Gesundheit : Die Dritte Welt vor Viehseuchen schützen

Heiko Schwarzburger

Universitäten in Berlin und Addis Abeba kooperieren bei der Zusatzausbildung für TierärzteHeiko Schwarzburger

Wenn er spricht, bleiben Prabhakar Pathaks Züge unbewegt, nur die Augen verraten sein Interesse. Der gebürtige Nepalese öffnet die Hände, als wollte er ausholen: "Sehen Sie, bei uns gehen vierzig Prozent der Nutztiere durch Krankheiten verloren", sagt er. "Die Grenze nach Indien ist für die Viehherden der Eingeborenen völlig offen, die Erreger können sich ungehindert ausbreiten. Von dort dringen sie sogar in den Himalaya vor." Rinderseuchen, chronische Lungenentzündung, verschiedene Bandwürmer: der Leiter des zentralen veterinärmedizinischen Labors in Kathmandu weiß, wovon er spricht. Um sein Wissen über Tierseuchen und präventive Veterinärmedizin aufzufrischen, hat er für zwei Jahre den Labortisch mit der Schulbank getauscht und wurde Masterstudent an der Freien Universität Berlin.

"Seit 1990 hatten wir in Nepal keinen einzigen Fall von Rinderpest", erzählt er. "Jetzt wollen wir die Krankheit endgültig ausrotten. Dazu müssen wir Grenzkontrollen aufbauen, um den Viehtransfer zu überwachen." Wenn Prabhakar Pathak in die Heimat zurückgeht, wird er neben dem Zentrallabor fünf regionale Labors koordinieren, die den Seuchenschützern zuarbeiten. Dazu bedarf es schneller und sicherer Methoden der Diagnostik. "Die klassische Ausbildung zum Tierarzt hat meist nur das kranke Einzeltier im Blick", begründet er seine Studienreise. "Was wir brauchen, ist eine effektive Kontrolle der Herden und Bestände, um Seuchen von vorne herein zu vermeiden."

Die präventive Veterinärmedizin gewinnt weltweit an Bedeutung. Nach Berechnungen amerikanischer Forscher gehen jährlich 14 Prozent der weltweiten Tierproduktion durch tödliche Krankheiten oder krankheitsbedingte Leistungsverluste bei Gewicht, Wolle oder Milch verloren. In den Staaten südlich der Sahara, darunter die ärmsten Länder der Welt, belaufen sich diese Verluste auf jährlich vier Milliarden Dollar. "Krankheiten wie Rinderpest oder Lungenseuche brechen auch bei uns über die Bestände herein", berichtet Francis Peter, praktizierender Tierarzt im tansanischen Moshi, am Fuße des Kilimandscharo. "Von den Löwen greift die Tollwut auf Hunde und Katzen über. Tsetse-Fliegen schleppen die Erreger von Rinderseuchen ein. Da bietet die Vorsorge langfristig die einzige Chance, die Herden zu retten." Francis Peter ist ebenfalls nach Berlin gekommen, um am englischsprachigen Masterstudium teilzunehmen. Anders als sein nepalesischer Kollege, der den praktischen Teil des Studiums zu Hause absolvierte, macht er die obligatorischen Feldstudien in den veterinärmedizinischen Labors der FU in Dahlem und Mitte.

Der Masterstudiengang zur Epidemiologie startet alle zwei Jahre und wird von der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit unterstützt. Aus den 80 bis 90 Bewerbern wählen die Berliner Wissenschaftler gut ein Dutzend aus, allesamt ausgebildete Tierärzte mit jahrelanger Berufserfahrung. Die meisten Studenten kommen aus Äthiopien. Zuerst hören sie in Berlin verschiedene Vorlesungen zur Ausbreitung und Eindämmung epidemischer Tierkrankheiten, zur Übertragung von Erregern durch Wildtiere, zur Statistik großer Tierbestände und zur Hygiene in der Tierhaltung. "Überall setzen sich moderne Verfahren zur Tierproduktion durch", erzählt Maximilian Baumann, Geschäftsführer für die weiterbildenden Studiengänge der FU-Tropenveterinärmedizin. "Dadurch steigt das Risiko, dass sich Infekte schnell ausbreiten. Wir beobachten auch, dass die Krankheiten immer komplexer werden."

Die Methoden der intensiven Milchproduktion beispielsweise machen die Kühe anfälliger für Mastitis, eine schmerzhafte Entzündung des Euters. Es kommt auch zu Störungen der natürlichen Vermehrung. Die tierische Schlafkrankheit, durch Zecken übertragen, breitet sich im Massenvieh ungleich leichter aus als in der traditionellen Kleinherde. "Einige Krankheiten werden sogar auf Menschen übertragen", sagt Maximilian Baumann. "Dazu gehört die Tuberkulose, in armen Ländern ein grassierendes Problem." Nicht nur die FU, auch die landwirtschaftliche Fakultät der Humboldt-Universität, das in Berlin-Marienfelde beheimatete Bundesamt für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin sowie die Wissenschaftler vom Institut für Zoo- und Wildtierforschung in Karlshorst schicken ihre Experten. "Dieses Modul wurde eigens für den Masterstudiengang entwickelt", berichtet Maximilian Baumann. "Das ist eine eigene Ausbildung, unsere ausländischen Gäste laufen nicht bloß nebenbei bei unseren Studenten mit."

Nach den theoretischen Unterweisungen und Laborübungen, die etwa ein Jahr dauern, gehen die Studenten in der Regel an die veterinärmedizinische Fakultät der Universität in Addis Abeba, um dort ihr Wissen in der Praxis zu erproben. Die Äthiopier unterhalten einige Versuchsstationen, über das ganze Land verteilt. Nach der Jahrtausendwende wollen die Berliner Wissenschaftler den Masterstudiengang ganz in die Hände der ostafrikanischen Kollegen legen. Dann sollen die jungen Tierärzte auch einen Großteil der theoretischen Grundlagen vor Ort erhalten. Die Universität in Nairobi und die tansanische Sokoine-Universität haben bereits Interesse an einer regionalen Kooperation mit den Äthiopiern bekundet. "Wir können uns auch vorstellen, ein ähnliches Projekt in Asien zu starten", meint Maximilian Baumann. "Da gibt es Gespräche mit einer thailändischen Universität. Sie könnte die Studenten für ganz Indochina betreuen." Geplant ist auch, einen europäischen Masterstudiengang gemeinsam mit veterinärmedizinischen Fakultäten in England, Holland und Frankreich aufzubauen. "Da könnte jeder seine Stärken einbringen", meint Maximilian Baumann. "Allerdings ist noch nicht klar, wer die Stipendien aufbringt."
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