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In Europas Forschung läuft manches falsch. Was sich ändern muss, damit es mit der Wissenschaft vorangeht

Ernst-Ludwig Winnacker

In den letzten 15 Jahren wurden 101 Nobelpreise vergeben. Doch von ihnen gingen nur 23 nach Europa, während 68 an Wissenschaftler vergeben wurden, die in den USA tätig sind. Das ist bedauerlich, aber es ist kein Wunder. Denn Tatsache ist: Forscherteams von Weltklasse werden in Europa vielfach nicht ausreichend gefördert. Dabei haben sich die europäischen Staatschefs bereits 2001 in Lissabon vorgenommen, die EU bis 2010 zur „most competitive and dynamic knowledge based economy in the world“ zu machen. Was muss sich in der europäischen Forschungsförderung ändern, damit diese Rechnung aufgeht? Und woran mangelt es im Moment vor allem?

Die meisten wissenschaftlichen Publikationen sind heute das Ergebnis zum Teil jahrelanger Teamarbeit international zusammengesetzter Forschergruppen. Denn die Fragen, die uns die moderne Wissenschaft stellt, sind komplex. Die Einsicht, dass es komplexe Systeme gibt, deren Eigenschaften nicht aus ihren Einzelteilen erkennbar sind, und der Versuch, sie zu verstehen, haben die Struktur der Wissenschaft und der hinter ihr stehenden Organisationen verändert.

Dem Trend, in teambasierten Forschernetzen zu arbeiten, tragen die Kriterien der Sonderforschungsbereiche der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), ihrer Graduiertenkollegs oder auch die des Elitenetzwerks Bayern Rechnung: Der wissenschaftliche Nachwuchs soll bereits während des Studiums, spätestens aber in der Promotionsphase, die Voraussetzungen erwerben. So weit die subnationale und die nationale Ebene – wie sieht es auf europäischer Ebene aus?

Dass Europa sich diesen Herausforderungen stellt, zeigt sich am aktuellen EU-Forschungsrahmenprogramm: Es zielt darauf ab, die Leistungsfähigkeit Europas durch so genannte „Integrated Projects“ und „Networks of Excellence“ zwischen Forschern aus dem öffentlichen Sektor und der Industrie zu erhöhen. Diese Initiativen – aber auch so erfolgreiche Einrichtungen wie das CERN, die European Molecular Biology Organisation (EMBO) oder die European Space Agency (ESA) – gehören in das Konzept der „European Research Area“, also des gemeinsamen europäischen Forschungsraumes.

Allerdings konnten gerade die Rahmenprogramme nur sehr bedingt die Leistungsfähigkeit von Forschung und Entwicklung in Europa steigern. Trotz einiger Verbesserungen leiden die Programme unverändert unter einer großen administrativen Last und einem Zwang zu einer Art der Netzwerkbildung, die viel zu sehr auf Zusammenhalt als auf wissenschaftliche Exzellenz ausgerichtet sind. Hinzu kommt: Die EU hat mit ihrem Ziel, die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Industrie zu fördern, die Grundlagenforschung, die Teil des Innovationsprozesses ist, vernachlässigt.

Diese Einsicht mag auf den ersten Blick überraschen, da in Europa eine Menge Geld in die Grundlagenforschung investiert wird, und zwar aus nationalen Quellen, darunter auch von nationalen Forschungsförderorganisationen. Allein deren Ausgaben werden auf gut 18 Milliarden Euro pro Jahr geschätzt. Allerdings ist der Einsatz dieser Mittel auf dem nationalen wie dem internationalen Parkett eingeschränkt. Einige Beispiele:

– Zu viele der Förderorganisationen stehen als staatliche Einrichtungen in der direkten Einflusssphäre der jeweiligen Regierungen. Die DFG stellt mit ihrer politikfernen Organisation eine Ausnahme dar. Politiknähe birgt die Gefahr, dass allzu viele nichtwissenschaftliche Parameter bei den Förderentscheidungen berücksichtigt werden müssen.

