Gesundheit : „Die Erinnerung fällt über einen her“

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Von Tom Heithoff

Es dürfte nicht viele Wissenschaftler geben, die eine stärkere Sogwirkung haben als eine laue Sommernacht. Aleida Assmann, in Konstanz lehrende Literaturwissenschaftlerin, gehört zu diesen wenigen. Als sie im Rahmen der „Mosse-Lectures" in der Humboldt-Universität über „Vier Formen von Gedächtnis" sprach, platzte der Senatssaal aus allen Nähten. Und niemand blickte sehnsuchtsvoll hinaus in den warmen Himmel. Gedächtnis und Erinnerung – dieses Thema beschäftigt Aleida Assmann seit vielen Jahren, so dass sie selbstironisch „eine gewisse Monomanie" diagnostizierte. Aber dagegen könne man nun einmal ebenso wenig tun wie gegen Erinnerungen.

Eine Erinnerung macht man sich nicht. Sie macht sich vielmehr über einen her. Dies sei kennzeichnend für das individuelle Gedächtnis, das Assmann als erste Form von Gedächtnis bezeichnet. Dem Schriftsteller, dem „professionellen Erinnerer", dient die Erinnerung „als Fundgrube, Müllhalde, Archiv". Proust mit seiner „Recherche" ist für diesen Typus wohl das bekannteste Beispiel, wenn ihm der Geschmack des Madeleine-Gebäcks eine ganze Erinnerungswelt aufschließt. Aber auch Zeitgenossen wie Günter Grass hätten die eigene Erinnerung oft „als Hauptnahrungsmittel" bezeichnet.

Von diesem individuellen Gedächtnis setzt Assmann drei Formen des kollektiven Gedächtnisses ab: das soziale, das politische und schließlich das kulturelle Gedächtnis. „Das soziale Gedächtnis bildet sich erst in der Kommunikation heraus", sagt Assmann. Dazu gehöre das Generationen-Gedächtnis, das „entscheidend ist für die persönliche Entwicklung in der Zeit". Jede Generation teile – auch unbewusst – gewisse Anschauungen und Überzeugungen. Da „wir immer schon Teil des sozialen Gedächtnisses sind", könne man sich diesem auch nicht entziehen. Erst bei einem Generationenwechsel verschiebe sich das Erinnerungsprofil und sorge für Wandel und Erneuerung – wie im Falle der 68er, die „das Schweigen der vorhergehenden Generation durchbrochen" haben.

Opfer werden zu Heroen

Im Unterschied zu Individuen und Generationen haben Staaten kein Gedächtnis, aber sie machen sich eines durch Denkmäler, Jahrestage, Rituale und schaffen sich damit zugleich eine Identität. Bei diesem politischen Gedächtnis, dem „Gedächtnis von oben", haben symbolische Zeichen die Aufgabe, „Erinnerung in die Zukunft hineinzutragen". Sie weisen also weit über die lebenden Generationen hinaus. Nur jene Zeichen gehen in das politische Gedächtnis ein, die das positive Selbstbild stärken.

Dabei zählen nicht nur Siege, sondern auch Niederlagen, „wenn eine Nation ihre Identität auf Opferbewusstsein gründet" – wie bei den katholischen Iren, die 1690 vom englischen König geschlagen wurden und dies bis heute „öffentlich zur Schau stellen und daraus einen mobilisierenden Effekt" ziehen. Wer Opfer war, könne durchaus ein heroisches Geschichtsbild aufbauen.

Heute gehe die Entwicklung allerdings weg von der egozentrischen Sichtweise, hin zu einer „Globalisierung des Erinnerns", bei der die „Verantwortung des gemeinsamen Erinnerns" ins Zentrum rückt, so dass Staaten wie Kanada oder die USA sich für einstige Verbrechen an den Ureinwohnern entschuldigen.

Diese drei Gedächtnisformen münden ins kulturelle Gedächtnis, das sich auf Speichermedien wie Bücher, Filme, Fotos stützt. Damit Dinge aber ins kulturelle Gedächtnis eingehen können, muss erstens eine Auswahl getroffen werden und müssen zweitens „die Voraussetzungen für die Aneignung des Wissens bestehen". Das kulturelle Gedächtnis ist also „mehr als eine Rückholung des Verdrängten ins Speichergedächtnis". Es ist ein Funktionsgedächtnis, das im Erinnern zugleich die Erinnerung problematisiert. Vor allem die Literatur sei dafür geschaffen, alle Gedächtnisformen ins kulturelle Gedächtnis „zu transzendieren und auf einer höheren Stufe aufzuheben". Indem die Literatur das Vergangene vom Konkreten löst und überformt, wird es auch für neue Generationen zugänglich: Das Vergangene wird integriert.

Assmann verweist auf Grass, der in seiner Novelle „Im Krebsgang" über den Untergang der „Wilhelm Gustloff" im Jahre 1945 eine neue Form der Selbstverständigung über die eigene Geschichte, über das verdrängte Thema der deutschen Opfer gefunden hat. „Dieser blinde Fleck der 68er war zu einem Tummelplatz der verdrängten Erinnerung geworden".

Das kulturelle Gedächtnis zeichne sich allerdings dadurch aus, dass es die Dinge nebeneinander stehen lassen kann. Klingt das alles nicht ein wenig abstrakt? Es ist abstrakt, sagt Assmann. „Ich verstehe Gedächtnis als strukturelle Metapher. Das kulturelle Gedächtnis ist keine Realität. Es ist eine Aufgabe, an der man arbeiten muss."

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