fragen beschäftigt sich Klaus Peter Sauer, Professor am Institut für Evolutionsbiologie und Ökologie an der Universität Bonn. "Die sexuellen Indikatoren der Männchen müssen teuer sein, damit sie ehrlich sind" erklärte er jetzt bei einem Vortrag an der Freien Universität Berlin.

Ein aufwändiges Attribut verlangt dem Männchen große Investitionen und hohe Fitness ab. Die Ausprägung dieses Attributs sagt folglich etwas über Potenz und ökologische Angepasstheit des Männchens aus. Mit anderen Worten: wer trotz Knappheit auf Noblesse macht, der kann so minderbemittelt nicht sein - und ist deshalb attraktiv. Dies haben die Forscher um Sauer bei jahrelangen Untersuchungen an der Schnabelfliege festgestellt.

Bei diesen Tieren geht die Liebe im wahrsten Sinne des Wortes durch den Magen: die Fliegenmännchen betören die Weibchen mit kleinen Proteinbonbons, die sie selbst herstellen. Je mehr solcher Bonbons ein Männchen seiner Auserwählten schenkt, um so länger gestattet sie ihm die sexuelle Vereinigung. Damit steigt auch die Chance, Nachkommen zu zeugen.

Diese evolutionäre Strategie ist aus zwei Gründen sinnvoll: erstens ist die Bonbon-Anzahl, die das Männchen herzustellen vermag, mit seiner Fitness korreliert - denn es muss dabei wertvolle Aminosäuren investieren. Dazu ist aber ausreichend Nahrung erforderlich. Zweitens ist die Fähigkeit, viele Bonbons herzustellen, offenbar vom Vater auf den Sohn vererbbar. Im Klartext heißt das: die Weibchen bevorzugen die Männchen mit der größten Fitness, um mit ihnen Nachkommen zu haben, die selbst auch wieder fit sind.

Die sexuelle Selektion scheint, zumindest bei den Schnabelfliegen, also von der Damenwahl dominiert zu werden. Das heißt aber noch lange nicht, dass die Männchen nicht wählerisch sind. Auch sie können während der Kopulation die Fitness ihrer Partnerinnen feststellen. Normalerweise beendet ein Weibchen nämlich nach kurzer Zeit den Geschlechtsakt, indem es das Männchen abschüttelt. Zu einer Fortsetzung der Kopulation lässt es sich dann nur mittels eines Bonbons überreden.

Schwache Weibchen benötigen für das Abschütteln aber mehr Zeit als starke. Und ist das Weibchen zu schwach, dann verzichtet das Männchen darauf, Bonbons zu schenken und damit den Geschlechtsakt zu verlängern. Auch die Männchen schielen also nach Partnerinnen mit möglichst großer Fitness.

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