Gesundheit : Die Empfehlungen des Wissenschaftsrats treffen nur teilweise den Punkt

Peter Gaehtgens

Der Wissenschaftsrat setzt mit seinen Empfehlungen neue Akzente für die Berliner Hochschulpolitik. Der lange vorherrschende Leitgedanke, die Humboldt-Universität zu einer Elite-Universität zu machen, der Freien Universität aber die Funktion der Massenausbildung ohne besonderen Anspruch zuzuordnen, ist nicht nur an der dramatischen Haushaltsentwicklung gescheitert, sondern auch an der bemerkenswerten Leistungssteigerung der Freien Universität und dem Reputationsgewinn.

Wenn nun erstmals das gesamte Berliner Hochschulsystem in den Blick genommen wurde - gleichgewichtig und ohne Präferenz für eine einzelne Hochschule -, dann könnte dies für die Kooperation zwischen den Hochschulen hilfreich sein. Denn an der Abstimmung fehlt es vor allem, weil es keine Anreize dafür gibt: im Gegenteil. Eine Hochschule, die bei unsicherer Planungssicherheit und massiven Einsparvorgaben eine Disziplin aufgibt, wird mit jahrelangen Strukturverzerrungen, nicht finanziertem Überhang und anhaltend hohen Studentenzahlen bestraft: Die Freie Universität, die um fast 50 Prozent heruntergekürzt wird, etwa 1000 Mitarbeiter abgebaut und noch etwa 500 weitere im Überhang hat, dauerhafte Pensionslasten von etwa 25 Millionen Mark mitschleppt und daher eine anhaltende Unterbesetzung ihres Mittelbaus hinnehmen muss, kann ein Lied davon singen. Der Wissenschaftsrat verweist hier auf eine nirgendwo in Deutschland vergleichbar rasante Talfahrt. Wer hämisch mangelnde Abstimmung kritisiert, müsste zunächst diese Rahmenbedingungen zur Kenntnis nehmen.

Daher sollte man zuerst zur Kenntnis nehmen, dass der Wissenschaftsrat den Berliner Hochschulen ein hohes Leistungsniveau attestiert, das sie zu einem "hohen Gut" von "erheblicher wissenschafts-, technologie- und regionalpolitischer Relevanz" macht: "Die nunmehr erreichten Kapazitäten [..] dürfen daher [..] nicht weiter unterschritten werden". Dies sollte in der Berliner Öffentlichkeit gehört und in der Politik berücksichtigt werden. Nun erwarten wir auch, dass die bisherige Planungsmaxime vom "Abbau der Doppel- und Dreifachangebote" durch die Empfehlungen des Wissenschaftsrats für stärkere inhaltliche Profilierung abgelöst wird. Die FU wird sich dieser Aufgabe stellen. Es wird aber darauf ankommen, dass auch Senat und Abgeordnetenhaus die neue wissenschafts- und hochschulpolitische Linie des Wissenschaftsrats einschlagen.

Die Investitionsentscheidungen des Landes sind hierfür ein erster Testfall: Auf die Prioritätenliste gehören nicht nur Adlershof und Charité, sondern auch das Universitätsklinikum Benjamin Franklin, das Fünfer-Institut der Veterinärmedizin, die Philologische Bibliothek und das ehemalige US-Headquarter.

Mit seinen Empfehlungen zu Planungs- und Steuermechanismen für die Hochschulentwicklung, die sorgfältig zu prüfen sein werden, geht der Wissenschaftsrat erheblich über seinen Auftrag hinaus, die Strukturpläne der Berliner Hochschulen zu evaluieren. Die Vorstellungen, die die Freie Universität im Rahmen der Erprobungsklausel bereits umgesetzt hat, werden dabei weitgehend bestätigt: So ist das neue FU-Kuratorium de facto ein Hochschulrat. Ob ein Landeshochschulrat Akzeptanz finden wird, muss zunächst dahingestellt bleiben. Die Empfehlung an das Land, durch Gesetzgebung die Rahmenbedingungen für die Hochschulen zu verändern, darf jedoch nicht zu einem Rückfall hinter das bereits erreichte Niveau von Deregulation und Autonomie der Hochschulen führen.