– Bedingt durch die Fragmentierung der Forschungsstrukturen in Europa ist der Wettbewerb im internationalen Vergleich nicht breit und intensiv genug. Das kann bei fehlender kritischer Masse, besonders in kleinen Ländern, leicht zu einer Fehleinschätzung dessen führen, was Exzellenz und Elite im internationalen Vergleich bedeuten.

– Selbst wenn nationale Förderer bestrebt sind, dieses Manko zu beheben, ist wissenschaftsgetriebene Forschung auf transnationaler Ebene oft durch rechtliche oder fiskalische Rahmenbedingungen eingeschränkt und damit nur unter ungünstigen Bedingungen möglich.

Als Fazit bleibt: Forscherteams von Weltklasse, unabhängig von den Strukturen, werden vielfach nicht ausreichend gefördert, da insbesondere kleinere nationale Förderer ihre Mittel nur schwer auf einige wenige Teams konzentrieren können.

Zwei Lösungsansätze bieten sich hier an:

Zunächst sind die nationalen Forschungseinrichtungen und Förderorganisationen gefragt, ihre nationalen Aktivitäten so zu vernetzen, dass sie dem gemeinsamen Ziel eines kompetitiven europäischen Forschungsraumes dienen. Dies setzt voraus, dass entsprechende Initiativen auch von Staatsseite mitgetragen, unterstützt und mit Handlungsfreiheit belohnt werden. Positiv ist in dieser Hinsicht zu vermelden, dass sich zwölf Forschungsorganisationen in Europa auf Initiative der DFG darauf verständigt haben, Antragstellern, die in eines der kooperierenden Länder umziehen, die Mitnahme ihrer bewilligten Mittel zu erlauben. Die Betroffenen betrachten dies als einen sehr hilfreichen Beitrag zur Mobilität von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in Europa.

Zum Zweiten: Die europäische Kommission sollte auf eine seit langem geäußerte Bitte der Wissenschaft eingehen und eine europäische Organisation zur Förderung der Grundlagenforschung etablieren. Zur Einrichtung dieser Organisation, die auch European Research Council (ERC) genannt wird, liegen ein Grundsatzpapier der Kommission vom Januar 2004, eine Grundsatzentscheidung des Ministerrats und ein Kommissionsbeschluss vom 15. Juni 2004 vor. Unverzichtbare Rahmenbedingungen für eine solche Einrichtung sind aus der Sicht der Wissenschaft ihre Politikferne, ihr ausschließlicher Bezug auf wissenschaftliche Exzellenz und ein Fördermechanismus, der allein auf international anerkannten Mechanismen des Peer Review erfolgt. Bislang hat die Kommission diese Rahmenbedingungen akzeptiert, so dass es trotz aller gebotenen Skepsis denkbar erscheint, dass zum 1. Januar 2007 eine solche Organisation gegründet wird.

Ist ein ERC erst einmal etabliert, müssen sich die nationalen Förderer darauf einstellen, dass die bloße Vernetzung untereinander nicht ausreichend ist, sondern auch eine Zusammenarbeit mit dem ERC gefunden werden muss. Ziel ist und bleibt, die Effizienz der Fördermaßnahmen und den europäischen Mehrwert zu steigern. Weder darf es eine reine Doppelförderung geben, noch kann auf den Wettbewerb untereinander verzichtet werden. Sollte es gelingen, von Anfang an die genannten Rahmenbedingungen durchzusetzen – am Anfang werden die Standards gesetzt –, dann werden diese Entwicklungen nachhaltig zur Elitebildung im europäischen Forschungsraum beitragen.

Der Autor ist Biochemiker, seit 1998 ist er Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und seit 2003 Chairman beim European Union Research Organisation Heads of Research Council (EUROHORC)

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