Gesundheit : Die erspielte Chance

Eine erste Fremdsprache lernen deutsche Kinder jetzt schon in der ersten oder dritten Klasse – und fangen damit ganz behutsam an

Simone Leinkauf

GRUNDSCHÜLER LERNEN FRÜHER ENGLISCH UND FRANZÖSISCH

Seit Ende Juni steht er auf den Bestsellerlisten ganz oben: Harry Potter, Band fünf. Nie zuvor hat das in Deutschland ein englischsprachiges Buch geschafft. Und nicht nur Erwachsene, auch Schüler, die gerade einmal zwei oder drei Jahre Englisch gelernt haben, wagen sich an das Unternehmen, Hunderte von Seiten in der Originalsprache zu lesen. Und es werden wohl in Zukunft deutlich mehr werden, die im Grundschulalter zu englischer Lektüre greifen: Weit über zwei Millionen Kinder in der Bundesrepublik werden im neuen Schuljahr bereits in der Grundschule eine Fremdsprache lernen.

Gut motiviert

Sie steigen entweder in der ersten oder in der dritten Klasse regulär in eine neue Fremdsprache ein. Fremdsprachenunterricht schon in den ersten vier Klassen – das ist ab dem Schuljahr 2003/2004 bundesweiter Standard, auch wenn die einzelnen Länder in unterschiedlichen Grundschulklassen beginnen. In Ländern wie Berlin, Hamburg, Niedersachsen und dem Saarland lernen die Kinder ab der dritten Klasse eine Fremdsprache, in Baden-Württemberg wird bereits in der ersten Klasse angefangen (siehe Tabelle).

In Berlin bieten 430 Grundschulen Englisch als erste Fremdsprache ab Klasse drei an. In 44 der Schulen kann auch mit Französisch begonnen werden, wobei darauf geachtet wurde, dass es in jedem Bezirk mindestens eine Schwerpunktschule mit Französisch gibt. Hinzu kommen vereinzelt noch bilinguale Schulen mit einem spezifischen Fremdsprachenangebot und die Europaschulen mit insgesamt neun Fremdsprachen.

Der frühe Sprachenunterricht sei für die Kinder eine große Chance, sagt Herbert Puchta, Professor für Englisch und Didaktik an der Pädagogischen Akademie in Graz. Jüngere Kinder lernten Sprachen mit einer Leichtigkeit, die später nicht mehr zu haben sei. „Die Sechs- bis Zehnjährigen sind meist gut motiviert, haben noch keine Sprechangst und lernen deshalb besonders leicht eine gute Aussprache“, sagt Puchta. Die Erfahrungen hätten auch gezeigt, dass der frühe Fremdsprachenunterricht positive Auswirkungen auf das gesamte Lernen in der Schule hat. Er setzt kreative Kräfte frei und stärkt das Selbstbewusstsein der Kinder.

Vor dem frühen Englisch- oder Französischunterricht für alle Kinder warnt Bettina Hurrelmann, Professorin für Literaturdidaktik an der Universität Köln. Erstklässler, die nicht mit Deutsch als Muttersprache aufgewachsen sind, könnten überfordert sein – und ihre Lehrer auch. Ein Schulleiter aus Baden-Württemberg, wo seit Jahren ein Modellversuch mit Frühenglisch läuft, hält es dagegen für gut, wenn ausländische Kinder neben Deutsch noch eine zweite indogermanische Sprache lernen.

Der Fremdsprachenunterricht in den frühen Klassen stellt auch die Lehrer vor neue Herausforderungen. Anders als beim Sprachenbeginn ab Klasse fünf stehen für die Sechs- und Siebenjährigen oder gar Vorschüler nicht Grammatik, Wortschatz und Aussprache im Vordergrund, sondern Lieder, Geschichten und Rätsel. Inhalte und Aktivitäten müssen kindgerecht, lustbetont und ansprechend aufgebaut sein, um die Kinder zu erreichen.

Beim frühen Sprachenbeginn habe das Mündliche den absoluten Vorrang, sagt Marie Keenoy, Leiterin des Englischgrundschulteams beim Schulbuchverlag Cornelsen. Zuerst stehen Hörverstehen und Sprechen im Vordergrund des Unterrichts. Lesen und Schreiben in der Fremdsprache sollen die Kinder erst lernen, wenn sie in Deutsch einigermaßen sattelfest sind.

Speziell für die Zielgruppe der Englisch-Anfänger in den ersten Grundschulklassen bieten auch andere Verlage jetzt komplette Lehrwerke mit Begleitmaterialien an, die dem Anspruch der spielerischen Begegnung mit der Sprache gerecht werden. Und da für Grundschüler die Linie zwischen Realität und Fantasie noch fließend ist, werden beispielsweise auch Handpuppen zur Vermittlung der Sprache bei fast allen Lehrwerken mit angeboten.

Doch wie sollte eine Englischstunde in der Grundschule denn nun aussehen? Neue Wörter lernen die Kinder mit einem Lied auf den Lippen – oder mit rhythmischen Sprechübungen, so genannten „Chants“. Die Lehrer arbeiten auch mit Bildern und Videos. Die Kinder erarbeiten sich so kleine Geschichten, die sie dann erzählen und nacherzählen.

Eltern, die noch ganz anders Sprachen gelernt haben, könnte der neue, spielerische Weg fremd sein. Die positiven Erfahrungen im Modellland Baden-Württemberg zeigen indes, dass der frühe Fremdsprachenunterricht sich beim Lernen in der weiterführenden Schule auszahlt. Nicht zuletzt schaffen Fremdsprachen auch ein Bewusstsein für andere Kulturen und Verständnis für ausländische Mitschüler.

Der Weg zum Lieblingsbuch

Kinder sollten die neue Sprache allerdings nicht nur im Schulunterricht trainieren, sondern auch im Urlaub, in Sprachferien oder eben mit fremdsprachiger Lektüre. Erstlesebücher in Englisch von den Verlagen Oetinger, Ravensburger oder Loewe bieten Zweit- und Drittklässlern die Möglichkeit, sich auch zu Hause weiter mit der Fremdsprache zu beschäftigen. Der Weg zur Lektüre der Lieblingsbücher im englischen Original wird damit geebnet: Harry Potter, Band sechs, werden vermutlich noch mehr Schüler mit Begeisterung lesen, sobald es in Englisch erscheint.

Die Broschüre „Fremdsprachen in der Berliner Schule“ im Internet: www.sensjs.berlin .de/schule/schulische_angebote/fremdsprachen/fremdsprachen.pdf

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