Gesundheit : „Die deutsche Industrie ist kein Innovationsmotor“

Entdeckungen werden nicht in Arbeitsplätze umgemünzt. Physiker Knut Urban fordert: Das muss sich ändern

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Wie internationale Hitlisten zeigen, ist die deutsche Physik nach wie vor von Weltrang – im Gegensatz etwa zur Medizinforschung hier zu Lande.

Die PhysikAusbildung in Deutschland hat eine hohe Qualität. Das sehen Sie etwa daran, dass 20 Prozent des amerikanischen Lehrkörpers die Ausbildung an Universitäten in Deutschland gemacht hat. Wir haben zwar eine längere Studienzeit als in England oder den Vereinigten Staaten. Aber die Ausbildung ist so gründlich, dass die Leute international erfolgreich sind.

Welche Chancen bietet das?

Gut in der Physik zu sein, bedeutet unter anderem neue Chancen für technische Innovation. Aber ich fürchte, dass wir in Deutschland erst noch lernen müssen, wie aus Forschung Innovation entsteht.

Was halten Sie als Physiker von einer Innovationsoffensive?

Schon der Begriff „Offensive“ ist zu kurzfristig angelegt. Offensiven sind Anstrengungen, die sich nur dann lohnen, wenn man die Kraft aufbringt, das eroberte Terrain auch wirklich zu behaupten. Man kann belegen, dass die Politik in den letzten anderthalb Jahrzehnten praktisch jedes Jahr von einer Innovationsoffensive gesprochen hat. Ich glaube, das ist ein Teil der Schwierigkeit in unserem Land: Bei uns geht man Dinge, die langfristig zu erreichen wären, zu kurzfristig an. Wenn man Innovation fördern will, muss man eine Innovationskultur fördern.

Was heißt das?

Fangen wir ganz vorne an: bei der Bildung. Wir leben in einer Epoche des Wissens. Aber Untersuchungen zeigen, dass die Bevölkerung in ihrer Mehrheit für sich selbst immer weniger weiß.

Auch Prominente sagen gern, sie hätten in der Schule nichts von Physik verstanden.

Es gibt eine Art der Resignation vor dem Wissen, die bequem ist. Wenn man am Tisch sitzt und jemand stellt fest, er weiß dies oder das nicht, dann gibt er sich in der Regel damit zufrieden. Eine richtige Kultur des Wissens würde bedeuten, dass er zum Lexikon greift oder im Internet nachschaut. Das wird nicht viel gemacht. Es gibt in dieser Hinsicht keine Bildungs- und keine Fragekultur.

Welche Folgen hat das?

Zu wissen, wie das Herz funktioniert oder ein Automotor, bedeutet zunächst einmal mehr Lebensqualität. Leider strömt viel faszinierendes Wissen an der Bevölkerung vorbei. In so einer Kultur hat es Innovation schwer. In Deutschland warten zu viele darauf, dass der andere die Innovation herbeiführt. Eine Innovationskultur setzt Interesse voraus.

Haben die Forscher dieses Interesse?

Der normale Forschungsbetrieb läuft mit einem ungeheuren Engagement der Leute. Dabei geht es zunächst um Wissen. In der tat sind die Grundlagen der modernen Technik nicht dadurch entstanden, dass jemand gesagt hat: Jetzt machen wir ein neues Produkt.

Haben Sie ein Beispiel dafür?

Etwa den Riesenmagnetwiderstand…

…also die Entdeckung großer magnetischer Widerstandsänderungen in verschiedenen Materialien durch Peter Grünberg in Jülich. Sie werden heute überall in der Speichertechnik eingesetzt.

Da haben sich gute Leute mit etwas beschäftigt, das mit dem, was später herauskam, nur indirekt zu tun hatte. Ihnen fiel bei ihrer Arbeit etwas auf, was sie nicht verstehen konnten. Das Wichtige: Sie blieben an der Sache dran und forschten nach. Der Effekt, den sie entdeckten, war völlig neu. Sie sind nicht ausgezogen, ihn zu finden. Aber es hat nicht lange gedauert, ehe daraus ein Produkt wurde: nur zehn Jahre.

Welches Produkt?

Die Computer-Festplatte, die wir heute alle benutzen. Wenn man etwas Neues machen will, was von diesem Kaliber ist, dann geht das nicht von heute auf morgen mit einer Innovationsoffensive.

