Gesundheit : Die Erde, eine enge Wohnung

Am Sonntag wird in Schloss Gottorf der rekonstruierte Riesenglobus eröffnet

Michael Zajonz

Die Erde erscheint hier zwar nicht mehr als Scheibe, befindet sich aber noch im Zentrum des Universums. Wer den Gottorfer Riesenglobus durch die Einstiegsluke mit dem herzoglichen Wappen betreten und auf der kleinen Rundbank in seinem Bauch Platz genommen hat, sitzt in einem der ältesten Planetarien Europas. Es folgt dem ptolemäischen, geozentrischen Weltbild, das von der Antike bis weit in die Neuzeit hinein verbindlich blieb. Über drei Meter beträgt der Durchmesser der Kugel, die acht bis zehn Sternengucker aufnehmen kann. Kleine erhabene Sternchen aus Messing leuchten am tiefblauen Firmament. Die Sternbilder sind mit ihren Symbolen an die gekrümmte Innenwand gemalt. Die Stellung der Erde wird durch eine Halbkugel aus Messing markiert. Unter ihr rumpeln die Zahnräder des Getriebes.

Genau genommen ist es nur eine Nachbildung, die am Sonntag im Schleswig-Holsteinischen Landesmuseum Schloss Gottorf dem Publikum übergeben wird. Der alte Riesenglobus, innen Himmel, außen Erde, der ab 1650 im Auftrag Herzog Friedrichs III. von Schleswig-Holstein-Gottorf von seinem Hofgelehrten Adam Olearius geplant und gebaut worden war, gehörte zu den wissenschaftlich-mechanischen Wunderwerken des Barock. Immerhin war er noch ein halbes Jahrhundert später so berühmt, dass ihn der russische Zar Peter der Große als Kriegsbeute nach St. Petersburg schaffen ließ. Seine avancierte Getriebetechnik ging schon auf dem Transport verloren, in Russland ist die Holzkonstruktion dann mehrfach abgebrannt. Nur noch das Gerüst des heute im St. Petersburger Lomonossow-Museum aufbewahrten Stückes ist original.

Die Idee zur Rekonstruktion des verlorenen Gottorfer Weltwunders stammt vom Kunsthistoriker Herwig Guratzsch, der vor fünf Jahren aus Leipzig als Direktor der Landesmuseen nach Schleswig gekommen ist. Extrakosten durften seine hochfliegenden Pläne nicht verursachen, und so gewann Guratzsch bedeutende Mäzene. Der Hermann-Reemtsma-Stiftung war der Nachbau von Globus und Globushaus 2,5 Millionen Euro wert; der umliegende barocke Terrassengarten wurde mit Mitteln der Bundesstiftung Umwelt, der Zeit-Stiftung und der Stiftung Denkmalschutz rekonstruiert. Um all das zu erhalten, werden Eintrittspreise von bis zu 13 Euro fällig.

Neugierig macht das Garten-Globus-Gesamtkunstwerk allemal: Wer den halben Kilometer vom Residenzschloss durch naturnahen Wildwuchs bis zum nach gartenarchäologischen Befunden penibel wiederhergestellten „Neuwerk-Garten“ nördlich der Schlossinsel zurückgelegt hat, wähnt sich wie auf einem anderen Stern. Thomas Albrecht vom Münchner Architekturbüro Hilmer & Sattler und Albrecht entwarf ein Belvedere aus zwei ineinander geschobenen Kuben, das weder historisierend noch richtig modern sein will. In Anlehnung an das schon im 18. Jahrhundert abgebrochene Globushaus ist ein Vierkant mit Dachterrasse, feinem Fassadenrelief und Panoramafenstern entstanden, hinter denen der Globus lockt.

Globushaus im Park von Schloss Gottorf in Schleswig, bis Oktober täglich 10 bis 18 Uhr.

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