Gesundheit : Die CDU hört Bildungsexperten zur Vorbereitung ihres Parteitages im Jahr 2000

Uwe Schlicht

Die CDU möchte die Bildung in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rücken und plant ihren Parteitag im Jahr 2000 diesem Thema zu widmen. Die Federführung hat die Kultusministerin Annette Schavan aus Baden-Württemberg übernommen. Auf einer Expertenanhörung in Berlin betonte sie, wer eine Modernisierung der Gesellschaft wünsche, müsse die Bildung in Schule, Beruf und Hochschule in den Mittelpunkt rücken. Das entspricht den Forderungen der führenden Industrieländer der Welt, die sich in der OECD zusammengeschlossen haben.

In Deutschland sieht Ministerin Schavan erst seit drei Jahren Fortschritte in der Kultusministerkonferenz der Länder. Bis dahin sei es unmöglich gewesen, über die Qualität des Unterrichts in den Schulen überhaupt nur zu reden. Das habe eine enormen Zeitverlust gebracht. Erst die international vergleichenden Tests zum Unterricht in Mathematik und den Naturwissenschaften (TIMSS) haben die Wende gebracht, als sich zeigte, dass deutsche Schüler in den Leistungen nur durchschnittlich waren und weit hinter den Japanern, Koreanern, aber auch den Niederländern und Skandinaviern zurücklagen.

Frau Schavan forderte neben weiteren Tests, die über die Schulwirklichkeit Aufschluss geben, vor allem eine Reform der Lehrerausbildung. Leider hätten die Universitäten kein Interesse an der Lehrerbildung, seitdem zu Beginn der achtziger Jahre die Pädagogischen Hochschulen fast überall aufgelöst und in die Universitäten integriert wurden. Seitdem sei der Kontakt zur Schule abgeschnitten und die Lehrerbildung könne nicht mehr auf die aktuelle Entwicklung so reagieren, wie es wünschenswert sei. Für Deutschland forderte Ministerin Schavan einen neuen Typ von Hochschule, der keinen anderen Auftrag haben soll, als "weltweit die beste Lehrerbildung" zu bieten. Eine neue Aufwertung der Lehrerbildung müsse politisch gewollt sein. Ob dafür künftig die Fachhochschulen der geeignete Ort sind, ließ die Ministerin offen.

Die Aus- und Fortbildung der Lehrer ist auch nach den Erfahrungen der Bildungsforscher der Schlüssel für eine bessere Schulqualität. Der Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, Jürgen Baumert, erteilte allen Gedanken, eine neue Qualität bürokratisch von oben zu entwickeln, eine Absage. Qualität müsse in den Schulen durch das Zusammenspiel von Lehrern, Eltern und Schülern von unten wachsen. Das Problem stellt sich nur, dass der Unterricht das Unzugänglichste überhaupt an der ganzen Schule ist. Was sich in den Klassen abspielt, wenn der Lehrer die Türen geschlossen hat, ist nicht allgemein zugänglich. Dabei wäre es heute durchaus möglich, den Unterrichtsablauf durch Videokameras sichtbar zu machen. Daraus könnten sich dann Diskussionen mit Kollegen über einen besseren Unterricht ergeben.

Bildung hört jedoch nicht mit der Schule auf, sondern sollte sich heute ein Leben lang fortsetzen. Niemand kann mehr darauf vertrauen, mit einem erlernten Beruf künftig 30 Jahre lang auszukommen. Einig waren sich die Experten bei der Anhörung der CDU, dass Studierfähigkeit und Ausbildungsfähigkeit Ziele der Schulbildung sein sollen - nicht mehr und nicht weniger. Das zu erreichen, ist jedoch für Hauptschulen, Realschulen, Gymnasien und Gesamtschulen schon schwer genug angesichts erwiesener Schwächen der Jugendlichen in der Konzentration auf den Lernstoff. Wenn sich herausstellt, dass in Deutschland die Risikogruppe , die nicht ausreichend lesen kann, größer als im Ausland ist, dann wird auch das Ziel des selbständigen, lebenslangen Lernens in Frage gestellt. Die Lesefähigkeit ist der Schlüssel für die Berufsfähigkeit und die Weiterbildung. Insofern sind zum Beispiel Analphabeten die Modernisierungsverlierer. Heute finden sie kaum noch Nischen wie früher, als sie im Bergbau oder in der Landwirtschaft unterkommen konnten. Etwa sieben bis neun Prozent der deutschen Bevölkerung gehören zu dieser Risikogruppe, erklärte Jürgen Baumert.

Die Wirtschaft klagt seit Jahren darüber, dass die Qualität der Schulabgänger nicht ausreichend ist. In der Sicht von Hans Jürgen Brackmann, dem Geschäftsführer vom Bund Deutscher Arbeitgeberverbände, hat das deutsche Bildungssystem es versäumt, für Qualitätssicherung zu sorgen. Wenn jetzt die deutschen Hochschulen neue Studiengänge mit den international gängigen Abschlüssen Bachelor und Master anbieten, müsse auch in Deutschland erreicht werden, was in anderen Ländern schon üblich sei: eine Differenzierung der Studienzeiten und Abschlüsse. Die Absolventen sollen die Chance erhalten, den Übergang auf den Arbeitsmarkt nicht erst nach sieben, sondern nach drei Jahren zu suchen.

In derselben Richtung argumentierte der Vertreter der OECD, Andreas Schleicher. Deutschland sei nicht nur in der Bildungsexpansion inzwischen hinter andere Länder zurückgefallen, sondern hinke auch in der Diffenzierung nach. Deutsche Hochschulabsolventen seien im internationalen Vergleich zu alt, weil sie standarsierte Diplom- oder Magisterstudiengänge mit langen Studienzeiten durchlaufen müssen. Erst gestufte Studiengänge mit Bachelor und Master könnten jetzt den Ausstieg aus der Hochschule zu unterschiedlichen Zeiten ermöglichen. Und die deutschen Schulen müssten Leistungsziele definieren und nicht nur Mindeststandards festlegen. Sonst erreiche man nicht das im Wettbewerb so wichtige Ziel der Differenzierung auf unterschiedlichem Niveau. Nur durch Differenzierung sei auch ein hohes Bildungsangebot für große Jahrgangsstärken zu erreichen.

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