Die Empfehlungen des Wissenschaftsrates bleiben allerdings hinter den Erwartungen zurück: Sie berücksichtigen nicht ausreichend die besondere Situation Berlins als Hauptstadt, europäische Metropole und "Drehscheibe zwischen Ost und West". Den Universitäten in Berlin wird - anders als an anderen Standorten - jenseits ihrer Aufgaben in Forschung und Lehre auch die Rolle zufallen, Zentren der wissenschaftlichen Expertise für die öffentliche Diskussion über Fragen der politischen, wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen Entwicklung von Staat und Gesellschaft zu sein. Auch die Tatsache, dass das Verhältnis zu den außeruniversitären Forschungs- und Bildungseinrichtungen - vom Aspen-Institut bis zum Wissenschaftszentrum Berlin - kaum in den Blick genommen wird, ist daher zu bedauern.

Diese Mängel zeigen sich deutlich an der öffentlichen Diskussion über eine ersatzlose Schließung des Osteuropa-Instituts. Wo in Deutschland sollte es ein Osteuropa-Institut geben, wenn nicht an einem Standort mit drei Universitäten, einer Vielzahl nicht-universitärer Forschungseinrichtungen und zahlreichen politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Verknüpfungen mit dieser Region? Welche Universität eignet sich hierfür besser als die Freie Universität mit der im Otto-Suhr-Institut aufgegangenen ehemaligen Deutschen Hochschule für Politik und einer vorzüglichen Forschungsbibliothek? Die FU wird sich der Aufgabe einer Erneuerung des Osteuropa-Instituts stellen - eine Schließung aber wird abgelehnt.

Während der Wissenschaftsrat die Entwicklung der Geisteswissenschaften an der Freien Universität erfreulich positiv kommentiert, werden die teilweise kritischen Aussagen zu einigen Sozialwissenschaften, Rechts- und Wirtschaftswissenschaften ernsthaft zu beachten sein. In der Tat muss die Freie Universität in diesem Bereich ihre Schwerpunkte noch stärker entwickeln, und zwar durch wissenschaftlich starke, sinnvoll strukturierte und mit benachbarten Fächern eng kooperierende Disziplinen. Der Wissenschaftsrat scheint allerdings übersehen zu haben, dass einige der empfohlenen Maßnahmen bereits umgesetzt werden.

Die Empfehlung "interuniversitäre Zentren" in den "kleinen Fächern" zu bilden, betrachten wir zunächst mit Zurückhaltung - nicht aus inhaltlichen, sondern aus administrativen Gründen. Denn Entscheidungswirrwarr durch institutionelle Mischung und mangelnde Klarheit bei der Zuordnung dürfen nicht entstehen. Der Wissenschaftsrat misst hier der administrativen Gestaltung zu wenig Gewicht bei. Die notwendige fachliche Kooperation über Universitätsgrenzen hinweg könnte eher durch ein Modell gestaltet werden, das Erfahrungen mit den Sonderforschungsbereichen und Graduiertenkollegs entspricht, als durch Gründung komplizierter Strukturen zwischen den Universitäten.

Insgesamt sehen wir in den Empfehlungen konstruktive Anregungen zu einem Zeitpunkt, in dem die FU nicht nur in erheblichen Haushaltsnöten, sondern auch vor strategisch wichtigen Entscheidungen steht: Eine tiefgreifende personelle Erneuerung steht bevor, eine grundlegende technische und bauliche Erneuerung ist dringlich, die Konzentrierung auf einen Dahlemer Kern-Campus und eine neue "corporate identity" erscheinen möglich. Dies müssen wir selbstbewusst als neue Chance werten, so schwierig die Umsetzung auch sein wird.Der Autor ist Präsident der Freien Universität

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