Gesundheit : Die Erwählten

Post von der Uni: Wer in Berlin sein Studium aufnehmen darf – und wer nicht

Tilmann Warnecke

Auf einen Brief warten Studienbewerber in diesen Tagen ganz besonders. Der Absender ist eine Universität, und der Brief entscheidet über die Frage: Bekomme ich einen Platz an meiner Wunschuni? Bewerber für Berliner Unis gehören zu denen, die am meisten zittern. Eine Zusage für einen Studienplatz in der Hauptstadt ist besonders schwierig zu bekommen. Die Unis sind unter Abiturienten bundesweit beliebt, und sie gehören zu den Hochschulen, bei denen auf jedem Fach ein Numerus clausus (NC) liegt.

Jetzt steht fest, wie hoch die Hürden wirklich sind. Die erste Phase des Bewerbungsverfahrens ist abgeschlossen. Das beste Abitur müssen Bewerber demnach für Studiengänge in den Bio- und den Kulturwissenschaften mitbringen. So hat Biochemie an der FU einen NC von 1,4; Biotechnologie an der TU von 1,7. An der Humboldt-Universität ist die Hürde für die Kultur- sowie die Musik- und Medienwissenschaften am höchsten. An der FU hatten es die Bewerber in diesen Fächern kaum leichter.

Prinzipiell ist es für Studienanfänger deutlich schwieriger, in den besonders nachgefragten Geistes- und Sprachwissenschaften einen Studienplatz zu bekommen als in den Natur- und Ingenieurwissenschaften. An der FU liegt der Numerus clausus in fast allen Geisteswissenschaften um 2,0. An der HU mussten Studienbewerber für Anglistik sogar einen Schnitt von 1,7 haben. In vielen technischen Fächern hingegen reichte ein deutlich schlechteres Abitur. Wer Maschinenbau an der TU Berlin studieren will, dem reicht schon ein Abiturdurchschnitt von 2,6. Für Chemie genügt die Note 2,5, für Informatik 2,7.

In Massenfächern wie Jura oder Wirtschaft bekommen Bewerber an allen Berliner Unis mit einem Notenschnitt zwischen 1,8 und 2,3 einen Platz. Auch für die Grundschulpädagogik liegt die Hürde hoch: an der HU bei 1,8, an der FU bei 2,0. In der Medizin oder Psychologie, die über die ZVS vergeben werden, stehen die Werte noch nicht fest.

Die Anforderungen an Bewerber, die in Berlin studieren wollen, sind also hoch. Doch sind sie höher als im Vorjahr? Kaum. Im Vergleich ist der NC nur in einigen Fächern gestiegen: für Jura an der FU etwa von 2,7 auf 2,3. Überwiegend ist der NC stabil geblieben. Dieses Ergebnis überrascht. Schließlich bewarben sich deutlich mehr Abiturienten als im letzten Jahr, während die Zahl der Studienplätze in etwa gleich blieb. 64 000 Bewerbungen trafen für rund 12 000 Studienplätze ein. Eigentlich gilt die Faustregel: Je mehr Bewerber auf einen Studienplatz, desto höher der NC in allen Fächern. Warum stieg der Wert oft dennoch nicht?

Die Unis erklären das mit einem veränderten Vergabemodus. Sie haben dieses Jahr die Quote derjenigen Studienplätze erhöht, die sie allein auf der Grundlage des Abiturschnitts vergeben. Es haben also mehr Bewerber als früher die Chance, über ihre Note einen Studienplatz zu bekommen. Dementsprechend kommen auch die Bewerber zum Zuge, die im letzten Jahr knapp am NC gescheitert wären. Leidtragende dieser neuen Regeln sind hingegen die Abiturienten, die ganz klar den Schnitt verfehlten und darauf angewiesen sind, ihre schwächere Note mit einer längeren Wartezeit wettzumachen. Für sie stehen weniger Plätze zur Verfügung.

Jörg Steinbach, Vizepräsident der TU, sagt, dass sich an seiner Uni inzwischen zudem weniger ausländische Studierende bewerben als früher. Sie würden erst für Masterstudiengänge oder Promotionen nach Deutschland kommen. Die für sie reservierten Plätze im Bachelorstudium könnten so unter den deutschen Studienanfängern verteilt werden. Davon profitierten die Berliner Abiturienten, die oft einen etwas schwächeren Notenschnitt hätten, sagt Steinbach. An der Humboldt-Uni ist die Zahl der Bewerbungen aus dem Ausland allerdings nicht zurückgegangen, sagt Vizepräsidentin Susanne Baer.

In vielen Fächern konnten die Unis trotz Numerus clausus sogar allen Bewerbern eine Zusage schicken. An der TU bekamen in mehr als der Hälfte der Studiengänge alle Bewerber einen Platz. Das liegt zum einen daran, dass in diesen Fächern nicht genügend Bewerbungen eintrafen. Zudem überbuchen die Unis ihre Studiengänge – ähnlich wie Fluglinien, die an mehr Passagiere Tickets verkaufen als Sitze in ihren Fliegern sind. Die Unis wissen, dass nicht alle Bewerber ihren Platz annehmen, da sie sich auch an vielen anderen Unis beworben haben und diese vorziehen könnten. In einigen Fächern liegt die Annahmequote bei gerade mal 50 Prozent.

Deswegen können sich jetzt auch noch Bewerber Hoffnungen machen, die erst einmal eine Absage erhalten. In mehreren Runden vergeben die Universitäten in den kommenden Wochen die Studienplätze, die wieder frei werden. Die NC-Werte in den Fächern könnten dann noch um einige Zehntel sinken.

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