Hat uns die Entdeckung des Riesenmagnetwiderstands Arbeitsplätze gebracht?

Nein, in Deutschland nicht.

Warum nicht?

Weil die deutsche Industrie in diesem Sinne kein Innovationsmotor mehr ist.

Wer hat davon profitiert?

Zunächst hat IBM davon profitiert. Auch Toshiba gehört zu den Lizenznehmern.

Warum trauen sich viele deutsche Firmen nicht mehr zu, den Weg von der Forschung bis zum marktfähigen Produkt zu gehen?

Wir sollten jetzt nicht mit dem Finger auf die Wirtschaft zeigen. Ich bin ein Wissenschaftler und kann nur schwer beurteilen, welchen Schwierigkeiten ein Wirtschaftsunternehmen im Detail ausgesetzt ist. Es gibt in Deutschland offenbar Innovationshemmnisse, aufgrund derer führende Wirtschaftsführer zu der Ansicht gelangen: Tut mir leid, ich kann das nicht, ich gehe ein zu großes Risiko ein.

Können Sie weitere Beispiele nennen?

Wir bauen in Jülich supraleitende Sensoren, so genannte Squids, und vertreiben sie über eine amerikanische Firma, weil es in Deutschland keinen Partner gibt. Oder nehmen Sie das MP3-Verfahren der Fraunhofer-Gesellschaft: Da stecken deutsche Ideen und Steuermittel drin. Es ist schmerzlich, aber die Arbeitsplätze entstehen in anderen Ländern. Wir haben in Deutschland zu viele strukturelle Probleme.

Kann man aus einer Innovationsoffensive eine nachhaltige Angelegenheit machen?

Wissenschaft und Wirtschaft sollten erst einmal wissen, was der andere gerade tut. Und sie sollten versuchen, miteinander zu analysieren, was der andere zu dem jeweiligen Problem beitragen kann. Es muss eine Partnerschaft zwischen Industrie und Wissenschaft geben, in der man lernt, wie der andere arbeitet, welchen Zwängen er ausgesetzt ist. Die Industrie etwa kann Sichtweisen einbringen, die bisher gar nicht an die Wissenschaftler herangetragen wurden.

Was tut die Deutsche Physikalische Gesellschaft dafür?

Wir haben in der DPG einen Ausschuss für Industrie und Wirtschaft. Wir bieten immer mehr Überblicksvorträge an, um auch einem in der Wirtschaft stehenden Physiker zu vermitteln, was aus unserer Sicht im Moment die Hot Spots sind.

Die DPG ist mit fast 50000 Mitgliedern die größte physikalische Fachgesellschaft weltweit. Wo findet der Physiker Platz in einer „Spaßgesellschaft“?

Es gibt sehr viele Menschen, die ihr Leben erfüllt sehen, wenn sie intellektuelle Leistungen vollbringen. Viele Schüler und junge Menschen betrachten die Physik als einen Gewinn für sich selbst.

S ie sprechen die Begeisterungsfähigkeit von Schülern an. Aber wird diese ausreichend gefördert? Es gibt noch viel alte „Kreide-Physik“ und wenig Experimente.

Ich bin vor zwölf Monaten mit dem festen Willen angetreten, das Verhältnis zwischen Physik und Schulen zu verbessern. Ich habe mir den Unterricht angeschaut. Es gibt Schulen, die in dieser Hinsicht absolut Unglaubliches leisten, in denen Lehrer ihre Schüler mit Büroklammern und allem Möglichen elektrische Schaltungen zusammenbauen lassen.

Insgesamt gesehen schneiden deutsche Schüler bei internationalen Vergleichstests nicht gut ab. Was wollen Sie ändern?

Wir fördern Schulen, wir haben Preise dafür eingerichtet.

Das Hauptdefizit der Physik-Lehrer liegt offenbar nicht darin, dass sie zu wenig Fachwissen hätten, sondern dass sie zu wenig über neue Lehrmethoden wissen. Sollte man den Diplom-Studiengang vom Lehramtsstudiengang trennen?

Ich bin sehr dafür, dies zu tun.

Das Interview führte Thomas de Padova.

KNUT URBAN ist Präsident der Deutschen Physikalischen Gesellschaft. Er wurde 1941 in Stuttgart geboren und ist seit 1987 Direktor am Institut für Festkörperforschung in Jülich.

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